Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
HAZ-Themenwoche Schule Wie wichtig sind gute Noten?
Thema Specials HAZ-Themenwoche Schule Wie wichtig sind gute Noten?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:40 05.09.2012
Von Jutta Rinas
Foto: Nicht immer sind besonders gute Noten Ausdruck für hohe Begabung. Musterschüler haben nach Hüther einfach "das System durchschaut".
 Nicht immer sind besonders gute Noten Ausdruck für hohe Begabung. Musterschüler haben nach Hüther einfach "das System durchschaut". Quelle: dpa (Symbolfoto)
Anzeige
Hannover

Gerald Hüther ist ein Göttinger Hirnforscher und Bildungskritiker. Sein Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ ist bei Knaus erschienen. Hüther ist auch Mitinitiator der neuen reformorientierten Initiative „Schule im Aufbruch“.

Herr Prof. Hüther, was für Noten hatten Sie eigentlich in der Schule, eher gute oder schlechte?

Ich hatte erst eher mittlere Noten, Zweien und Dreien. Als ich dann aber merkte, dass ich gerne studieren möchte - und in der ehemaligen DDR in Leipzig kamen damals in Biologie auf 150 Bewerber 16 Plätze - habe ich die Anforderungen der Schule tapfer abgearbeitet. Ich habe einen Abiturschnitt von 1,5.

In Ihrem neuen Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ kommen ausgerechnet die Einserschüler schlecht weg. Sie behaupten, dass gerade Musterschüler später im Beruf oftmals den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen sind...

Den Kindern wird heute vermittelt, dass es vor allem auf Zensuren ankommt. Stoßen sie in der Schule auf ein Lieblingsthema und wollen zum Beispiel in Biologie plötzlich alles über Schmetterlinge lernen, dann wissen sie, dass sie sich spätestens nach einer Woche wieder auf Mathe, Deutsch und Englisch konzentrieren müssen. Sonst fallen sie da ja in den Noten ab.

Und Musterschüler machen das dann brav, Schmetterlinge hin oder her?

Musterschüler haben dieses System besonders gut durchschaut. Sie sind nicht notwendigerweise sehr kreativ oder eigenständig. Sie sind Pflichterfüller, sie arbeiten einfach vor jeder Klausur die Anforderungen ab. Dass Kinder in unserem Schulsystem lernen, ihre Begeisterung für bestimmte Inhalt zu unterdrücken, damit sie nur ja allen im Lehrplan vorgegebenen Stoff mitkriegen, ist besonders perfide.

Was für Fähigkeiten muss man aus Ihrer Sicht mitbringen, um im 21. Jahrhundert zu bestehen?

Man muss erst einmal sagen, was im20. Jahrhundert wichtig war. Es war wichtig, möglichst viel zu wissen, den Bildungskanon zu beherrschen, schon um zu einer bestimmten Schicht dazuzugehören. Das 20. Jahrhundert war das Maschinenzeitalter, die Menschen sollten wie Maschinen funktionieren. Überall herrschten strenge Hierarchien, am Fließband, im Krieg, in Auschwitz, an der Universität. Man musste den von oben diktierten Anforderungen genügen.

Und heute?

Wenn man sich heute an den Unis oder in der Wirtschaft umguckt, dann sind Leute mit Eigenverantwortung gefragt. Firmen brauchen Teamarbeiter und Persönlichkeiten, die andere selbstständig und gut führen können. Wenn man zu glatt durch die Schule kommt, hat man nicht gelernt, zu scheitern und wieder aufzustehen. Wie man eigene Ideen entwickelt, statt Vorgegebenes abzuarbeiten.

Ihrer Ansicht nach setzen Schulen heute auf eine veraltete „Begabungsideologie“, Sie behaupten, dass sie wie „Erbsensortieranlagen“ funktionieren ...

Wir verorten zum Beispiel Hochbegabung vor allem in den Künsten und im kognitiv-analytischen Bereich. Unsere gesamte Hochbegabtenförderung ist auf diese Bereiche abgestellt. Wenn Gesellschaften aber nicht stagnieren wollen, wenn auch Neues gedacht werden soll, ist es wichtig, Fähigkeiten breit zu fördern. Es geht auch um Talente, von denen wir heute gar nicht wissen, ob sie in der Zukunft von Bedeutung sind. Manche Kinder können kein Mathe, aber sie können toll tanzen oder auf Bäume klettern. Wer weiß, wohin uns das führen kann. Wenn wir alle Kinder zwingen, sich an dieselben Bewertungsmaßstäbe anzupassen, entwickelt sich unsere Gesellschaft nicht weiter...

Sie behaupten in Ihrem neuen Buch, jedes Kind sei hochbegabt. Glauben Sie denn, dass in jedem Kind ein Mozart, Picasso oder Einstein steckt?

Ich glaube, dass jedes Kind auf seine Weise hochbegabt ist. Die Aufgabe von Eltern und Schule ist es, diese Begabungen zu entdecken. Das kann ein kleiner Mozart sein. Bei Einstein ist interessant, dass er seine analytische Schärfe vermutlich auch deshalb entwickelte, weil er eine Schwäche kompensieren musste. Einstein konnte sich emotional kaum in andere Menschen einfühlen. Er war darauf angewiesen, sich die Welt analytisch zu erschließen.

Auch behinderte Kinder können aus Ihrer Sicht hochbegabt sein...

Wir kennen heute Kinder, die ohne Arme geboren wurden. Sie zeigen uns, was mit den Füßen alles möglich ist. Kinder mit dem Downsyndrom galten früher als Menschen mit schweren geistigen Beeinträchtigungen, als Idioten. Heute machen die ersten von ihnen Abitur.

Wie kann Schule Ihre Erkenntnisse umsetzen?

Schule muss ein Ort sein, wo die Kinder weinen, wenn sie in die Ferien gehen. Lehrer müssen Kinder begeistern, sie müssen ihnen das Gefühl geben, dass es bedeutsam ist, was sie machen. Wir können aus der Hirnforschung lernen, dass Schüler sich Wissen viel schneller aneignen, wenn sie sich für etwas wirklich interessieren. Nur dann werden im Gehirn jene Botenstoffe ausgeschüttet, die für die Stabilisierung von neuen Netzwerken so wichtig ist. Dann behalten Schüler das Gelernte auch besser.

Sollen Lehrer sogenannte Potenzialentfaltungscoaches sein? Sie entwickeln gerade einen Masterstudiengang mit diesem Namen.

Lehrer sind gute Lehrer, wenn sie das Potenzial jedes Kindes erkennen und es in ihrem Unterricht berücksichtigen. Kinderhirne funktionieren nicht wie Trichter. Sie können nicht einfach oben Lehrstoff hineingießen, und dann kommt unten etwas Sinnvolles heraus.

Wie soll das in Klassen mit 25 bis 30 Schülern gehen?

Dass Schulklassen heute oft so unruhig sind, liegt nicht nur an der Größe. Es liegt auch daran, dass die Klassen von heute keine Leistungsgemeinschaften, sondern zusammengewürfelte Konkurrenzgemeinschaften sind. Es finden kaum Teambildungsprozesse statt. Und deshalb bestimmen am Ende häufig die, die am lautesten rufen. Das sind oft die, die schon dreimal sitzengeblieben sind. Es gibt heute Klassen, in denen Schüler sozial ausgegrenzt werden, wenn sie sich melden!

Was wäre die Alternative?

Dass man gemeinsam an etwas arbeitet. Dass jeder das, was er kann, einbringen darf. Wir nutzen die Fähigkeiten von Schülern so selten, um Mitschülern zu helfen. Jetzt, am Wochenende, werden ja wieder die Erstklässler eingeschult. Darunter sind immer auch einige, die schon lesen können. Die müssen ganz brav in der Klasse auch ihre A’s, B’s und C’s malen. Dabei könnten sie den Lehrern helfen, den anderen das Lesen beizubringen. Das würde viel schneller gehen.

Ein gutes Lernklima ist wichtig. Aber müssen nicht auch bestimmte Inhalte vermittelt werden, damit Kinder im 21. Jahrhundert bestehen? Passables Englisch beispielsweise oder auch die eine oder andere Chinesischvokabel?

Ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie es nicht funktioniert. Ich habe fast zehn Jahre lang Russisch in der Schule gehabt. Es hat mich nicht sonderlich interessiert. Und Fakt ist heute: Ich kann trotz des Unterrichts überhaupt kein Russisch. Ich habe in den oberen Klassen aber nebenbei aus Interesse an der Volkshochschule Englischkurse belegt. Das hat Spaß gemacht - und ist haften geblieben. Da kann ich heute etwas.

Interview: Jutta Rinas

Marina Kormbaki 05.09.2012
HAZ-Themenwoche Schule „Gelbe Seiten“ im Wandel der Zeit - Wer erfand das Reclam-Heft?
Karsten Röhrbein 08.09.2012
Lars Ruzic 05.09.2012