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Schulpolitik in Niedersachsen Der Ausstieg aus der Orientierungsstufe
Thema Specials Schulpolitik in Niedersachsen Der Ausstieg aus der Orientierungsstufe
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18:39 19.03.2009
Von Jörg Kallmeyer

„Ich darf feststellen, dass die Schulreform inhaltlich und logistisch geglückt ist.“ Noch Fragen?

Es war ein Tag für die Schulgeschichte. Als die Schüler nach den Sommerferien in die Klassenräume zurückkehrten, war eine ganze Schulform verschwunden: die Orientierungsstufe. Zur Erinnerung für die später Dazugekommenen: Die Orientierungsstufe war eine eigenständige Schulform für die Klassen 5 und 6. In diesen beiden Jahren wurden noch alle Kinder gemeinsam unterrichtet – erst danach fiel die Entscheidung, ob sie aufs Gymnasium, auf die Real- oder die Hauptschule gehen sollten. Die OS war seit ihrer Einführung im Jahr 1971 umstritten. Erst wandte sich die CDU von ihr ab, das Ende der OS allerdings läutete im Wahlkampf 2003 der damalige SPD-Ministerpräsident Sigmar Gabriel ein. Sein Alternativmodell der „Förderstufe“ fiel aber beim Wähler durch.

CDU und FDP hatten politisch daher leichtes Spiel, als sie am 25. Juni 2003 mit der Regierungsmehrheit im Landtag die große Schulreform beschlossen. Logistisch stand die Schulbürokratie jedoch vor einer gewaltigen Herausforderung: 535 Schulen mussten abgewickelt werden; 13.332 Lehrer brauchten einen neuen Arbeitsplatz; und im Sommer 2004 mussten drei Jahrgänge auf einen Schlag – immerhin 261.748 Schüler – in den weiterführenden Schulen aufgenommen werden. Denn der Ausstieg aus der OS kam nicht etwa schrittweise, sondern zum festen Stichtag. Der Abschlussjahrgang der Grundschulen sowie die Jahrgänge 5 und 6 der abgewickelten Orientierungsstufen musste verteilt werden.

Im Ministerium sprach man wochenlang von der „Operation Mondlandung“. Dass diese logistisch gelang, musste auch die Opposition anerkennen: Es gab weder eine Klagewelle von versetzungsunwilligen Lehrkräfte, noch eilten Schüler auf der Suche nach ihren neuen Schulen durch die Städte. Die Kommunen als Schulträger stöhnten, zogen aber mit. „Dieses Ding zu wuppen war der größte Kraftakt, den wir in den vergangenen 20 Jahren geleistet haben“, sagt der frühere hannoversche Schuldezernent Harald Böhlmann rückblickend.

Inhaltlich ist umstritten, ob der Ausstieg das richtige Signal war. Die Rückkehr zu einem streng gegliederten Schulwesen in Niedersachsen kam zum Zeitpunkt, als anderswo mit einer Debatte darüber begonnen wurde, ob nicht vielmehr integrative Schulsysteme zukunftsweisender sind. Ausgelöst durch die Pisa-Ergebnisse haben Gemeinschaftsschulmodelle nach skandinavischem Vorbild bei SPD und Grünen Konjunktur.

Bleiben zudem die praktischen Probleme nach der Abschaffung der OS: Wie werden die Schülerströme nach der Grundschule gelenkt? Der Ansturm aufs Gymnasium ist immer größer geworden, in den Städten bluten die Hauptschulen aus. Vor allem die Gymnasiallehrer pochen immer wieder darauf, die freie Elternentscheidung bei der Schulwahl aufzuheben. Wird künftig auch in Niedersachsen die Schulwahl vom Notendurchschnitt oder von den Lehrern bestimmt? Die FDP liebäugelt seit Langem damit, Kultusminister Busemann blockt ab. Die Abschaffung des freien Elternwillens, sagt er, sei „politischer Selbstmord“.