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00:17 31.01.2016
Eine Tat aus Fremdenhass? Die ausgebrannten Autowracks. Quelle: Dillenberg
Barsinghausen

"Wir ermitteln in alle Richtungen", sagt der hannoversche Polizeivizepräsident Thomas Rochell am Donnerstag bei einer Pressekonferenz nach dem zweiten Brandanschlag innerhalb einer Woche in Barsinghausen klar. Brannten drei Wagen wegen eines technischen Defekts? Geht es um schlichten Vandalismus? Oder lässt die Chronologie der jüngsten Ereignisse in Barsinghausen gar keine andere Deutung zu, als die, die jetzt allenthalben die Runde macht. Dass alles politisch motiviert ist. Dass Neonazis zuerst versuchen, die im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft zu zerstören. Dass sie nur wenige Stunden nach einer Solidaritätskundgebung von 1500 Bürgern gegen blinden Fremdenhass gleich noch einmal drei Wagen der Stadtverwaltung direkt am Rathaus in Brand stecken und einen Schaden von 160.000 Euro anrichten.

Sorgenvoll richten Beobachter jetzt den Blick zurück. „Fest steht, dass es noch vor wenigen Jahren eine aktive rechtsextreme Szene in Barsinghausen gab“, sagt Martin Burgdorf von der regionalen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus. So sieht das auch der Barsinghäuser Bürgermeister Marc Lahmann. Dennoch hatte er in den vergangenen Tagen betont, dass die Gruppe, die einst im Zentrum der rechtsextremen Szene in Barsinghausen stand, sich mittlerweile aufgelöst habe. „Das bedeutet aber nicht, dass es dadurch keine Rechtsextremen mehr in Barsinghausen gibt“, sagt Burgdorf und verweist auf die „Brigade 8“. Diese rechtsextreme Bruderschaft wurde ursprünglich in Schleswig-Holstein gegründet und ist ähnlich wie Rockerclubs in Ortsvereinen organisiert. Eines dieser sogenannten „Chapter“ befindet sich offenbar auch in Barsinghausen. Das zumindest legt der Blick auf die Facebook-Seiten mehrerer ortsbekannter Neonazis nahe.

Nur einen Tag nachdem 1500 Barsinghäuser mit einem Protestzug gegen Fremdenhass demonstriert haben, ist es in der Stadt erneut zu einem Brand gekommen. Drei Autos fingen neben dem Rathaus Feuer.

Einer von ihnen äußert sich in dem sozialen Netzwerk sogar indirekt zu dem Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft. Einen Artikel über mehrere Barsinghäuser Schulen, die gegen Fremdenhass demonstrieren, kommentiert er dort mit den Worten, die kaum missverstanden werden können: „Wie kann man seine eigene Stadt nur so aufgeben?“ Es ist gut möglich, dass die rechtsextreme Szene nicht mehr so deutlich in Erscheinung tritt, wie noch vor ein paar Jahren“, sagt Burgdorf. Ein Netzwerk bestehe aber dennoch weiterhin.

Und nicht nur in Barsinghausen – das zeigt der Blick in den Osten der Region Hannover. Am Mittwochabend hat die Stadtverwaltung von Burgdorf die Bürger bei einer Veranstaltung informiert, wo in den kommenden Monaten Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Unter den 400 Besuchern waren auch mehrere Neonazis. Einer von ihnen startete in den vergangenen Wochen Versuche, eine „Bürgerwehr“ in Burgdorf zu gründen. Zudem gilt er als Mitorganisator der Pegida-Demos, die jeden zweiten Montag in Hannovers Innenstadt abgehalten werden. Auch bei diesen Treffen am Georgsplatz tauchen von Woche zu Woche mehr Personen auf, die dem rechtsradikalen Spektrum zuzurechnen sind.

Nach dem Brandanschlag auf eine sich im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft am Wochenende haben am Mittwochabend 1500 Menschen in Barsinghausen mit einem Protestzug durch die Stadt gegen Fremdenhass demonstriert. 

Wächst halb sichtbar, halb im Verborgenen die Szene der Rechtsradikalen? Nein, sagt Frank Rasche, Sprecher des niedersächsischen Verfassungsschutzes. „Eine Zunahme rechtsextremistischer Gruppierungen oder ein verstärkter Zulauf zu bestehenden Gruppierungen ist nicht feststellbar“, betont Rasche. Der Trend in der organisierten rechtsextremistischen Szene sei sogar eher gegenläufig. Der Zuzug der Flüchtlinge sorgt nach Beobachtung der Behörden in der Neonazi-Szene nicht für einen nennenswerten Zulauf aus der bürgerlichen Mitte. Sorgen gibt es dennoch: „Die Zunahme fremdenfeindlicher Straftaten und insbesondere die Angriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte lässt den Rückschluss zu, dass es Radikalisierungstendenzen gibt“, sagt Rasche. Dass sie ihre Pappenheimer kennen, können Verfassungsschützer nicht uneingeschränkt behaupten: Nur ein Drittel derer, die Straftaten gegen Flüchtlinge begangen haben, sind der Polizei als Mitglieder der rechtsextremen Szene einschlägig bekannt. „Die übrigen zwei Drittel waren zuvor nicht im Kontext rechtsextremistischer Betätigung in Erscheinung getreten“, sagt Rasche.

Keine „Bürgerwehren“ gegründet

Der Versuch von zwei Hannoveranern unabhängig voneinander jeweils eine „Bürgerwehr“ zu gründen, ist vorerst gescheitert. Bereits am Dienstag hatte ein Blogger zu einem ersten Treffen in einer Kneipe in der City eingeladen. Dort erschienen aber nur eine Handvoll Sympathisanten. Stattdessen wurde er von dem Sicherheitsunternehmen empfangen, das der besorgte Wirt beauftragt hatte. Zudem wurde der Blogger von der Polizei ermahnt, das Hausrecht des Gastronomen zu achten.

Der Initiator der zweiten Bürgerwehr wollte eine solche Begegnung mit den Behörden offenbar vermeiden. Er sagte sein Treffen am Mittwochabend vor der Marktkirche kurzfristig ab. Er wolle die Gründung einer „Bürgerwehr“ weiter vorantreiben, dies solle aber im Verborgenen geschehen.

Von Jörn Kießler, Joachim Dege und Andreas Kannegießer

Etwa 200 Bürger haben am Donnerstagabend die Gelegenheit genutzt, sich im Zechensaal über die Brandanschläge in Barsinghausen und die Situation in der Flüchtlingsunterbringung zu informieren. Dabei drehten sich die Fragen vor allem um den Stand der Ermittlungen und künftige Sicherheitsmaßnahmen.

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