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Niedersachsens Atommülllager Polizei hat Blockade in Gorleben aufgelöst
Thema Specials Niedersachsens Atommülllager Polizei hat Blockade in Gorleben aufgelöst
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16:14 09.11.2010
Polizisten tragen die Atomkraftgegner von der Strecke. Quelle: ap
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Die Räumung der Blockade vor dem Zwischenlager in Gorleben ist am Dienstagmorgen nur langsam vorangekommen. Gegen 7.30 Uhr war die Blockade dann aber aufgelöst. Die Polizei trug am Dienstagmorgen den letzten Protestierer von der Straße. Mehrere tausend Atomkraftgegner hatten dort insgesamt 44 Stunden ausgeharrt und den Weg zum Zwischenlager versperrt. Wann die Einsatzleitung der Polizei den Startschuss für die letzte Etappe des Castor-Transports von Dannenberg nach Gorleben gibt, ist noch offen. Falls der Tieflader- Konvoi auf den letzten 20 Straßen-Kilometern zum Zwischenlager nicht mehr aufgehalten wird, könnte er die Strecke in rund einer Stunde schaffen.

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Die Atomkraftgegner hatten zum Teil seit Sonntag vor dem Zwischenlager in Niedersachsen ausgeharrt. Sie protestierten mit Transparenten auf denen zu lesen war: „Regierung ab ins Endlager“ oder „Sicherheit vorGAUkeln.“ In Anlehnung an die Proteste gegen das umstrittene Bahnhofs-Projekts Stuttgart 21 waren auch Plakate mit der Aufschrift „Gorleben 21“ zu sehen.

Am Montagmorgen saßen zunächst nach Angaben von Augenzeugen noch etwa 1000 Protestierer auf der Straße. „Die Leute werden jetzt rasch weggetragen. Die Polizei greift auch rabiater durch“, sagte ein Augenzeuge. Über der Strecke hängt auf einem Seil zwischen zwei Strommasten auch noch ein Kletterer in etwa 6 Metern Höhe. Weitere Aktionen von Demonstranten auf der Strecke gibt es nach Polizeiangaben derzeit nicht. „Sonst ist alles ruhig“, sagte ein Polizeisprecher am Morgen.

Indes spannten Mitglieder der Umweltorganisation Robin Wood Seile über die Transportstrecke für die hoch radioaktive Fracht. In mehreren Metern Höhe war auf einem Transparent zu lesen: „Endstation Atom. Sofort alle aussteigen.“

Zahlreiche Aktionen von Kernkraftgegnern haben bis zum frühen Dienstagmorgen den Transport der elf Castorbehälter ins Zwischenlager Gorleben unmöglich gemacht. Stunden nachdem der letzte Behälter mit hoch radioaktiven Inhalt auf einen Tieflader gehoben wurde, war nicht absehbar, wann der Transport im niedersächsischen Wendland zur letzten, rund 20 Kilometer langen Etappe starten kann. Schon nach Mitternacht dauerte er mit mehr als 80 Stunden Fahrzeit länger als alle vorangegangenen.

Vor dem Verladebahnhof in Dannenberg gelang es am Montagabend fünf Greenpeace-Mitgliedern, mit einem Coup die Castoren auszubremsen. Sie fuhren mit einem als Getränkelastwagen getarnten Fahrzeug vor und blockierten die Strecke. Zwei Umweltschützer waren in derart komplizierter Weise an dem Fahrzeug befestigt, dass es auch Spezialisten der Polizei bis zum Dienstagmorgen nicht gelang, sie zu befreien.

Der Polizei begann damit, die von tausenden Demonstranten besetzte Straße zum Zwischenlager Gorleben zu räumen. Dies dürfte mehrere Stunden dauern. Die meisten Demonstranten harren seit Sonntag in der Kälte aus. Zudem gelang es der Polizei, vor Gorleben eine Betonpyramide, an die sich Bauern gekettet hatten, von der Straße zu räumen.

Nach dem Transport des Atommülls aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague war am Montagabend nach rund zwölf Stunden der elfte und letzte Castorbehälter auf dem Verladebahnhof in Dannenberg vom Zug auf einen Tieflader gehoben worden. Wann der Atommüll Gorleben erreicht, war zunächst noch ungewiss.

Ursprünglich sollte der zwölfte Castor-Transport am Montagmorgen das Zwischenlager erreicht haben. 20.000 Polizeibeamte waren im Einsatz, um den Transport sicher ans Ziel zu bringen. Bei den Auseinandersetzungen entlang der Bahnstrecke gab es nach Angaben der Kampagne „Castor Schottern“ fast 1000 Verletzte.

Der politische Streit über die Atompolitik ging indes unvermindert weiter. Der Vorsitzende Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, machte die Bundesregierung mitverantwortlich für die Proteste. Der rot-grüne Ausstiegsbeschluss sei ein Fortschritt gewesen und habe die Atomfrage in den Hintergrund gedrängt. Dieser Grundkonsens sei aufgegeben worden. Wer so etwas tue, der müsse damit rechnen, dass dies in der Gesellschaft zu Konflikten führe, sagte er der „Mitteldeutschen Zeitung“ (Dienstag).

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) stellte klar, dass alternative Standorte für ein Endlager erst erkundet würden, wenn Gorleben sich als ungeeignet erweise. „Man kann nicht zwei- oder dreimal Gorleben in Deutschland stemmen“, sagte er beim Nachrichtensender n-tv.

Eine transparente und ergebnisoffene Suche nach einem Endlager forderte der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Jürgen Trittin. Er habe Zweifel an der Eignung von Gorleben, doch das müsse nicht heißen, dass jeder Salzstock ungeeignet sei, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Dienstag).

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) forderte angesichts der anhaltenden Blockaden zur Mäßigung auf. Er könne nur an alle Beteiligten appellieren, die Balance im Auge zu behalten zwischen dem Demonstrationsrecht und den gesetzlich geregelten Notwendigkeiten sowie internationalen Verträgen der Zwischenlagerung atomarer Brennstoffe, die sich unabhängig von Mehrheitsverhältnissen im Bundestag ergeben. Dies sagte er der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (Dienstag).

Mit dem Beschluss zur Verlängerung der Atomlaufzeiten habe die Bundesregierung einen bereits befriedeten gesellschaftlichen Großkonflikt neu entfacht, warfen SPD, Grüne und Linke der schwarz- gelben Koalition am Montag vor. Der Bundestag wird nun am Mittwoch über die Demonstrationen gegen die Atommülltransporte ins Wendland diskutieren.

dpa

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