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Schulpolitik in Niedersachsen Niedersachsen ist Schlusslicht beim gemeinsamen Lernen
Thema Specials Schulpolitik in Niedersachsen Niedersachsen ist Schlusslicht beim gemeinsamen Lernen
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22:23 29.11.2010
Nur 6,6 Prozent aller behinderten Kinder gehen in Niedersachen auf eine Regelschule.
Nur 6,6 Prozent aller behinderten Kinder gehen in Niedersachen auf eine Regelschule. Quelle: dpa
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Während im vergangenen Schuljahr bundesweit immerhin 18,4 Prozent aller Schüler mit besonderem Förderbedarf gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet wurden, waren es in Niedersachsen gerade einmal 6,6 Prozent. Angesichts der auf einer verbindlichen UN-Konvention basierenden bildungspolitischen Vision, Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten, bescheinigten die Wissenschaftler um den renommierten Duisburger Bildungsforscher Klaus Klemm allen Bundesländern Nachholbedarf – in Niedersachsen sei er aber besonders dringend.

Schon die ganz Kleinen werden in Niedersachsen besonders häufig getrennt betreut: Nur 37 Prozent aller förderbedürftigen Kinder besuchen normale Kindertagesstätten – im Bundesdurchschnitt sind es 60 Prozent. Und wie die von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene Studie zeigt, sinken die Chancen behinderter Kinder, gemeinsam mit nicht behinderten Altersgenossen im selben Klassenraum zu sitzen, je älter sie werden: Werden in den Grundschulen bundesweit noch 33,6 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelklassen betreut, sind dies in den weiterführenden Schulen nur noch 14,9 Prozent.

Ausgerechnet der ewige Pisa-Verlierer Bremen belegt einen Spitzenplatz beim gemeinsamen Unterricht: Fast 40 Prozent der verhaltensauffälligen, sprach- oder lernbehinderten Schüler werden in der Hansestadt mit anderen Kindern unterrichtet. Die großen Abweichungen zwischen den Bundesländern erklären die Autoren der Studie mit den unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Bildungspolitik – und das gemeinsame Lernen hat die Bremer Schulsenatorin Renate Jürgens Pieper (SPD), einstige Kultusministerin in Niedersachsen, weit oben auf ihre politische Agenda gesetzt.

Im niedersächsischen Kultusministerium will man sich von der Studie nicht unter Druck setzen lassen. Seit März 2009 gilt in Deutschland die UN-Behindertenkonvention, wonach auch für Kinder mit Beeinträchtigungen der Besuch einer normalen Schule die Regel sein soll. „Bei der Umsetzung an unseren Schulen gilt der Grundsatz ,Sorgfalt vor Eile“‘, sagt eine Sprecherin von Kultusminister Bernd Althusmann (CDU). Das Gesetz zum gemeinsamen Unterricht soll 2012 kommen – zum Ärger der Opposition im Landtag: Frauke Heiligenstadt, schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, warf der Landesregierung Untätigkeit vor und sprach von einem „bildungs- und gesellschaftspolitischen Skandal“. Die Grünen-Schulexpertin Ina Korter sagte: „Herr Althusmann lässt die Kinder mit Förderbedarf weiter im Regen stehen.“

Marina Kormbaki