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Die Wulff-Affäre Aufstieg und Fall des Christian Wulff
Thema Specials Die Wulff-Affäre Aufstieg und Fall des Christian Wulff
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16:26 18.02.2012
Von Matthias Koch
Christian Wulff beim Wahlkampf mit Helmut Kohl.
Christian Wulff beim Wahlkampf mit Helmut Kohl. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Christian Wulff hat einen ungewöhnlich niedrigen Blutdruck. Es ist bei ihm nichts Krankhaftes, eher eine vererbte Besonderheit, eine Typsache. Wulff gehörte nie zu jenen, die rot anliefen vor Wut oder schwer zu atmen begannen, wenn sie angegriffen wurden.

Doch wo blieb bei ihm die Reaktion auf Ärger, Konfrontationen, Verletzungen? Frühere Mitarbeiter Wulffs aus der Staatskanzlei sagen: Er brauste nie auf wie etwa sein Amtsvorgänger Sigmar Gabriel. Wulff fraß das Negative in aller Stille in sich hinein. Dass es wieder mal so weit war, merkte man, wenn er in seinen Bemerkungen sparsam, ätzend und schneidend wurde. Dann wurde er zum „lonely Wulff“ und ließ den Abstand zwischen sich und dem Rest der Welt wachsen. Wulff machte, wenn es dicke kam, regelrecht dicht.

Es war ein Verhaltensmuster, das er in der Kindheit in Osnabrück geübt hatte, als die Mutter multiple Sklerose bekam und der Vater die Familie verließ. Wulff selbst zog im Januar bei einer „Zeit“-Matinee in Berlin eine Parallele zur damaligen Extremsituation: „Ich habe schon ähnlich harte Zeiten wie jetzt erlebt“, berichtete er und beruhigte sogleich das mitleidsvoll aufmerkende Publikum: „Aber ich bekomme sehr, sehr viel Zuspruch bis in die heutigen Tage und ruhe deshalb in mir selbst.“

In diesem Sinne beschied er auch einige besorgte Anrufer. Es waren zuletzt nicht mehr viele alte Freunde, die noch zu ihm durchgestellt wurden. Einer von ihnen berichtete in der vorigen Woche, Wulff sei „finster entschlossen, die Sache durchzustehen“, er habe sich nämlich nach eigener Einschätzung nichts vorzuwerfen.

Bundespräsident Christian Wulff hat an diesem Freitag seinen Rücktritt erklärt. Ein Rückblick auf Wulffs politische Karriere.

Vielleicht wäre Wulff noch zu retten gewesen, wenn er sich nicht derartig eingeigelt hätte. Wenn er beispielsweise trotz seiner Spitzenfunktion im Bund noch einmal auf den niedersächsischen Landtag zugegangen wäre. Stattdessen sprach er etwa im Zusammenhang mit dem Nord-Süd-Dialog verächtlich davon, er wisse auch nicht, ob „Garderobenrechnungen“ vielleicht anders beglichen wurden als behauptet. Auch sein Verhältnis zu den Medien hätte er im Laufe der vergangenen zwei Monate ändern können. Stattdessen las er stumm die körbeweise in Bellevue eintreffenden nett gemeinten Briefe von Leuten, die sich teilweise eine niedliche vorrepublikanische Attitüde leisten nach dem Motto: Wenn einer erst mal Staatsoberhaupt in Deutschland geworden ist, sollte am besten gar nichts Ungünstiges mehr über ihn gesagt oder gar geschrieben werden. So entstand zuletzt ein Zustand, der mit dem Wort „entrückt“ noch milde umschrieben ist.

Dabei startete Wulff als einer, der Politik neu definieren wollte: reformbereit, pragmatisch, nah am Bürger. „Ehrlich, mutig, klar“ hieß eine seiner frühen Parolen. Im Jahr 1994 ließ Wulff bundesweit aufhorchen mit dem Spruch: „Ich verspreche, dass ich nichts verspreche.“Die Aufmerksamkeit für Wulff wuchs, als er 1997 den Mut fasste, eine Kabinettsumbildung in Bonn vorzuschlagen. Kanzler Helmut Kohl solle sich von Finanzminister Theo Waigel trennen, wenn der keine Steuerreform zustande bekomme. Der Vorstoß war unerhört: Soeben hatte sich ein niedersächsischer CDU-Chef mit dem damals noch gottgleich regierenden Kohl angelegt. In Hannover trafen Kamerateams aus ganz Deutschland ein, Wulffs Popularität und Bekanntheit wuchsen schlagartig.

Wulff hatte sich klug positioniert. Als CDU-Mann profitierte er vom Herbst 1998 an von diversen Unansehnlichkeiten der damaligen rot-grünen Regierungspolitik in Berlin. Zugleich hatte er Distanz zu Kohl geschaffen, schon bevor dessen Spendenaffäre sich im Winter 1999/2000 voll entfaltete. Wulff gewann in jener Zeit die klare Kontur eines Aufklärers. Und er blieb in eigener Sache auffallend bescheiden. Als ihn Expo-Mitarbeiter im Jahr 2000 samt Familie rasch durch einen VIP-Eingang auf das Gelände der Weltausstellung in Hannover lotsen wollten, winkte Wulff ab: Er sei privat da und warte deshalb wie jeder andere in der Schlange.

Im Januar 2003, in seinem dritten Anlauf, gewann Wulff schließlich die Landtagswahl in Niedersachsen. Jahre zuvor hatte Kohl in Bonn in kleinem Kreis gehöhnt: „Einer wie der Wulff schafft das nie.“ In Niedersachsen müsse man, predigte Kohl, durch Feuerwehrhäuser ziehen, zur Begrüßung kräftig auf den Tisch klopfen und Bier und Korn trinken wie einst Wilfried Hasselmann. Das habe Wulff nicht drauf. Auch Linke und Liberale meldeten soziokulturelle Vorbehalte an. Wulff? Dieser brav gescheitelte frühere Chef der Schüler Union? Der wisse doch gar nicht, maulte einst das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“, wie das ist, wenn man im Urlaub in Südfrankreich die schmutzigen Füße auf den Tisch legt und im Kreis von Freunden den Rotwein kreisen lässt.

Von der Inanspruchnahme eines günstigen Privatkredits über kostenlose Urlaube bei Unternehmern bis zur staatlichen Mitfinanzierung einer umstrittenen Lobby-Veranstaltung: Bundespräsident Christian Wulff wurde vielen Vorwürfen ausgesetzt. Geblieben ist wenig.

Doch über solche missgünstigen Betrachtungen war im Jahr 2003 die Zeit hinweggegangen. Es gab zum Beispiel plötzlich junge Eltern in Niedersachsen, die erstmals in ihrem Leben CDU wählten; ihnen genügte, dass Wulff die ungeliebte Orientierungsstufe abschaffte.

Zwei Jahre später war Wulff ein Star. Im Januar 2005 meldete die Forschungsgruppe Wahlen, Wulff habe im Politbarometer Schröder und Merkel hinter sich gelassen. Im Mai 2005, auf China-Reise, zuckte niemand im diplomatischen Tross zusammen, als Wulff von den Chinesen als „Deutschlands beliebtester Politiker“ und „möglicher künftiger Kanzler“ begrüßt wurde. Wulff genoss dies alles – aber Ehefrau Christiane machte den Rummel nicht mit. Während ihr Mann abends am heimischen Fernseher zufrieden die bunten Balken der jüngsten ZDF-Umfragen betrachtete, war sie unterwegs, zu einem Reitturnier mit Tochter Annalena. Wulffs Erfolg in der Politik begann eine unheilvolle Wirkung auf die Ehe zu entfalten. Im Juni 2006 gaben die Wulffs ihre Trennung bekannt.

Kurz zuvor, bei einer Südafrika-Reise im April, hatte Wulff Bettina Körner kennengelernt, damals PR-Frau bei der Continental AG. Ein Journalist der Deutschen Presse-Agentur bekam in Südafrika zur eigenen Verwunderung einen fröhlich tanzenden Ministerpräsidenten vor die Kamera. Eigentlich, sagte Wulff damals, sei er kein guter Tänzer und eher etwas gehemmt. Doch in Südafrika sei er „ein anderer Mensch geworden“.

Über einen etwas anderen Christian Wulff wunderten sich fortan auch viele bisherige Wegbegleiter. Als Wulff und seine neue Frau Bettina im Jahr 2008 im „Schlosshotel Münchhausen“ Hochzeit feierten, wurden alte Vertraute aus der Politik wie etwa David McAllister nicht eingeladen. Stattdessen erschienen neue reiche Freunde aus der Wirtschaft wie AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und RWE-Chef Jürgen Großmann. Direkt nach der Feier flogen die Wulffs in die Toskana, wo sie im Haus von Talanx-Aufsichtsratschef Wolf-Dieter Baumgartl Urlaub machten.

Die HAZ hat Prominente und Bürger Hannovers zum Thema Wulff befragt.

Seinerzeit machten Gerüchte die Runde, Wulff erwäge den Wechsel in einen hoch bezahlten Managerposten. Wollte er vor allem seiner „coolen Frau“, wie er sie selbst gelegentlich nannte, die Tür zu einem Jetset-Dasein aufstoßen, ihr die Welt zu Füßen legen? Verwerflich wäre das alles nicht. Doch dann hätte Wulff Merkel absagen müssen, als sie ihm 2010 anbot, Bundespräsident zu werden. Einen klareren Kurs hat der Hesse Roland Koch gefahren. Er hat der Politik komplett entsagt, wurde Vorstandschef beim Baukonzern Bilfinger Berger – und legte soeben eine Rekordbilanz hin. Ihn fragt kein Mensch nach irgendwelchen Hotelrechnungen. Aber Koch wollte auch nie im Bellevue wohnen.

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