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Schulpolitik in Niedersachsen Die neue Mitte
Thema Specials Schulpolitik in Niedersachsen Die neue Mitte
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18:02 19.03.2009
Von Jörg Kallmeyer

Und schon sind die Bildungspolitiker wieder in ihrem Element: Sie streiten munter um die Frage, welches Schulsystem wohl das beste ist. Irritierend für das Publikum aber bleibt, dass die Landesregierung offenbar noch nicht weiß, was sie will.

Kultusministerin Heister-Neumann ist eigentlich um jeden Preis darum bemüht, nach der Reformwelle der vergangenen Jahre nun Ruhe in die Schulen zu bringen. Ihr Vorschlag, Haupt- und Realschüler künftig häufiger gemeinsam unterrichten zu lassen, ist denn auch weniger aus einer Überzeugung als aus der blanken Not erwachsen. Offiziell wird er mit dem Lehrermangel begründet. In Wahrheit aber steht dahinter der Zusammenbruch der Hauptschule. Diese Schulform steht nach der Abschaffung der Orientierungsstufe in Niedersachsen im harten Wettbewerb – und die Eltern wählen sie gnadenlos ab.

Hauptschule am Ende

Die Hauptschule ist – auch wenn ihre letzten Verbündeten dies nicht gerne hören – vor allem in den großen Städten zu einer kümmerlichen Restschule geworden, die den Absolventen keine Perspektive mehr bietet: Bundesweit finden 40 Prozent der Hauptschüler keinen Ausbildungsplatz – und das trotz aller nachträglichen Qualifzierungskurse und Sonderprogramme. Dass es in ländlichen Regionen noch funktionierende Hauptschulen gibt, hilft den Lehrern und Schülern in den Städten nicht weiter. In den nächsten Jahren werden die Schülerzahlen weiter zurückgehen. Dann können Schulen, in denen nicht einmal zehn Prozent eines Jahrgangs zusammenkommen, nicht mehr allein überleben.

Für die schwarz-gelbe Landesregierung in Hannover rächt es sich nun, dass sie noch politische Treueschwüre für die Hauptschule und das streng dreigliedrige Schulwesen abgegeben hat, als sich CDU-geführte Regierungen anderswo längst bemühten, den letzten ideologischen Ballast in der Bildungspolitik über Bord zu werfen. Die großstädtisch geprägten Christdemokraten in Hamburg und Berlin haben sich früh von der Hauptschule verabschiedet, Flächenländer wie Schleswig-Holstein sind gefolgt. In Ostdeutschland, wo der Schülerrückgang früher spürbar war, ist man ohnehin schlauer gewesen: Im Osten kennt man nur gemeinsame Schulen für Haupt- und Realschüler. Und beim jüngsten Pisa-Ländervergleich hat Sachsen gezeigt, dass man es mit einem solchen Modell der „Mittelschule“ sogar an die Spitze schaffen kann.

Man muss kein Prophet sein, um einem zweigliedrigen Schulwesen in Deutschland die Zukunft vorauszusagen. Auf der einen Seite werden „Mittelschulen“ stehen, auf der anderen Seite bleibt das Gymnasium (oder die Gesamtschule, die ebenfalls das Abitur ermöglicht). Es ist also durchaus sympathisch, wenn Niedersachsens SPD-Landeschef Garrelt Duin jetzt dazu aufruft, eine solche Konstruktion praktisch in einer großen schulpolitischen Koalition zu beschließen. Bei Eltern und Lehrern ist der Wunsch groß, dass man sich um die Schulen weniger streiten möge. Dass Duins Ruf nach dem Bildungskonsens gleichwohl naiv war, zeigt schon die Skepsis in seiner eigenen Partei.

Wer bietet Chancen?

Dabei ist völlig gleichgültig, wie die neue „Mittelschule“ künftig heißen wird. Entscheidend wird sein, ob es ihr auch gelingen wird, Mängel des bisherigen Systems zu beseitigen. Ein schwacher Schüler wird nicht allein dadurch ein starker Schüler, dass seine Schule nun nicht mehr Hauptschule heißt. Die neue Schule muss inhaltlich weit mehr als im bisherigen Modell vom Gedanken des Förderns getragen sein. Sie soll nicht das Scheitern von Schülern dokumentieren, sondern bessere Aufstiegschancen eröffnen – bis hin zum Gymnasium. Die neue Schule muss von der Offenheit geprägt sein. Und sie sollte von Eltern und Schulträgern auch wirklich gewünscht sein. Darum ist es richtig, dass die Kommunen mitentscheiden sollen.

Die Landesregierung wird gleichwohl nicht darum herumkommen, ein vernünftiges Konzept für die neue Mitte in der Schullandschaft zu finden. Sie hat sich bis Ende Februar Zeit gegeben. Dann muss in jedem Fall mehr präsentiert werden als ein Programm gegen Lehrermangel.