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Landtagswahl Kandidaten im Wahlkreis Hannover-Linden werben um ihre Wähler
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00:15 10.01.2013
Von Gunnar Menkens
Thela Wernstedt (SPD) wirbt auf dem Herrenhäuser Markt um Wähler. Quelle: Körner
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Hannover

Schnell noch einen letzten Zug rauchen, die Kippe austreten, dann muss es losgehen, hilft ja nichts. Georgia Jeschke, groß, schlank, kurzes Haar, dunkle Brille, Notärztin von Beruf, greift in ihren Beutel mit der CDU-Aufschrift, nimmt einen Packen Handzettel heraus und nähert sich behutsam – dem Wähler. Der geht in Linden gerne auf den Markt und kauft ein und wählt meist nicht CDU. Vom Himmel sprüht es leicht.

Jeschke räumt freimütig ein, dass ihr das hier nicht besonders liegt. Leute ansprechen, das Blättchen mit dem eigenen Konterfei mitgeben. „Man drängt sich schon auf“, sagt sie, und aufdrängen möchte sie sich nicht, die Menschen wollten ja lieber in Ruhe bummeln. Ihre Strategie ist: Sie guckt, wer freundlich guckt, tritt einen Schritt vor und überreicht einen Flyer. Sie versteht diese Arbeit auch als Pflicht. Während sie das erzählt, verpasst die Kandidatin ein Dutzend Männer und Frauen.

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Christdemokratische Bewerber unterlag vor fünf Jahren

Dass die Christdemokratin Georgia Jeschke auf dem Lindener Markplatz steht, ist eine Art Experiment. Die Versuchsanordnung ist: Gelingt es der Union in der rot-grün-linken Hochburg, mit einer, nach Parteimaßstäben, modernen Frau mehr Stimmen zu holen als mit konservativen Honoratioren? Oder ist es den Leuten völlig gleichgültig, wer für die Union über die Märkte zieht? Vor fünf Jahren unterlag der christdemokratische Bewerber, ein Ärztefunktionär, mit einem Rückstand von 20 Prozentpunkten Erststimmen gegen einen Sozialdemokraten. Im Stadtteil Linden-Mitte, da, wo Bewerberin Jeschke gerade innere Widerstände überwindet, wählten 14,4 Prozent mit ihrer Zweitstimme die Union – unter Berücksichtigung der Wahlbeteiligung war das fast niemand. CDU ist hier ein anderes Wort für Niederlage.

Untypisch ist der Weg, der Georgia Jeschke in die Politik geführt hat. Die Internistin hatte sich mit einigen Müttern zusammengetan, um gegen den desolaten Zustand eines Kinderspielplatzes etwas zu unternehmen, beide Töchter spielten dort manchmal. Ihre Einstellung ist: „Man muss was machen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.“ Die Frauen fotografierten kaputte Betonplatten und defekte Spielgeräte und führten die Bilder erschrockenen Bezirksratspolitikern vor. Ihr resoluter Auftritt machte Eindruck. Wenig später rief ein Unionsmann an und fragte, ob sie nicht für die CDU kandidieren wolle. Sie sagte zu. Und wurde Mitglied, um keine halben Sachen zu machen. Bald saß Georgia Jeschke selbst im Bezirksrat, später im Rat. Dabei hatte sie mit der Partei lange nichts zu tun. Die Kohl-Union blieb ihr suspekt, die Junge Union fand sie „eher abstoßend“, irgendwie zu popperhaft. Das waren die Achtzigerer.

Gespräche finden auf dem Markt nicht statt

Georgia Jeschke, die moderne CDU, wünscht sich eine Partei, die Deutschland als Einwanderungsland anerkennt, ebenso wie qualifizierte ausländische Berufsabschlüsse. Aber sie vertritt auch klassische CDU-Positionen. Die Leute auf dem Markt könnten es erfahren.
Wenn denn nur ein Einziger fragen würde. Was die Kandidatin erlebt ist: wie Menschen sich abwenden, abfällig mit der Hand winken oder im Vorbeigehen mal einen Flyer annehmen. Gespräche finden nicht statt. Vielleicht würde sich manches auch nicht gut machen in Linden. Jeschke ist für Studiengebühren, das dreigliedrige Schulsystem und gegen politische Beglückungsphantasien, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Drei Jahre kostenlose Kita? „Schön. Können wir uns wegen der Schulden aber nicht leisten.“

So viel ist klar an diesem Abend im Neonlicht vorm Kaufland: Marc Jan Beer wird in dieser abendlichen Ungemütlichkeit keinen Infostand aufbauen. Acht Grad, das geht noch, aber diese Böen. „Nein, da fliegt mir alles weg.“ Dabei verschanzt sich der kleine SPD-Trupp vom Ortsverein Hainholz in Schals, Schietwetterjacken und Kapuzen hinter den Altkleidercontainern. Besser hat es, wer sich nicht um politische Willensbildung bemüht. Hähnchenbräter und Dönermann arbeiten überdacht in Verkaufsständen, nahe dran suchen Männer mit Bierflaschen ein wenig Schutz. Hainholz, das bedeutet: Knapp 15 Prozent Arbeitslosigkeit, 50 Prozent Migranten und die stabil geringste Zufriedenheit mit den Lebensbedingungen in ganz Hannover. Das Interesse an politischen Abstimmungen ist gering. Bei der vergangenen Landtagswahl beteiligten sich knapp unter 38 Prozent, so wenig wie in keinem hannoverschen Stadtteil.

Interesse an Politik ist gering

Für Thela Wernstedt ist es ein schwieriges Terrain. Einerseits leben hier Menschen, die zur SPD-Wählerschaft zu zählen sind; andererseits haben sich viele Einwohner von der Gesellschaft verabschiedet. Sie verteilt kleine Kärtchen an Männer und Frauen, die mit leeren Einkaufswagen in den Markt schieben und mit mehr oder wenigen gut gefüllten wieder herauskommen. Handliche Kärtchen. Vorne ihr Foto, darunter der Name. „Dr. med. Thela Wernstedt“. Auf der Rückseite: „Zehn gute Gründe SPD zu wählen“. Mindestlöhne, keine Studiengebühren, bezahlbarer Wohnraum.

Die Hainhölzer Genossen haben aus langer Erfahrung auch dieses Mal die Strategie gewählt, dass Handfestes gut ankommt. Immer etwas Praktisches anbieten. Heute im Angebot: Taschentücher, Chips für Einkaufswagen, Kugelschreiber. Nur Flyer oder so, das genüge nicht. Wernstedt spricht die Kundschaft an. „Wir machen Werbung für die Landtagswahl, für die SPD“, sagt sie unter kaltem Neonlicht. Es geht darum, sich noch ein wenig bekannter zu machen. Fast jeder nimmt das Geschenkpaket an. Aber keiner hat da mal eine Frage.

Erst die Medizin, dann die Politik

Thela Wernstedt ist mit Politik aufgewachsen. Ihrem Vater Rolf Wernstedt, ehemaliger Landtagspräsident und Kultusminister, half sie bereits als Kind bei dessen Wahlkämpfen. Heute ist es umgekehrt, der Vater hilft seiner Tochter. Sie hatte sich im parteiinternen Wettbewerb gegen mehrere Bewerber durchgesetzt, was viele überraschend fanden, weil die Medizinerin auf kommunaler Ebene noch nie ein Mandat hatte. Wenn es mit dem Landtag klappen sollte, hätte Thela Wernstedt Bezirksrat und Rat übersprungen. Stationen, die vielen als Vorfeldqualifikation unerlässlich schienen.

Sie hat sich für einen anderen Weg entschieden. Erst kam die Medizin, nun soll es die Politik werden. Thela Wernstedt arbeitet seit acht Jahren als Oberärztin für Palliativmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, sie hat diesen Zweig mit aufgebaut. Da blieb, sagt sie, für ein politisches Ehrenamt keine Zeit. „Wenn sie einen anstrengenden Beruf haben, mit wechselnden und nicht immer planbaren Arbeitszeiten, dann haben sie abends keine Lust mehr, stundenlang Akten zu wälzen.“ Ihr Ziel ist jetzt, den Beruf, mit Rückkehrrecht, aufzugeben und zu versuchen, Vollzeit im Landtag zu erreichen, was ihr wichtig ist. Zum Beispiel ein System medizinischer Versorgung umzusetzen, das auf die zunehmende Pflegebedürftigkeit der Bevölkerung eingeht. Barrierefreie Wohnungen in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel, Sammeltaxen, mobile Ärzte, die besonders in ländlichen Gebieten unterwegs sind.

FDP-Themen sind eher was für reichere Stadtteile

Man wird sehen, was möglich ist. Entscheiden sich die Wähler zwischen Nordhafen und Linden-Süd nicht völlig anders als vor fünf Jahren, wird Thela Wernstedt das Direktmandat gewinnen.

Was beiden Frauen gelegentlich in die Quere kommt, ist die höhere Politik. Nicht so gut, sogar „doof“, fand Georgia Jeschke die öffentliche Erinnerung von Ministerpräsident David McAllister, dass es Christdemokraten gebe, die wohl für die FDP stimmen könnten. „Ich bin für die CDU hier“, sagt Kandidatin Jeschke. Und denkt sich wohl: Wäre ja noch schöner, sich im feinen Niesel zu überwinden, damit andere unsere Stimmen bekommen. Dabei haben die Liberalen Plakate gehängt, die in Hainholz im Grunde Beifall finden müssten. Für mehr Jobs. Gegen hohe Strompreise. Aber die FDP-Vorschläge finden aller Erfahrung nach eher in reicheren Stadtteilen Unterstützung.

Kanzlerkandidat Steinbrück fällt durch „Ungeschicklichkeit“ auf

Der kleine Stachel im Wahlkampf von Thela Wernstedt heißt Peer Steinbrück. Der Kanzlerkandidat hat mit Niedersachsen nichts zu tun, fällt der Genossin in Hannover-Linden aber öfters durch das auf, was sie „Ungeschicklichkeit“ nennt. Themen, die etwa das Gehalt eines Regierungschefs diskutieren. Einige seiner Äußerungen seien von der Presse hochgespielt worden, meint die Kandidatin. Aber der Ärger bleibt. „Es nimmt Zeit für die wichtigen Themen weg“, sagt Wernstedt. Nicht auszuschließen, dass auch die CDU noch ungewollten Themenzuwachs bekommt. Das ehemalige Präsidentenpaar. Die unglückliche Familie Wulff.

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