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Landtagswahl Doris Schröder-Köpf und ihre Erfahrung
Thema Specials Landtagswahl Doris Schröder-Köpf und ihre Erfahrung
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00:15 20.01.2013
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Hannover

Rübezahl? Diese schlesische Sagengestalt hätte man hier in Mittelfeld, am südlichen Stadtrand von Hannover, nicht erwartet. Freundlich blickt der steinerne Riese hinüber zum Marktstand, der Backwaren „von gestern“ anbietet. „Viele Schlesier kamen nach dem Krieg in diesen Stadtteil“, erklärt die Kandidatin den Medienvertretern, die teilweise von weit her angereist sind, um der Ehefrau des Altkanzlers im Wahlkampf zuzuschauen und nun im Schneegestöber biedere Heimatkunde verpasst bekommen. „Seit einigen Jahren gibt es einen Strukturwandel“, referiert Doris Schröder-Köpf, während sich einige Umstehenden die Mütze noch tiefer ins Gesicht ziehen. „Viele Zuwanderer mit ausländischen Wurzeln und Asylbewerber leben in diesem Viertel.“ Auch Korrespondenten aus Berlin stapften in den vergangenen Tagen hinter Schröder-Köpf her, mal auch Journalisten aus Großbritannien oder der Schweiz.

Keiner soll sagen, die 49-Jährige stünde nicht im Stoff und wisse nicht, was die normalen Menschen bewegt. Später wird sie mit Anwohnern darüber reden, dass der Rübezahlplatz unbedingt ein Straßencafe braucht. Ratschen nennt sie das. So wie sie es auf dem bayerischen Dorf gelernt hat.

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Ratschen tut sie gern. Dann legt sie auch schon mal die Hand behutsam auf den Arm ihres Gegenübers oder beugt sich über den Kinderwagen und erkundigt sich lächelnd nach dem Wohlergehen des Kleinen. Der Auftritt wirkt nicht aufdringlich, eher vorsichtig, abgesehen vom „Guten Tag, ich bin Ihre Landtagskandidatin!“

Für die Spötter im Netz ist sie die „Glamour-Sozi“, die rasch Posten bekommt, auf die andere lange warten müssen. Politiker müssen Kritik abkönnen. Für die einen sind sie in der falschen Partei, die anderen halten alle Politiker für machtversessen. Schröder-Köpf hat einen zusätzlichen Makel. Ihre Prominenz als „Frau von ...“ hilft zwar beim Einstieg in den neuen Beruf – aber provoziert Neider. Zumal die neue Kandidatin eine langjährige Abgeordnete aus dem Rennen geworfen hat. 19 Jahre lang saß Sigrid Leuschner für die SPD im Landtag – bis „die Doris“ die Basis überzeugte und Leuschner den Job wegnahm.

Jetzt, in der Woche vor der Wahl, hat die Unterlegene ihren Wechsel zur Linkspartei verkündet. Leuschners einstige Mitstreiter sind entsetzt. „Ihre Karriere verdankt sie doch nur der Partei“, schimpft ein Genosse in roter Wahlkampfweste. „Der Parteiaustritt verletzt die Ehrenamtlichen, die für sie im Ortsverein viele Jahre gearbeitet haben“, sagt Schröder-Köpf.

Die Debatte lässt Schröder-Köpf nicht kalt, etwa wenn es um die Frage geht, was eine erfahrene Frau ausmacht. Ob es nicht auch als Erfahrung zähle, fragt sie in die Runde, „wenn jemand einem Beruf nachging, drei Kinder erzogen und andere Länder kennengelernt hat?“ Viele Frauen hätten eine ähnliche Biografie wie sie – und sollten ebenfalls eine Chance in der Politik bekommen.

Früher träumte sie noch von der Rückkehr in den alten Beruf als Journalistin. Nun wird sie selbst politisch aktiv. Abwegig ist dies nicht. Schließlich hat sie viele Jahre als Korrespondentin in Bonn Politik beobachtet und kommentiert. Überraschender ist da schon die Themenwahl. Sollte Rot-Grün in Niedersachsen regieren, will sie Integrationsbeauftragte werden. „Zuwanderung ist keine Last, sondern ein Gewinn von Vielfalt“, sagt sie.

Ihren Mann hat sie übrigens nicht groß um Rat gefragt. Intervenieren? „Das ist bei uns nicht so geregelt“, sagt Gerhard Schröder. Er mische sich nicht ein. Ansonsten stellt der Altkanzler klar, dass der Rollenwechsel Grenzen hat. „Niemand erwartet, dass ich jetzt zum Hausmann mutiere“, sagt er. Und dann hat er doch noch einen Rat parat: „Wer in die Politik geht, muss wissen, was er ertragen kann.“

Und was kann die Kandidatin schwer ertragen? „Es ärgert mich, wenn frühere Kolleginnen schreiben, ich sei zu blond, zu dünn oder trage die falsche Garderobe“, sagt sie und geht schnellen Schritts zur nächsten Haustür. „Grüß Sie, ich bin ihre Landtagskandidatin!“

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