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Niedersachsens Atommülllager Zehntausende warten in Gorleben auf den Castor
Thema Specials Niedersachsens Atommülllager Zehntausende warten in Gorleben auf den Castor
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23:31 05.11.2010
Wärmebildkameras zeigen den strahlenden Inhalt des Castor-Zuges. Quelle: dpa

Der Castor-Transport ist unterwegs, musste aber schon kurz nach dem Start in Frankreich stoppen: Vor Caen ketteten sich mehrere Atomkraftgegner an die Gleise und blockierten den Sonderzug mit 123 Tonnen hochradioaktivem Atommüll. Nach über 1000 Kilometern Fahrt soll die strahlende Fracht am Montag das Atommülllager Gorleben in Niedersachsen erreichen. Die deutsche Polizei erwartet massive Proteste, Blockaden und Sabotage.

Nahe Lüneburg legten Atomkraftgegner in der Nacht zu Freitag einen großen Stein auf die geplante Bahnstrecke, andere blockierten eine Straßenkreuzung. Morgens demonstrierten hunderte Schüler in Lüchow. Am Sonnabend werden bis zu 30.000 Menschen zu einer Großdemonstration im Wendland erwartet. 16.500 Polizisten sollen für Sicherheit sorgen.

Der Castor-Transport sorgt auch für eine Verschärfung des politischen Streits um die Atomkraft. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel warf Bundeskanzlerin Angela Merkel „Feigheit“ vor, weil sie sich nicht den Demonstranten in Gorleben stelle. Wenn die Gewalt in Gorleben zunehme, „dann tragen Merkel und die Atomlobby dafür die Verantwortung“, sagte Gabriel dieser Zeitung. Es sei „mehr als feige“, fügte der SPD-Vorsitzende hinzu, „den Polizisten allein die Auseinandersetzung mit den Demonstranten in Gorleben zu überlassen.“ Es seien nicht die Polizisten, die zu verantworten hätten, dass ein bereits befriedeter gesellschaftlicher Großkonflikt wieder aufbreche, „sondern Angela Merkel und ihre vier Helfershelfer, die Vorstandsvorsitzenden von Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. „Angela Merkel und ihre vier Freunde sollen sich jetzt mal den Demonstranten im Wendland stellen und sich nicht hinter der Polizei verstecken“, forderte der SPD-Politiker.

Gabriel selbst hatte als Umweltminister Erfahrungen mit Endlagerstandorten. Kurz vor der Bundestagswahl genehmigte er in seinem eigenen Wahlkreis ein Zwischenlager für rund 90 Prozent der radioaktiven deutschen Abfälle, den Schacht Konrad in Salzgitter . Gestern scheiterte die SPD im Bundesrat mit dem Versuch, die Länderkammer bei der Verlängerung der Atomlaufzeiten zu beteiligen. Die Bundesregierung will dies im Bundestag durchsetzen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte, die Bundesrepublik sei verpflichtet, in Deutschland angefallenen Atommüll auch in Deutschland zu entsorgen.

Gorleben – eine Bewegung für Generationen

Am Freitag hat Johannes Kuhn seine Sachen gepackt. Protestsachen. Erst musste der 65-jährige Unternehmer im Ruhestand noch einen lange vereinbarten Termin beim Zahnarzt wahrnehmen, gleich danach aber machte er sich auf den Weg. Ein Zelt im Gepäck, ein warmer Schlafsack, und dann ging es los Richtung Lüchow, ins nasse Wendland, zum Atommüll. Johannes Kuhn reiste aus Hamburg an, der Castor fuhr am Freitagnachmittag in Frankreich ab. Ein paar Tage noch, und man wird sich begegnen.

Der Aktivist ist gekommen, um zu bleiben. Und das kann dauern, je nach Gefechtslage, mindestens jedoch bis zur Ankunft des Atomzuges voraussichtlich am Montag oder Dienstag – je nach Erfolg des Widerstands. Kuhn will die tonnenschweren Container voller Atomabfälle so lange aufhalten wie möglich und erst nach Hause fahren, wenn der Zug das Zwischenlager in Gorleben erreicht hat. Der Hamburger sagt: bis der Zug „durch ist“. Und meint: bis Polizisten Kuhn und gleichgesinnte Blockierer von Gleisen und Straßen getragen haben. Gerechtfertigte Aktionen, findet Kuhn, zumal im Vergleich mit Plänen der mächtigen, der anderen Seite. „Ziviler Ungehorsam ist angemessen gegen unverantwortliche Politiker, die einen völlig ungeeigneten Salzstock zum Endlager machen.“

Der Ruheständler dürfte einer der ungewöhnlichsten unter den erwarteten Zehntausenden Atomgegnern im Wendland sein. Kuhn gehört zu den etwa 100 gut situierten Geldgebern, die den finanziellen Grundstock für die alternative „Bewegungsstiftung“ in Verden gelegt haben. Es sind Schenkungen, um Umwelt- und Sozialbewegungen öffentlichkeitswirksame Kampagnen und Aktionen zu bezahlen. Der Protest soll professionell organisiert werden.

Seine Spenden zur Schau zu stellen ist dabei für den Hamburger nicht von Belang. Johannes Kuhn zum Beispiel ist nicht sein richtiger Name, der 65-Jährige besteht für das Gespräch auf einem Pseudonym, um nicht bei der Datenkrake Google aufzutauchen. Über seinen Stiftungsbeitrag möchte der Geschäftsmann ebenfalls nicht reden, nur, dass es „eine ordentliche Summe“ war, erzählt er knapp.

Kuhn stellt Persönliches zurück, ihm geht es um die Sache. Schon in den siebziger Jahren demonstrierte der damals junge Mann gegen Atomkraftwerke, in Brokdorf ließ er keine Kundgebung aus, in Krümmel bewegten ihn Fälle von leukämiekranken Kindern im Umfeld des Atommeilers. Später, im Unternehmen und mit einer 60-Stunden-Woche in verantwortlicher Position, ließ sein Engagement nach. Nun, im Ruhestand, wird der Hamburger wieder zum Aktivisten. Auch mit Geld. „Eigentum verpflichtet“, sagt der frühere Geschäftsmann und nimmt davon eigenen Besitz nicht aus.

Motive, die sich bei etlichen Sponsoren finden. Es ist acht Jahre her, seit neun ähnlich denkende Männer in Verden die „Bewegungsstiftung“ gründeten. Man fing klein an, eine viertel Million Euro kam zunächst zusammen, um Ursachen von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu bekämpfen, die nach Ansicht der jungen Erben und Begüterten in die falsche Richtung führen. Nur Symptome zu lindern ist ihnen zu wenig, bis heute. „Change“ statt „charity“, Wandel statt Wohltätigkeit, wurde zum geflügelten Wort im Verdener Stiftungsbüro, wo man passend im früheren Ökozentrum untergekommen ist. 5000 Euro muss mindestens aufbringen, wer Stifter werden will. Weit darüber lag jener Erbe, der den Kapitalstock der Stiftung aus einem umfangreichen Betriebsvermögen um eine Million Euro erhöhte. Auch er möchte anonym bleiben. Sein Beitrag ist der bislang nachhaltigste, verfügt die Organisation doch mittlerweile über ein Grundkapital von 4,5 Millionen Euro.

Der Anspruch, nur in ethisch korrekte Geschäftsfelder anzulegen, lässt die Einnahmen allerdings auf niedrigem Niveau stagnieren. Die Stiftung hat Kapital angelegt in Windparks, bei der Umweltbank und alternativen Wohnformen. In diesem Jahr kamen so, weitere Spenden inklusive, 250.000 Euro zusammen, um Projekte zu unterstützen.

Mehr Einnahmen wären möglich, aber natürlich kann eine Organisation nicht auf Aktien eines Konzerns setzen, dessen Geschäftspraktiken sie gleichzeitig an den Pranger stellt. „Es geht nicht um hohe Erträge“, sagt für die Stiftung Wiebke Johanning. „Wesentlich ist, dass wir in ethisch nachhaltige Projekte investieren.“ Es ist dieser Mangel an Geld, der die Zahl unterstützter Initiativen überschaubar hält. Johanning hat beschrieben, wie Moral Geld kostet.

Der Stiftungsrat muss daher scharf auswählen. Von zehn Anträgen bleiben neun auf der Strecke. Normale Bürgerinitiativen haben kaum eine Chance. Klientelpolitik, die nicht das große Ganze im Auge hat und lediglich die Müllverbrennungsanlage vor der Haustür verhindern will, unterstützt der Stiftungsrat nicht. Wenn aber die Kampagne „ausgestrahlt“ hilft, die Anti-Atom-Bewegung erneut in Massen auf die Straße zu bringen, ist das der Stiftung 13.000 Euro wert. Selbst ernannte „FeldarbeiterInnen“ wurden unterstützt, die als ungebetene Gäste auf fremdem Besitz gentechnisch angebaute Pflanzen herausrupfen. Einkalkulierte Strafverfahren waren die Folge, Berichte darüber brachten weitere Öffentlichkeit. Zwar müssen unterstützte Initiativen gewaltfrei handeln, aber mit Gleisblockaden wie bald in Gorleben kann die Stiftung gut leben.

In diesem Jahr bekommt das Roma-Center in Göttingen 5600 Euro für seine Kampagne „alle bleiben!“. Geld wurde überwiesen an die Aktivisten von „Schule ohne Bundeswehr“, die Umweltorganisation „urgewald“, die sich um Opfer globaler Umweltzerstörung kümmern und von Banken die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards bei Auslandsfinanzierungen fordert. Die Organisation „LobbyControl“ versucht, den Einfluss von Unternehmen und PR-Strategen auf politische Entscheidungen aufzudecken. Eine Arbeit, die die Stiftung mit 64 000 Euro unterstützt. Eine inhaltliche Ähnlichkeit mit etablierten Organisationen wie den Globalisierungskritikern von „attac“ und Umweltschützern wie „Robin Hood“ ist beabsichtigt: In Verden fühlt man sich diesen Gruppen nicht nur verbunden, die Stiftung hilft auch mit Geld. An diesem Wochenende trifft sich der organisierte Atom-Widerstand im Wendland, da, wo auch Johannes Kuhn seinen Schlafsack ausrollt.

Womöglich stößt der Hamburger dort auf jene von der Stiftung ausgewählten Menschen, die sich „Bewegungsarbeiter“ nennen. Es sind „Vollzeitaktivisten“, deren Job darin besteht, soziale Bewegungen zu unterstützen. Ihr Beruf ist es, die Verhältnisse zu ändern. Zeit für einen gewöhnlichen Job bleibt da nicht, die Stiftung sucht deshalb Paten, die solchen hauptberuflichen Protest finanziell möglich machen. Jutta Sundermann ist eine dieser neun „Bewegungsarbeiter“. Irgendwann war die 39 Jahre alte alleinerziehende Mutter von zwei Kindern so sehr mit Vorträgen, Recherchen, Aktionen und Kampagnen beschäftigt, dass für ein bürgerliches Arbeitsleben keine Zeit mehr blieb. Auf 50 bis 60 Stunden in der Woche schätzt sie heute ihren Aufwand für ihr persönliches Widerstandsportfolio. Natürlich ist sie dieses Wochenende im Wendland, Jutta Sundermann organisiert Pressearbeit für Atomgegner. Auch dafür unterstützen sie ihre Paten. 600 Euro bringt ihr das jeden Monat, dazu kommen Einnahmen aus Vorträgen und gelegentlichen Artikeln, Reisen muss sie nicht bezahlen.

Viel Geld ist das nicht. Aber Jutta Sundermann wundert sich ein wenig über solche Einschätzungen. „Gar nicht schlecht“, meint sie selbst, denn viel sei es nicht, was sie zum Leben brauche. Die Familie lebt in einem kleinen Fachwerkhaus, „schrottig“ sagt sie, aber immerhin, es gehört ihr. Ein Prinzip der Aktivistin ist es, ein Leben zu führen, das so nachhaltig wie möglich ist. Klamotten kauft sie auf dem Flohmarkt, sie besitzt keinen Führerschein, keinen Fernseher, und Urlaubsreisen mit dem Flugzeug sind tabu. „Konsum ist mir nicht wichtig.“ Und wenn die Aktivistin sieht, wie Proteste gelingen, zum Beispiel die Fälschung der Zeitung „Die Zeit“ und die Produktion der „Financial Crimes“, dann hat sich für sie der ganze Einsatz gelohnt. Und für Johannes Kuhn auch.

Reinhard Urschel und Gunnar Menkens

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