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Die Wulff-Affäre Endgültiger Abschied mit Zapfenstreich
Thema Specials Die Wulff-Affäre Endgültiger Abschied mit Zapfenstreich
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09:34 09.03.2012
Von Alexander Dahl
Foto: Ein Geschenk zum Abschied. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff beim Großen Zapfenstreich.
Ein Geschenk zum Abschied. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff beim Großen Zapfenstreich. Quelle: dpa
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Berlin

Auf die näheren Umstände ging er jedoch nicht ein. Auch der Abschied war überschattet von Protesten und Kritik. Viel politische Prominenz blieb der militärischen Zeremonie fern. Auf dem Zapfenstreich – wie er zu Ehren von scheidenden Staatsoberhäuptern üblich ist – hatte Wulff bestanden. Während der Zeremonie im Garten des Präsidialamtes wirkte er sehr ernst. Auf persönlichen Wunsch des Ex-Präsidenten hatte die Bundeswehr vier Musikstücke im Programm, darunter auch die Europa-Hymne und den Song-Klassiker „Over the Rainbow“.

Vor dem Schloss machten einige hundert Wulff-Gegner ihrem Ärger mit Triller-Pfeifen und Vuvuzela-Tröten Luft. Der ohrenbetäubende Lärm war auch im Garten des Präsidialamtes laut zu hören – solche Proteste gab es bei Politiker-Abschieden in der jüngeren Geschichte noch nie. An der Zeremonie kamen zwar Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) als amtierendes Staatsoberhaupt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und mehrere Minister teil. Von Wulffs vier noch lebenden Vorgängern war jedoch kein einziger dabei. Auch die Opposition fehlte praktisch komplett.

Mit einem Großen Zapfenstreich in Berlin wurde ehemalige Bundespräsident Wulff endgültig aus dem Amt verabschiedet. Er war vor knapp drei Wochen zurückgetreten.

Im Schloss, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, nimmt die 200 Jahre alte Zeremonie des Großen Zapfenstreichs ihren Lauf. Wulffs Gesicht entspannt sich indes nicht. Es bleibt ernst. Auch als eine junge Soldatin ihm die große und gerahmte Abschiedsurkunde des Wachbataillons überreicht – eine Premiere am Weltfrauentag; in den Jahrzehnten zuvor trat dafür immer ein Soldat an.

Kurz zuvor hatte Horst Seehofer (CSU), bayerischer Ministerpräsident und als Präsident des Bundesrats Interimsstaatsoberhaupt, einen nicht öffentlichen Empfang im Schloss Bellevue gegeben. Seehofer hatte, so berichten es Teilnehmer, Wulffs Verdienste in dessen kurzer Amtszeit gewürdigt; sein Eintreten für die Integration von Migranten in Deutschland und den Zusammenhalt in der deutschen Gesellschaft. Unerwähnt blieb an diesem Abend die spontane Kritik aus der CSU, die es damals an Wulffs Integrationsrede gab. Seehofer sprach von „wichtigen Impulsen“, die Wulff gegeben habe: „Sie waren ein guter Vertreter des modernen Deutschlands.“

Wulff hielt auf dem Empfang eine Ansprache, deren Redetext vorab verbreitet wurde. Er äußerte „Bedauern“ darüber, dass er seine Amtszeit nicht zu Ende bringen konnte, sprach aber auch von Dankbarkeit über das, was er im Amt bewirken konnte. Er werde sich jedenfalls mit seiner Frau Bettina „engagiert für dieses Land einsetzen“. Mit Selbstironie sagte er in seiner Abschiedsrede: „Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen.“ Und schob noch mit Humor das Zitat des Dichters Wilhelm Busch nach: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“

Seinem Nachfolger Joachim Gauck, der am 18. März gewählt werden soll, wünschte Wulff „eine glückliche Hand für Deutschland und breite Unterstützung“. Erneut warb Wulff für Toleranz. „Vielfalt, Weltoffenheit, Freiheit und sozialen Ausgleich – das macht unser Land aus und stark.“ Und: Nach 37 Jahren politischer  Aktivität ermutige er gerade junge Menschen, „sich auf das Wagnis Politik einzulassen“, sagte der 52-Jährige.

Ausdrücklich bedankte sich Wulff auch bei „allen Bürgerinnen und Bürgern in unserer so aktiven Bürgergesellschaft“. Seine Frau Bettina lobte er, sie habe Deutschland „auf großartige Weise überzeugend repräsentiert“. Zu seiner persönlichen Zukunft sagte er nur: „Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt.“

160 Gäste sagten ab

Die Gästeliste des traditionellen Zeremoniells war nach Angaben des Präsidialamts im Vorfeld geschrumpft. 369 Gäste waren geladen worden; etwa 160 sagten ab. Viele Vertreter der Bundesregierung – darunter fast das gesamte Kabinett – waren gekommen; ebenso viele Mitarbeiter aus dem Bundespräsidialamt. Die Opposition war nicht anwesend; allerdings war auch niemand eingeladen worden. Renate Künast (Grüne) warf Wulff vor, mit der militärischen Verabschiedung der Bundeswehr zu schaden. Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel empfahl dem früheren Präsidenten, einen Teil des Ehrensolds für gemeinnützige Zwecke zu spenden und „vielleicht selber eine gemeinnützige Arbeit“ zu leisten.

Auch Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, freute sich, beim Zapfenstreich dabei zu sein. Er würdigte Wulffs Eintreten für Integration und religiöse Toleranz.

Wird Wulff politisch weiter dafür arbeiten können? Nach einer aktuellen Umfrage glauben nur noch 15 Prozent der Deutschen an ein Comeback.

(mit: dpa)

08.03.2012
Michael Grüter 06.03.2012
Alexander Dahl 06.03.2012