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US-Präsidentschaftswahl 2012 Mitt Romney dreht im TV-Duell richtig auf
Thema Specials US-Präsidentschaftswahl 2012 Mitt Romney dreht im TV-Duell richtig auf
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12:34 04.10.2012
Von Stefan Koch
Foto: Herausforderer Mitt Romney (l.) konnte das erste von drei Fernsehduellen für sich entscheiden. Barack Obama (r.) wirkte streckenweise kraftlos.
Herausforderer Mitt Romney (l.) konnte das erste von drei Fernsehduellen für sich entscheiden. Barack Obama (r.) wirkte streckenweise kraftlos. Quelle: dpa
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Washington

Etwa 50 Millionen Amerikaner sitzen am späten Mittwochabend gespannt vor dem Fernseher, um das erste TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten zu verfolgen. Und womit beginnt der Amtsinhaber die Debatte? Mit einer Liebeserklärung zum Hochzeitstag an seine Ehefrau Michelle: „Vor 20 Jahren hast du mich zum glücklichsten Mann der Welt gemacht.“ Im nächsten Jahr, so verspricht er seinem „Schatz“ von der Bühne herab, würden sie diesen besonderen Tag nicht wieder vor einem Millionenpublikum feiern.

Barack Obama erweist sich damit gleich zu Beginn des Streitgesprächs wieder einmal als der große Charmeur, der auch in schwierigen Momenten lässig bleibt. Zur Überraschung vieler Beobachter weiß aber auch der Herausforderer mit dieser unerwarteten Eröffnung umzugehen. Mitt Romney gratuliert seinem politischen Gegner und scherzt: „Ich bin mir sicher, dies ist der romantischste Ort, den Sie sich vorstellen können, heute abend hier mit mir.“ Das Publikum lacht, und der Republikaner hat den ersten Punkt in der 90-minütigen Partie für sich entschieden.

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Romney hat in seinem ersten TV-Duell gegen Amtsinhaber Obama einen starken Auftritt hingelegt.

Der von einigen Beobachtern schon fast totgesagte Kandidat präsentiert sich in der Nacht zum Donnerstag in Bestform. Seine verbalen Angriffe feuert der 65-Jährige nicht wie mit einem Maschinengewehr ab, sondern trägt seine Kritik in aller Ruhe Punkt für Punkt vor, verbunden mit dem freundlichsten Lächeln, das er je in dieser Wahlkampagne zeigte. Obama habe in den zurückliegenden vier Jahren zu viele Schulden aufgenommen und belaste die kleinen Unternehmer durch zu hohe Steuern. Die Folgen: „Die Benzinpreise haben sich unter dem Präsidenten verdoppelt. Strom wurde teurer. Lebensmittelpreise stiegen. Die Gesundheitskosten wurden pro Familie um 2500 Dollar höher.“

Anstatt sich auf die Schaffung von Jobs zu konzentrieren, habe sich Obama zu sehr mit seinem Lieblingsprojekt, der Gesundheitsreform, beschäftigt: „Ich mache mir Sorgen um den jetztigen Kurs, der nicht erfolgreich ist. Der Präsident will aber genau so weiter machen. Mehr Staat, höhere Ausgaben und Steuern, mehr Regulierung. Das ist aber nicht die richtige Antwort für Amerika.“

Obama hält dagegen und wirft Romney vor, die Steuern nur zu Gunsten der Reichen senken zu wollen. Anstatt die Gesellschaft zu spalten wolle er auch in seiner zweiten Amtsperiode in bessere Schulen investieren und für mehr Fairness in der Gesellschaft sorgen: „Jeder in unserem Land muß die gleichen Chancen bekommen, jeder muss sich an die gleichen Regeln halten. Dafür werde ich kämpfen.“ Dagegen würde Romney auf ähnliche Rezepte setzen wie der frühere Präsident George W. Bush. Aber dieses radikale Steuersenken sei der falsche Weg gewesen: „Das hat dazu geführt, dass wir von Überschüssen zu Defiziten gekommen sind und alles mündete in der schlimmsten Rezession seit der Großen Depression.“

Die Steuersenkungen, die er von seinem Vorgänger Bush geerbt habe, seien nicht gegenfinanziert gewesen, und die Kriege in Afghanistan und im Irak hätten den Haushalt zu Beginn seiner Amtsperiode schwer belastet. Zugleich räumt Obama ein: „Wir alle wissen, dass wir noch eine Menge Arbeit vor uns haben.“

Mit der Gesundheitsreform, die unter Fachleuten tatsächlich als ein enormer Verdienst gilt, hat es der Amtsinhaber schwer: Er muss das Projekt verteidigen, obwohl es erst ab 2013 seine Wirkung entfalten kann. Für den Wahlkampf weitaus folgenreicher dürfte aber sein, dass sich der Präsident in dieser abendlichen Diskussion in die Ecke drängen lässt. Er wirkt kraftlos, fast desinteressiert. Selbst seine sonst so kämpferische Wahlkampfsprecherin Jen Psaki gesteht später in einem Fernsehinterview ein: „Romney war sehr gut vorbereitet.“

Nach den Parteitagen der „Republicans“ in Tampa und der „Democrats“ in Charlotte war Obama im September in den Umfragen erstmals deutlich in Führung gegangen. Das Kopf-an-Kopf-Rennen schien nach einer wochenlangen, geradezu quälenden Auseinandersetzung zu Gunsten des Amtsinhabers entschieden zu sein. Nach dem TV-Duell in Denver ist nun wieder alles offen. Romneys griffige Formulierungen dürften bei den Wählern ankommen, auch wenn sein sogenannter Fünf-Punkte-Plan höchst unkonkret bleibt.

Amerika blickt jetzt auf dem 16. Oktober. Dann kommt es in Hempstead unweit von New York City zur zweiten Begegnung von Amtsinhaber und Herausforderer, bei der auch Bürgerfragen zugelassen sind. Eine dritte Debatte, die sich vor allem um die Außenpolitik drehen soll, ist für den 22. Oktober in Boca Raton im Bundesstaat Florida geplant. Bereits am kommenden Donnerstag stehen sich Vizepräsident Joe Biden und Romneys Kandidat für das Vizeamt, Paul Ryan, gegenüber.

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