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Hannover im Jahr 1968 Das Lebensgefühl der Achtundsechziger
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13:29 19.10.2018
„Mini ole“: Kurze Röcke galten nicht als sexistisch, sondern als Ausdruck liberalen Lifestyles – besonders den Männern. Quelle: Joachim Giesel
Hannover

Manchmal verdichtet sich der ganze Geist einer Ära in einem einzigen Moment. In Hannover war der 8. April 1967 so ein Tag. An diesem Sonnabend stellte sich der Aktionskünstler Reinhard Schamuhn festlich gewandet in die Leine, ließ aus dem Ventil eines Autoschlauchs eine Brise Pariser Luft zischen und kippte feierlich einen Kanister echtes Seinewasser in den Fluss. An diesem Tag veranstaltete er – inspiriert vom HAZ-Redakteur Klaus Partzsch – nach Pariser Vorbild den ersten Flohmarkt in Hannover.

Die ganze Aktion passte zum Lebensgefühl, das um 1968 herum in der Stadt herrschte: Sie war kreativ und verrückt, anarchisch und ironisch – und sie war beseelt davon, etwas Neues auf die Beine zu stellen, die Welt ein wenig bunter und besser zu machen. „Ich wollte die Leute aus den Kneipen holen“, erklärte Schamuhn im Rückblick bierernst, „in den Sechzigern wurde einfach zu viel getrunken.“

So war das Lebensgefühl um 1968 in Hannover

Der 2013 verstorbene Künstler war immer wieder für ausgefallene Unternehmungen gut. Einmal versuchte er, für ein Unterwasserkonzert ein Klavier im Maschsee zu versenken. Doch das Instrument wollte partout nicht untergehen. „Jetzt weiß die Welt, dass Klaviere schwimmen“, sagte er selbst lakonisch.

Glaube an Fortschritt

Zu allen Zeiten verbinden sich Musik und Politik, Mode und Moral, Kunst, Wohlstand und Wetter zu einem bestimmten Lebensgefühl; zu einem Zeitgeist, der sich schwer steuern und berechnen lässt, der aber einer Epoche sein Signum aufdrückt. Natürlich lebten 1968 nicht alle jungen Leute in WGs, in denen man unterm Che-Guevara-Poster zur Musik der Doors zwischen zwei Akten der sexuellen Befreiung kiffend die Weltrevolution diskutierte. Die „Bravo“ prämierte 1968 Roy Black und Wencke Myhre mit ihrem „Goldenen Otto“.

Und doch gab es in den Sechzigerjahren einen ungebrochenen Fortschrittsglauben; einen Optimismus, der die Mondlandung ebenso möglich machte wie den Bau von Atomkraftwerken und das Aufbrechen traditioneller Geschlechterrollen. Alles schien machbar, das Wachstum schien grenzenlos, und den meisten galt es als ausgemacht, dass es immer weiter auf- und vorwärts gehen würde.

Die Rebellion fand in langen Haaren, kurzen Röcken und lauter Beatmusik schon ihren Ausdruck, ehe die Achtundsechziger den Protest ins Politische wendeten. Der Historiker Edgar Wolfrum befand einmal, erst in den Sechzigern sei die Bundesrepublik zu einer „geglückten Demokratie“ geworden. Vielleicht ging es auch deshalb etwas pubertär zu – weil Deutschland erwachsen wurde. Und Hannover fand ganz eigene Wege dabei, sich vom Alten zu emanzipieren und Neues zu wagen.

Einer der Geburtshelfer der neuen Zeit war Martin Neuffer, Oberstadtdirektor von 1963 bis 1974. „Eine Lust am Aufbruch lag in der Luft“, sagte er selbst später über diese Zeit. Neuffer sorgte dafür, dass diese Luft nicht einfach wieder verwehte. Sein Straßenkunstprogramm machte die Stadt zu einer einzigen großen Ausstellungsfläche. Ein Ratsbeschluss verfügte am 27. Mai 1970 in bestem Bürokratendeutsch, „das Lebensgefühl in einem zunächst begrenzten Stadtbereich durch intensive Einbeziehung von Kunstwerken und Kunstaktionen in dem öffentlichen Straßenraum zu verändern und zu steigern“. Binnen drei Jahren wurden für rund 1,4 Millionen Mark 27 Kunstwerke gekauft und aufgestellt.

Kunst auf der Straße

„Das Programm war der Versuch, Kunst aus den Museen zu holen und das Elitäre an ihr zu überwinden“, sagt Timm Ulrichs. Der „Totalkünstler“ entdeckte damals den Geist von Kurt Schwitters neu – und wagte selbst Experimente, die in die Kunstgeschichte eingingen. Schon 1964 mietete er einen Saal im Künstlerhaus und stellte dort einen Kohlkopf aus, beschriftet mit dem Zettel „Banalistisches Kunstwerk“. Bei den Etablierten stießen Pioniere wie er auf Unverständnis. Als er einmal seriell gestapelte TV-Geräte ausstellen wollte, feindete ein Galerist ihn an: „Solche Sachen machen nur Schwule und Perverse!“

Um Kunst schaffen zu können, verkaufte Timm Ulrichs damals Softeis am Steintor; 15 Stunden am Tag, für 2 Mark die Stunde. Er hauste in Wohngemeinschaften oder einem abrissreifen Haus in der Nähe des heutigen Bredero-Hochhauses. „Einmal hatten Obdachlose die Tür aufgebrochen und sich in meiner Wohnung einquartiert“, sagt er. „Ich musste einen Kasten Bier in die Etage darunter stellen, um sie wieder rauszulocken.“

Trotz aller Widrigkeiten spricht er mit viel Enthusiasmus von jenen Jahren. „Die Fünfziger waren trist, langweilig und reaktionär“, sagt er. „Dann kam eine Aufbruchszeit; in der Gesellschaft und in der Kunst.“ Er weiß noch, dass es unweit der Holländischen Kakao-Stube einen psychedelischen Poster-Shop gab. Man hörte Musik von Tangerine Dream oder Amon Düül, aber auch die Bee Gees spielten 1968 in der Niedersachsenhalle.

Die Jahre um 1968 lagen in jenem hedonistischen Winkel der Weltgeschichte, in dem die Pille schon erfunden, aber Aids noch unbekannt war. In dem es schon viele Drogen gab und erst wenige Drogentote. „Sexuell war es eine lockere Zeit“, sagt Ulrichs. Wie Tausende andere machte er damals auch seine ersten Cannabis-Erfahrungen: „Eine Freundin hatte in der Schuhsohle eine ganze Platte Haschisch aus Nepal mitgebracht.“

„Verrückte Ideen damals“

Beim Straßenkunstprogramm stellte Timm Ulrichs vor der Marktkirche Wegweiser „Hier – 40 000 km“ auf; eine Anspielung auf eine Erdumrundung. „Leider waren sie nicht gut befestigt und nach ein paar Monaten wieder verschwunden.“ Ein anderer Künstler habe in Herrenhausen einen riesigen Graben ausheben wollen, einen Kilometer lang und bevölkert von lebenden Elefanten. „Es gab schon verrückte Ideen damals“, sagt Ulrichs, und er klingt nicht, als würde er das im Nachhinein missbilligen.

Mit dem Megafon in der Hand unterstützte er 1974 die Aufstellung von Niki de Saint Phalles Nanas. „Das war ein Fortschritt zu dem, was es bis dahin gab“, sagt er. Gleichwohl wurde über die Skulpturen mit einer heute kaum noch nachvollziehbaren Vehemenz gestritten. Nicht nur die Kunst, auch die Kunstkritik ging auf die Straße. Wie überhaupt alles auf die Straße ging.

Auf den Stufen des Opernhauses spielten 1967 Happy Jazz & Co. vor rund 200 meist jugendlichen Zuschauern. Der überschaubare Gig war der Auftakt zu den „Swinging Hannover“-Events, die 1971 wegen des U-Bahn-Baus an den Trammplatz verlegt wurden. Das erste der legendären Altstadtfeste zog 1970 rund 200 000 Menschen an nur einem Wochenende an; es gab Bier und Diskussionen und verrückte Aktionen, bei denen die Grenzen zwischen Spiel, Kunst und Spektakel verschwammen.

In Kneipen wie dem Maulwurf oder der Blockhütte schlugen Partygänger sich die Nächte um die Ohren, indem sie die Weltrevolution planten. Oder sie testeten aus, wie weit die sexuelle Revolution inzwischen gediehen war.

„Wir haben oft tagelang debattiert, dazu gab es gute Musik und pure Lebenslust“, sagt Birgit Battmer-Holz, die sich damals im SDS engagierte. Dabei bot die Welt eigentlich genug Anlass zur Sorge. Es gab Vietnam, Rassenunruhen in den USA, alte Nazis in hohen Ämtern. Und trotzdem herrschte ein schier grenzenloser Optimismus. Im Nachhinein wirkt die Ära wie ein spiegelverkehrtes Abbild unserer eigenen Zeit, in der ein relativ florierendes Land oft von Zukunftsangst geschüttelt wird.

„Wir waren eben fest davon überzeugt, dass wir alle Möglichkeiten haben, etwas zu verändern“, sagt Birgit Battmer-Holz. Sie überlegt einen Moment. Dann fügt sie hinzu: „Und das glaube ich auch heute noch.“

Von Simon Benne