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Landtagswahl David McAllister bereitet sich auf Landtagswahl vor
Thema Specials Landtagswahl David McAllister bereitet sich auf Landtagswahl vor
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08:05 03.12.2012
Von Klaus Wallbaum
Wie? Schon gehen? Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister will weiter Landesvater bleiben. Quelle: dpa (Archivfoto)
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Hannover/Berlin

Der Zug fährt an Charlottenburg vorbei. „Irgendwo da drüben muss es gewesen sein“, sagt David McAllister. Er kneift die Augen etwas zusammen, um die Häuser in der Ferne besser erkennen zu können. Seine Gedanken schweifen ab. Britischer Kindergarten, britische Grundschule – das war damals, in den Siebzigern, seine Welt. Als Sohn eines schottischen Militärangestellten wurde David selbstverständlich in Englisch unterrichtet. Nach der vierten Klasse wechselte er auf eine deutsche Schule, und da waren die Noten erst einmal schlecht. Im ersten Diktat eine Sechs, im zweiten eine Fünf – aber im dritten eine Zwei. Die Groß- und Kleinschreibung hat er nach und nach verinnerlicht. „Anstrengung zahlt sich eben aus“, sagt McAllister.

Der Ministerpräsident von Niedersachsen ist unterwegs nach Berlin. Eine wichtige Rede vor dem Beamtenbund steht an diesem Morgen an, seine erste Ansprache als Bundesratsvizepräsident. Er muss den Staatsmann geben. Für ihn wird es auch eine Reise in die eigene Vergangenheit.

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McAllister wuchs in Berlin auf, bis zum elften Lebensjahr, dann zog die Familie um ins eher dörflich-beschauliche Bad Bederkesa im Kreis Cuxhaven. Die frühesten Erinnerungen, die sich immer am tiefsten einprägen, hängen mit Berlin zusammen. Eben war vom Zugfenster aus Spandau zu sehen, dort stand einst das alte britische Militärhospital. „Wenn Rudolf Hess eingeliefert wurde, hat man hier alles abgesperrt“, erinnert sich McAllister. Die Queen hat er hier auch mal gesehen, als Sechsjähriger. Damals besuchte sie die britischen Truppen in Berlin. „Wir standen mit Fähnchen in der ersten Reihe.“

Fast alle aus der britischen Community sind irgendwann zurück auf die Insel gezogen. McAllister blieb in Deutschland, wurde bekannt, schaffte den politischen Aufstieg in der CDU. Kämpfen musste er  vielleicht weniger als andere. Er hatte in seinem Leben immer gute Freunde, die ihn begleitet und gefördert haben, auf deren Kameradschaft er bauen konnte – die auch den Ehrgeiz in ihm anstachelten. Aber es gab eben auch Zeiten, in denen er wegen seiner Herkunft gehänselt oder schief angeschaut wurde. Damit musste er dann doch allein fertig werden. Die deutschen Weggefährten konnten das nicht nachfühlen.

Die politische Welt, in der er sich bewegt, blieb dem ersten Ministerpräsidenten mit doppelter Staatsbürgerschaft  vielleicht auch deshalb immer ein bisschen fremd. Man merkt das in Momenten, in denen er Distanz zum Politikbetrieb sucht, den Dienstwagen stehen lässt, lieber bei McDonald’s als in einem feinen Restaurant isst. Oder wenn er sich über seine eigene Rolle lustig macht: „Im Handbuch für Ministerpräsidenten steht: Keine Schelte an den Staatsgerichtshof, an die Medien und an Frau Käßmann.“ Und es gibt Augenblicke, in denen McAllister ganz bewusst an die eigene Herkunft anknüpft: Dreimal hat er in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit Großbritannien offiziell besucht, so oft wie kein anderes Land. Gern gibt er Interviews auf Englisch und wirkt dann gelöst und locker – nicht steif und gekünstelt wie so oft im deutschen Fernsehen.

Die wichtigste Anknüpfung an seine schottischen Wurzeln aber ist eine Charaktereigenschaft – das typisch britische Understatement. Weniger im Sinne von  Untertreibung als im Sinne von demonstrativer Bescheiden- und Gelassenheit. Ein Hofstaat, ein roter Teppich, die strengen Vorschriften des Protokolls – das ist dem erst 41-Jährigen alles zuwider. Er ist lieber bei den einfachen Leuten, gern auch auf dem Lande. Und schätzt die scheinbar kleinen Erfolge. Er erzählt von den Leuten aus Stubben, einem Ort nahe der Nordseeküste mit 1500 Einwohnern: Jahrelang staute sich der Verkehr im Dorf, weil die Bahnschranken ständig unten waren. Jetzt war McAllister dabei, als eine Eisenbahnbrücke endlich eröffnet wurde und die Schlagbäume ausgedient hatten. „Das war ein Projekt, das mehr Vorbereitungszeit gebraucht hat als die Mondlandung“, scherzt McAllister.

Wenn er so etwas erzählt, leuchten seine Augen auf. „Am schönsten ist mein Amt, wenn ich für die Leute etwas erreichen kann“, sagt er, „wenn etwas vorangeht.“ Umgekehrt seien „endlose Quasselrunden, bei denen nichts rauskommt“ besonders abstoßend in der Politik.
Da spricht einer, den in Wahrheit wohl der enge Takt des hohen Amtes am stärksten nervt. In Wahlkampfzeiten wie jetzt besonders. An diesem Tag reihen sich Termin an Termin, erst in Berlin und dann in Hannover. Kaum hat er irgendwo ein Grußwort gesprochen, muss er wieder weiter. Beim Siemens-Wirtschaftsforum geht es um politische Philosophie, der Ministerpräsident preist seine Haushaltspolitik an. Als seine Rede endet, soll das Vier-Gänge-Menu gerade beginnen. McAllister muss mit knurrendem Magen weiter – zur Hauptversammlung von Haus & Grund. Und zwischendurch sind die beiden täglichen gelben Postkisten zu durchforsten: interne Vorgänge, Zuschriften, Vermerke aus der Staatskanzlei.

Bei Haus & Grund sind viele prominente Liberale anwesend, und McAllister wagt eine bemerkenswerte Verbeugung vor der in den Umfragen gebeutelten FDP: „Ohne die Freien Demokraten stünde ich jetzt nicht hier. Wir brauchen diese Partei in Deutschland und in Niedersachsen!“ Vertiefen kann McAllister diese Botschaft nicht, der nächste Termin am späten Abend wartet schon.

Wie kann ein Politiker, ein Vater zweier kleiner Mädchen, so ein Arbeitspensum packen? Gute Tipps für den Job hat er von Amtskollegen bekommen, dem früheren Hamburger Bürgermeister Ole von Beust und seinem Kollegen Horst Seehofer aus München, mit dem er sich sowieso bestens versteht. Jede freie Minute im Auto soll er für die Post nutzen, am Wochenende ausreichend schlafen und sich auf jeden Fall private Freiräume im Terminkalender reservieren, damit er nicht völlig von der Amtsroutine aufgefressen wird. „Meine Rückzugsräume, die habe ich nach wie vor!“, sagt er nachdrücklich, fast als fordere er sie gerade bei sich selbst ein.

Der Zug ist am Ziel, McAllister steigt aus und spricht kurz darauf vor dem Beamtenbund. Es wird eine präsidentiale, gleichwohl mit ein paar Anekdoten gespickte Rede. Der Funke springt über, bei seinen Witzen lacht das Publikum, starker Applaus belohnt ihn. Als er merkt, wie gut er ankommt, wirkt er richtig gelöst. In den ersten Monaten als Regierungschef war ihm die Berliner Politikbühne unheimlich, die vielen Fallstricke, das ausgiebige Getratsche der Leute. Inzwischen hat McAllister sich wohl auch daran gewöhnt. Und doch ist Lockerheit im eigentlichen Politikbetrieb nicht gerade sein Markenzeichen. Intern gilt McAllister als Politiker mit hohem Kontrollbedürfnis, der auch über Kleinigkeiten auf dem Laufenden gehalten werden will.

Im Dienstwagen zu Hause in Hannover nimmt der Pendler sich den ersten Schwung Akten vor. Mit grünem Chefstift fliegt er über die Papiere, macht Haken dran, legt Vermerke zur Seite, um sie später gründlicher zu lesen. Andere wirft er auf den Boden. Pressespiegel sind dabei, Pflichtlektüre. Er will wissen, was im Land berichtet wird. Mitarbeiter sagen, McAllister sei äußerst penibel und wolle jede Aussage, die in seinem Namen abgegeben wird, vorher gründlich prüfen. Ist er ein Angsthase, der sich um keinen Preis vergaloppieren will im politischen Geschäft? „Lieber so als anders“, sagt er, und später: „99-mal geht es gut, einmal schief – da muss man höllisch aufpassen.“

Wo bleiben da Leidenschaft, Temperament, Risikobereitschaft? Unter anderem deshalb, weil er die Politik lebt und Spaß daran hat, ist es in der CDU für ihn so steil bergauf gegangen. Weil er ein Talent ist. Aber jetzt, in Anbetracht der Aktenberge, diszipliniert er sich selbst, verordnet sich Zurückhaltung und Mäßigung. Bei seinen grünen Korrekturen in den Regierungsakten achtet McAllister stärker auf die deutsche Sprache als auf zugespitzte Botschaften: keine Texte mit „Ich“ beginnen, keine überlangen Sätze, nicht so viele Substantive.
„Das habe ich mal so gelernt“, sagt er. Damals, als er sich in der deutschen Schule hocharbeitete. Eine tadellose deutsche Sprache – das war einst seine Eintrittskarte in die Gesellschaft. Sie soll ihm jetzt zum Wahlerfolg führen.