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Schulpolitik in Niedersachsen Lange Arbeitstage für Gymnasiasten
Thema Specials Schulpolitik in Niedersachsen Lange Arbeitstage für Gymnasiasten
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16:47 19.03.2009
Von Bärbel Hilbig
Sven Grupe (Mitte) im Religionsunterricht um 14 Uhr. Quelle: Martin Steiner

Sechs dicke Stullen hat seine Mutter ihm geschmiert. Die Tellkampfschule bietet ihren Schülern im Gegensatz zu den meisten Gymnasien sogar eine Mensa mit warmem Essen, aber der 14-Jährige zieht bisher das Mittagessen zu Hause vor. Doch bis dahin ist es noch lang. Dienstags stehen vier Fächer, jeweils als Doppelstunde, auf seinem Plan: In Deutsch interpretieren die Schüler eine Geschichte von Marie Luise Kaschnitz, in Französisch üben sie das passé composé, in Geschichte geht es um die Novemberrevolution, und in der siebten und achten Stunde will Religionslehrerin Saskia Kuhr Luthers Lebenslauf wiederholen.

„In der achten Stunde kann ich mich oft nicht mehr so gut konzentrieren“, sagt Sven. Doch dreimal in der Woche geht sein Unterricht so lang: Er verlässt die Schule erst um 15.10 Uhr. Das warme Mittagessen gibt es dann um 16 Uhr. Der Arbeitstag ist für Sven aber auch dann noch lange nicht vorbei. Eine Pause gönnt der 14-Jährige sich nicht. Zuerst erledigt er die Hausaufgaben, dann bereitet er sich auf den nächsten Tag vor. „Ich gucke, ob ich etwas nicht verstanden habe und arbeite das nach.“ Das dauert bis 18.30 Uhr oder 19 Uhr – je nachdem. Auch sonntags setzt Sven sich nachmittags für ein bis zwei Stunden an den Schreibtisch und bereitet sich auf die nächste Woche vor.

Es erscheint schon erstaunlich, dass der Neuntklässler nebenbei tatsächlich zweimal in der Woche zum Leichtathletiktraining geht, beim Training der kleineren Kinder in seinem Verein hilft, am Wochenende zu Wettkämpfen fährt und auch noch Tennis spielt. „Ich brauche das einfach“, sagt der 14-Jährige. Manchmal setzt Sven sich deshalb so wie gestern, als er nachmittags Trainingsrunden rund um den Maschsee drehte, noch nach dem Sport abends zum Lernen hin. „Wenn ich richtig viel zu tun habe, lasse ich das Training manchmal auch ausfallen.“

Vielleicht ist Sven auch besonders diszipliniert, weil er erst vor einem Jahr von der Realschule aufs Gymnasium gewechselt ist. Doch seine Mitschüler berichten von ähnlichen Tagesabläufen: Das Abitur nach zwölf Jahren hat die Stundenpläne deutlich verdichtet. Das macht sich bereits bei den Fünftklässlern bemerkbar. Doch im neunten Jahrgang ist die Belastung besonders angewachsen: Das Minimum liegt bei 34 Wochenstunden. Dazu kamen jetzt noch ein bis zwei Extra-Förderstunden, die viele Schulen verpflichtend anbieten.

Inklusive einer AG kommt Sven dieses Halbjahr schon allein auf 36 Unterrichtsstunden in der Schule. Wenn der Gymnasiast von seinem Pensum erzählt, wirkt er stoisch. Seine Mutter sieht das weniger gelassen. Die schnelle Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren hält sie, wie inzwischen viele Eltern, für unausgegoren. „Die Politiker beklagen regelmäßig, die Kinder seien zu dick, sie sollten mehr Sport treiben und Musik machen, um ihre geistigen Fähigkeiten breit zu entwickeln“, zürnt sie. „Und die Familien sollen sich liebevoll um ihre Kinder kümmern. Nur wann denn noch?“ Bettina Grupe hat vor Augen, wie viel leichter ihr älterer Sohn Lars bisher die Schule gemeistert hat. Die elfte Klasse nutzt er gerade für ein Highschool-Jahr in den USA. „Im Nachhinein merke ich, dass die Orientierungsstufe ihn gut aufs Gymnasium vorbereitet hat.“

Bettina Grupe versucht, Sven und dem jüngeren Bruder Björn, so gut es geht, den Rücken freizuhalten. „Es ist ganz wichtig, dass die Kinder ihre Freunde treffen und den Kopf mal freibekommen. Sie müssen auch noch Kind sein können.“ Doch unter Svens Mitschülern gehen die Sorgen um. In Religion durften die Jugendlichen jetzt Themen auswählen. Viele möchten sich mit „Zeit“ beschäftigen. Lehrerin Saskia Kuhr hält das für bezeichnend. „Sie fühlen sich überfordert.“ Selbst Fünftklässler machten sich bereits viele Gedanken, wie sie ihre knappe Freizeit sinnvoll nutzen könnten. Kuhr wundert das nicht. „Sie bekommen ja alle gesagt, sie müssten nun schneller sein als alle anderen.“ Und manche Themen tauchten in Deutsch jetzt so früh im Lehrplan auf, dass sie kaum altersgerecht seien.

Doch die Neuntklässler sorgen sich auch um die Zeit nach dem Abitur. Dann konkurrieren sie mit den jetzigen Zehntklässlern, die gleichzeitig fertig werden, um Studienplätze und Ausbildungsstellen. „Wer ein schlechtes Abitur macht, hat es dann noch schwerer“, sagt Rebekka. Selbst eine Klasse zu wiederholen sei keine Lösung, meint die 14-jährige Laura. Die Stoffverteilung ist dort anders. In manchen Fächern liegen die Achtklässler mit den Neuntklässlern bereits gleich auf.

Die Lutherschule bietet heute um 19.30 Uhr einen Vortrag zum Thema Schulstress. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr in der Aula, An der Lutherkirche 18.