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Nachrichten Bluttat im Asylbewerberheim
Umland Barsinghausen Nachrichten Bluttat im Asylbewerberheim
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20:43 11.09.2014
Von Jörg Rocktäschel
Quelle: dpa
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Barsinghausen

Der Täter hat laut Aussagen von Zeugen sein späteres Opfer, einen 35-jährigen Asylbewerber aus Russland, mehrfach aufgefordert, ihm eine Zigarette zu geben. Als dieser ihn keine gab, stach der Mann plötzlich mit einem Messer zu und verletzte ihn schwer. Der Mann wurde zur Notoperation ins Krankenhaus nach Gehrden gebracht. Zeitweilig hat für ihn Lebensgefahr bestanden.

Der Täter flüchtete. Die Polizei leitete eine Fahndung ein, an der Streifenwagen aus Barsinghausen, Ronnenberg, Bad Nenndorf und später auch aus Hannover beteiligt waren. Außerdem wurde der Polizeihubschrauber eingesetzt.

Gegen 22.10 Uhr stand der Täter plötzlich auf dem Parkplatz neben dem Wohnheim. Er legte sich auf den Bauch. Als die Polizisten bei ihm waren, stellte sich heraus, dass er selbst Messerstiche im Bauchbereich hatte. Die habe er sich selbst beigebracht, sagte der Mann. Er wurde festgenommen, etwa 20 Minuten in einem Rettungswagen behandelt und ins Henriettenstift nach Hannover gebracht und dort ebenfalls operiert.

Der Mann wurde gestern in eine psychiatrische Einrichtung verlegt. Er soll aus Algerien stammen. Mitbewohner meinen jedoch, er stamme aus Marokko. Schon vor der Tat hielten sie ihn für einen sehr aggressiven Mann. „Problem im Kopf“ und „glaub’, er ist verrückt“, sagen die Mitbewohner über ihn.

Das Opfer, ein 35-jähriger Asylbewerber aus Russland, ist ein großer Mann. Er habe sich nichts bieten lassen, sei aber friedlich gewesen, sagte ein Mitbewohner, der die Tat Mittwochnacht gesehen hat. Er spricht gebrochen Deutsch, aber er kann sich verständlich machen. Der Russe gehöre zu den wenigen, die das Bad nach der Nutzung reinigen. Er wasche auch das Geschirr ab, bevor er es zurückstelle.

Der 22-jährige Täter, den sie den Marokkaner nennen, ist deutlich kleiner und soll sehr aggressiv sein. Die beiden wohnen im Erdgeschoss des Hauses B auf demselben Flur. Ein Zimmer liegt dazwischen. 68 Bewohner haben in dem vor 20 Jahren aus Holz errichteten Wohnheim Platz. Zurzeit sind es 58. Acht Quadratmeter müssen sich zwei Männer teilen. Das reicht für zwei Betten, manchmal sind es nur Matratzen, zwei sehr schmale Schränke und einen Minitisch. Für je fünf Zimmer gibt es ein Bad und eine Küche.

Auch zwei Familien sind jeweils in einem kleinen Zimmer untergebracht. Für sie sucht die Stadt besonders dringend Wohnungen. Und auch die Männer sollen anders untergebracht werden, in kleinen Wohngemeinschaften.

Viele Bewohner leiden unter dem Lärm im Heim, der mitunter bis 2 Uhr herrscht. Sie stammen aus 15 Ländern, von drei Kontinenten. Alle Glaubensrichtungen sind vertreten, Konflikte aus den Ursprungsländern werden mitgebracht. Insgesamt geht es friedlich zu, bestätigen auch Nachbarn. Die Messerattacke Mittwochnacht war der zweite Vorfall in zwölf Monaten. Der Hausverwalter musste vor einem aggressiven Bewohner flüchten, sein Auto wurde verbeult. Die Stadt hält engen Kontakt zu den Bewohnern. Doch für die extreme Enge hat sie noch keine Alternative.

Jörg Rocktäschel 10.09.2014
Jörg Rocktäschel 09.09.2014