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Landtagswahl Stephan Weil gibt sich vor dem Endspurt entspannt
Thema Specials Landtagswahl Stephan Weil gibt sich vor dem Endspurt entspannt
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10:52 19.01.2013
Von Thorsten Fuchs
Gelassen vor dem wichtigen Tag: Stephan Weil. Quelle: dpa
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Hannover

Man muss diesen Dialog übersetzen, aber dann sagt er einiges über den Menschen Stephan Weil. Geht der Kandidat also auf dem Marktplatz Lüneburg auf eine Passantin zu, überreicht ihr eine rote Rose und sagt seinen Standardspruch: „Nicht vergessen: Sonntag ist Wahl.“ „Oh“, antwortet die Passantin, „ich träume schon von nichts anderem.“ Was so viel heißt wie: Schon klar, aber es gibt für mich wirklich Wichtigeres. „Na“, sagt Weil  mit gespieltem Erschrecken, „das wünsche ich Ihnen aber auch nicht.“ Wo man hinzusetzen müsste: Ich tu’s nämlich auch nicht.

Stephan Weil wirkt an diesem Morgen tatsächlich – gelassen. Erstaunlich gelassen. Rätselhaft gelassen.

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Keine 100 Stunden sind es im Moment dieses Treffens noch bis zum Beginn der Wahl, und der Druck auf ihn könnte kaum größer sein. Gewinnt er, wird sich die SPD schon als halber Sieger der Bundestagswahl fühlen. Verliert er, wird der Himmel über seiner Partei und ihrem Kanzlerkandidaten noch dunkler. Alles hängt an seinem Abschneiden.

Stephan Weil ist ein eher ernster Mensch. Bedächtig. Er hat lange nachgedacht, bevor er sich, damals noch Kämmerer, 2006 für die Oberbürgermeisterwahl in Hannover aufstellen ließ. Er hat auch gezögert, bevor er bei dieser Wahl antrat. Was ihn motiviert hat? „Ich bin auch ehrgeizig“, sagt er im Fond des roten Passats, der ihn zum nächsten Termin bringt. Dann spricht er von „Fehlern, die gerade gemacht werden und die künftige Generationen ausbaden müssen“. Machtlust und Narzissmus, sagen die Menschen, die ihn gut kennen, seien ihm sehr, sehr fremd.

Unscheinbar, leicht bieder, so wird er oft beschrieben. Man kann das so sehen, nur erklärt es nicht seinen Erfolg. Tatsächlich ist es gerade das Unspektakuläre, mit dem ihm Begegnungen gelingen. Man kann das beim Besuch in der Lüneburger Uni beobachten. Weil verteilt Broschüren und Sattelschützer, „erstens gegen Studiengebühren und zweitens gegen kalte Hintern“.

Das ist mäßig originell. Aber Weil hat ein Gespür dafür, wann er es bei einem unaufdringlichen Lächeln belässt und wann er einen Hauch länger stehen bleibt und ein Gespräch anbietet. Einmal kommt es so zu einer kleinen Diskussion über Studiengebühren und Ausbildungsabgaben. Nico Straubhaar, 19, Erstsemester in BWL, kannte Weil aus dem Fernsehen. Da fand er ihn blass. „Hier wirkte er natürlich, sympathisch.“ Die kleine Form, die direkte Begegnung, das ist Weils Stärke. Es ist nur ein sehr aufwendiger Weg, Menschen für sich zu gewinnen.

Geht das überhaupt: Sich von diesem Druck frei zu machen? Ist die Gelassenheit mehr als Pose? „Ich glaube, dass er im Moment vieles nicht an sich herankommen lässt“, sagt einer aus der SPD, der Weil lange kennt. Die Äußerungen Peer Steinbrücks zum Kanzlergehalt. Oder die Kritik an seiner Frau, die als Präsidentin der Hochschule Hannover abgewählt wurde.

Was Weil selbst sagt, handelt auffallend oft davon, Distanz zum Politbetrieb zu suchen. Neben ihm auf dem Rücksitz liegt „Matterhorn“ von Karl Marlantes, ein Vietnam-Roman. Zwischen Terminen liest er darin. Wenn er sich zu verändern und zu sehr Politiker zu werden drohe, würden ihn seine Freunde schon warnen, sagt Weil. Sind seine engsten Freunde auch in der Politik? „Nein“, sagt er  so nachdrücklich, dass es klingt wie: Gott bewahre.

Am Nachmittag ist er in Sittensen. Dort wollen Bauern im Wasserschutzgebiet eine riesige Biogasanlage bauen. Eine Bürgerinitiative ist dagegen. Der Ortsverein hat Weil im Landhaus de Bur genau dort platziert, wo man sonst einen Richter hinsetzen würde, in der Mitte der Stirnseite. Weil aber sagt: „Ich werde nicht so tun, als ob ich der Experte für Biogasanlagen in Sittensen wäre.“ Als er aufbricht, schauen ihm einige ratlos nach. Sie hatten anderes erwartet.

Seine, ja, Normalität, die Distanz zum Politiker-Habitus ist wohl seine größte Stärke. Und seine größte Schwäche, was sich am Abend in Osterholz-Scharmbeck zeigt. Da tritt er in der Stadthalle auf, mit Unterstützung von Altkanzler Gerhard Schröder, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Auf der Bühne sucht Weil zwischen den großen eitlen Herren der Sozialdemokratie vergeblich nach einer Haltung. Er tritt von einem Bein auf das andere, links, rechts, eine ganze Weile. Er verschränkt die Arme, lässt sie herabhängen, hebt sie wieder vor die Brust. Es sieht nicht aus, als würde er sich wohlfühlen.

Bei der Rede ist es schließlich, als gehe mit ihm eine Verwandlung vor sich. Weil, der sich sonst so phrasenfrei bewegt, greift nun reihenweise zu den Politbildern der gröberen Art. Gleich mehrmals geht es da um die „bräsigen Typen auf der Regierungsbank“, was kein sehr eleganter Vorwurf ist, und antrainiert wirkt. Er spricht frei, aber auch laut, lauter als alle anderen. Als wolle er etwas wettmachen.

Der Applaus ist dennoch lang. Er sei eben kein Sonnyboy, sagt hinten im Publikum ein 65-jähriger SPDler aus Bad Fallingbostel. „Unsere Erwartungen waren nicht hoch. Aber die hat er übertroffen.“

Als die Menschen immer weiterklatschen, schaut sich Weil zu Schröder um. Der Altkanzler soll mit nach vorn kommen. Schröder wehrt ab. Nun mach das mal schön alleine, bedeutet er ihm.

Es ist nicht die Antwort, die sich Stephan Weil erhofft hatte.

Letzte Fragen an Stephan Weil vor der Landtagswahl

Was war der beste Rat im Wahlkampf?

Durchhalten und locker bleiben.

Was schätzen Sie an Ihrem Konkurrenten McAllister?

Seine Englischkenntnisse.

Welche Musik hören Sie zwischen Wahlkampfterminen?

Sehr gern klassische Musik, Klavierkonzerte von Bach zum Beispiel finde ich sehr ausgleichend. Zum Aufputschen darf es aber auch Rock sein. Udo Lindenbergs „Unplugged“ ist mein momentanes Lieblingsalbum – da bekomme ich automatisch gute Laune.

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