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Niedersachsens Atommülllager Röttgen besucht Gorleben und will Neustart
Thema Specials Niedersachsens Atommülllager Röttgen besucht Gorleben und will Neustart
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22:17 02.12.2010
Von Margit Kautenburger
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Bundesumweltminister Norbert Röttgen will den Neuanfang in Gorleben. Mit einem „offenen und transparenten Entscheidungsverfahren“ will der CDU-Politiker die Akzeptanz für die Erkundung des Salzstocks für ein mögliches Atommüllendlager erhöhen. „Ich komme mit einem Angebot völlig neuer Qualität“, sagte Röttgen am Donnerstag bei seinem ersten Besuch in dem Erkundungsbergwerk Gorleben und der Region. Er wolle „die Grundlagen dafür legen, dass die Bürger das Vertrauen in die Politik zurückgewinnen“.

Er kenne die Vorbehalte der Bevölkerung und sei sich bewusst, dass es ein „schwieriger Prozess wird, der auf viele Vorbehalte stößt“, sagte Röttgen. Aber die Endlagerung des Atommülls sei eine nationale Aufgabe, die ohne die Mitwirkung der Bürger nicht zu lösen sei. Anders als bei „Stuttgart 21“ sei man in Gorleben noch in einem ganz frühen Stadium und noch viele Jahre von einer Entscheidung entfernt, erklärte Röttgen nach seinem Besuch unter Tage.

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Der Minister kündigte einen „Beteiligungsprozess“ an, „den es so noch nicht gegeben hat“. Wie schon im Fall des maroden Endlagers Asse bei Wolfenbüttel sollen die Bürger über die Besetzung einer Expertengruppe mitentscheiden, die die Sicherheitsanforderungen an ein mögliches Endlager Gorleben erarbeiten soll. Außerdem plant Röttgen eine bürgerschaftliche Begleitgruppe, die ebenfalls in Entscheidungen einbezogen werden soll – auch bei der Ausgestaltung der Sicherheitskriterien, wie Röttgen betonte. Sogar über umstrittene Personalentscheidungen will Röttgen mit sich reden lassen.

Schwammig blieb der Minister bei der Frage nach einem Standortvergleich, wie ihn Gorleben-Kritiker fordern. Röttgen ließ durchblicken, dass er dies für sinnvoll hielte, sagte aber nur intensivere Untersuchungen anderer Gesteinsformationen zu. Seine Vorgänger hätten die Suche nach Alternativen nur als Alibi für Nichtstun missbraucht, kritisierte Röttgen.

Den zum Ministerbesuch geladenen Kommunalpolitikern versprach Röttgen, sein Dialogkonzept schon bald im Kreistag vorzustellen. Landrat und Kreistagsabgeordnete hatten den Minister harsch kritisiert, weil dieser eine Einladung im September ausgeschlagen hatte. Auch gestern reagierten viele reserviert auf Röttgens Offensive. „Sie kommen zu spät. Wer soll Ihnen einen Dialog noch abnehmen?“, fragte Wolfgang Wiegrefe, Kreistagsmitglied der Unabhängigen Wählergemeinschaft und Bürgermeister der Gemeinde Trebel. Die CDU-Landtagsabgeordnete Karin Bartholdis-Sandrock hält Röttgens Plan hingegen für unterstützenswürdig.

Die Bürgerinitiativen, die ein Treffen mit Röttgen abgelehnt hatten, sprachen von „medialer Inszenierung“. Tatsächlich habe die Bundesregierung in Gorleben längst Tatsachen geschaffen.

Besuch in Gorleben

Keine Traktoren, keine Spruchbänder, keine Demonstranten: So reibungslos hat wohl noch kein Ministerfahrzeug das Eingangstor zum Erkundungsbergwerk für ein Atommülllager im Salzstock Gorleben passiert. Mit ihrem Fernbleiben demonstrierten die Bürgerinitiativen Bundesumweltminister Norbert Röttgen, was sie von dem Dialogangebot des CDU-Politikers halten: „Ein Täuschungsmanöver“ sei das, sagte deren Sprecherin Kerstin Rudek. Der Minister zeigte Verständnis für die Abfuhr. „Dass es Misstrauen gibt, ist klar“, sagte Röttgen. „Die Geschichte Gorlebens ist eine 35-jährige Konfliktgeschichte, die Gräben waren noch nie so tief wie heute“, sagte Röttgen, der wegen des Schneetreibens nicht mit seinem Hubschrauber anreisen konnte, sondern mit dem Regionalzug bis Wittenberge fuhr, um dort in seinen Dienstwagen zu steigen.

Besonders übel nehmen ihm viele Wendländer, dass die Bundesregierung in Gorleben Tatsachen schafft. Nach zehnjährigem Moratorium haben die Erkundungsarbeiten wieder begonnen, die Atomkraftwerke dürfen länger laufen, und sogar Enteignungen sollen für den Ausbau Gorlebens wieder möglich sein.

Zum ersten Mal besuchte der Minister das Erkundungsbergwerk, um sich unter Tage ein Bild vom Stand der Arbeiten zu machen. Zu Fuß führte Hausherr Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, den Minister samt Journalistentross durch die rosagrauen Salzstollen in 840 Meter Tiefe. Hier sollen einmal die rund 21.500 Tonnen hochradioaktiven Atommülls endgelagert werden. Betont sachlich informierte König den Minister über Radarmessungen, mit deren Hilfe die Geologen bis zu 300 Meter weit „durch die Wände“ schauen können. „Wir wollen einen möglichst unverletzten Salzstock – durch die Radarmessungen ersparen wir uns Bohrungen“, erläuterte König. Auch die Probleme, die einer Eignung des Salzstocks im Wege stehen könnten, machte König anschaulich. Zu einer der Schwachstellen gehört die Salzformation Anhydrit, die wasserleitend ist und daher eine potenzielle Gefahr für den einzulagernden Atommüll darstellt. Sie ist auch im Erkundungsbereich zu finden.

Eine weitere Schwachstelle konnte Röttgen sogar riechen: Wie Öl riechen und glänzen die Kohlenwasserstoffe, die an einer Stelle auf etwa einem Meter Breite aus dem Salz quellen. Im Zusammenwirken mit der Hitze der Endlagerbehälter, der Radioaktivität und dem Gebirgsdruck bestehe Explosionsgefahr, erklärte König. Sollten sich mehrere solcher Stellen finden, könne dies ein K.o.-Kriterium für Gorleben werden.

Frühestens in 15 Jahren ist laut König ein fertiges Planfeststellungsverfahren zu erwarten. Röttgen zeigte sich beeindruckt von der „professionellen Sorgfalt“ der Arbeiten, verwies aber darauf, dass Gorleben ergebnisoffen erkundet werde: „Sollten wir schon in einem frühen Stadium ein K.o.-Kriterium finden, bedeutet dies das Ende der Untersuchung.“

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