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Burgdorf Deshalb setzt sich ein 19-Jähriger in Burgdorf für die Demokratie ein
Umland Burgdorf

Burgdorf: Deshalb setzt sich Mikhail Kasiyanov für Demokratie ein

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10:04 10.06.2019
Mikhail Kasiyanov bezeichnet das Schwimmbad als zweite Heimat in der Heimat. Quelle: Antje Bismark
Burgdorf

Als seine Heimat in der Heimat sieht Mikhail Kasiyanov das Schwimmbad an – und so wählt er das Wasserbecken als Ausgangspunkt für diesen „Stadtspaziergang“, bei dem es um Ankunft in der Stadt, Heimat und Zukunft geht. Denn gleich in zwei entscheidenden Punkten steht der 19-Jährige vor tiefgreifenden persönlichen Veränderungen: Hinter ihm liegt das Abitur am Gymnasium, vor ihm das Studium als Maschinenbauingenieur. Gleichwohl befindet er sich wie viele Gleichaltrige in einem Schwebezustand, schließlich hält er weder das Zeugnis in der Hand noch kann er sagen, an welchem Ort – Braunschweig, Aachen oder Berlin – er sein Studium absolvieren wird.

Die zweite Veränderung unterscheidet ihn wiederum von vielen anderen Abiturienten, ihre Geschichte indes hat Kasiyanov nach eigenen Angaben geprägt wie kaum eine andere: Geboren in Russland, besitzt der Burgdorfer noch die russische, nicht aber die deutsche Staatsbürgerschaft. „Beide zusammen – das geht leider nicht“, sagt der 19-Jährige, der nun die Einbürgerung anstrebt. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die russische Staatsbürger bleiben wollen. „Deshalb musste ich bis zu meinem 18. Geburtstag warten, ehe ich den Antrag stellen konnte“, sagt der künftige Student. Parallel zu all seinen Ehrenämtern und den Abiturprüfungen kümmerte er sich um die Formalitäten, die nach seiner Einschätzung zumindest auf deutscher Seite problemlos verlaufen dürften. Ob das für die russische Seite ebenfalls gelten wird, vermag er nicht abzusehen. „Aber das Ziel ist für mich klar, ich will deutscher Staatsbürger werden“, sagt er entschlossen mit Blick auf die politische Situation unter Putin.

Schwimmen schult Konzentration, Disziplin und Teamgeist

„Wir müssen uns für die Demokratie einsetzen“, sagt Kasiyanov fast am Ende des Spaziergangs, nachdem er am Beckenrand des Freibads auf die ersten Jahre in Burgdorf zurückgeblickt hat. Mit sechs Jahren kommt er mit seinen Eltern in die Stadt, wechselt in die Kita, dann in die Grundschule, später ans Gymnasium. Fast von Anfang an gehört das Schwimmtraining zum Wochenprogramm: „Ich konnte mich erst nur über Wasser halten, dann habe ich das Schwimmen richtig gelernt“, erinnert er sich. Für ihn sei es die beste Sportart überhaupt, zumal er auch Wettkämpfe absolviere. Konzentration auf den Start, Disziplin im Training, Teamgeist im Gruppensport – all diese Eigenschaften habe er beim Schwimmen gelernt und verinnerlicht.

Er gibt sie nun weiter, unter anderem als Trainer bei der TSV und als Ehrenamtlicher bei der DLRG. Aber auch als Sprecher des Gymnasiums, der zudem die Schulen der Stadt in den politischen Gremien und auf Regionsebene vertritt. All diese Ehrenämter kosten Zeit, aber Kasiyanov hat schon frühzeitig drei Säulen für sein Leben definiert: Schwimmen, Politik und Ingenieurwesen. Je nach Lebensphase nimmt die eine mehr Raum ein, so dass weniger für die anderen bleibt. Im Moment überwiegt das politische Engagement, schließlich setzt sich der Noch-Abiturient dafür ein, dass die Stadt den Jugendlichen über ein Planspiel einen niedrigschwelligen Einstieg in die Politik ermöglicht. „Ich habe sehr früh gelernt, dass es in der Politik kein reines Schwarz oder Weiß gibt“, sagt er und berichtet beim Zwischenstopp am Bahnhof von ungezählten Debatten, bei denen er zur Russland-Politik habe Stellung beziehen müssen – wegen seiner familiären Geschichte. „Dabei musste ich reflektiert antworten, erklären, verkrustete Vorurteile auflösen“, sagt er. Das präge seine Argumentation bis heute.

Planspiel soll Schülern die Demokratie erklären

Für die Demokratie einzustehen, das müssten viele Schüler verinnerlichen. Dass sie künftig an einem Planspiel teilnehmen und politische Abläufe kennen lernen, sehe er dabei als große Chance an, sagt Kasiyanov in Sichtweite des Bahnhofs, auf dessen Gleisen er im Frühjahr einen betrunkenen Mann rettete. Kein Wort fällt dazu heute, zu sehr beschäftigt ihn auf dem Weg in den Stadtpark das Thema Demokratie – inklusive der Sorge, dass sie in Gefahr geraten könne.

Flammender Appell für Ingenieurwesen

Im Gespräch über Heimat und Zukunft: Mikhail Kasianov und Redaktionsleiterin Antje Bismark. Quelle: privat

Im Park führt der Weg zum Spielplatz, auf dem er Stunden seiner Kindheit zugebracht hat. Und hier zeigt sich, dass die dritte Säule – das Ingenieurwesen – ab dem Herbst mehr Raum bekommen wird. Kasiyanov schwärmt von einem Schuljahr in den USA, als er mit einem Robotics-Team an der Weltmeisterschaft teilnahm. Er schwärmt von Problemen, die er mit Hilfe von kniffeligen Tüfteleien lösen kann. Und er schwärmt von dem unbeschreiblichen Gefühl, wenn nach gefühlt unendlicher Arbeit die ausgewählten Komponenten einer technischen Lösung so ineinandergreifen, dass ein komplexes System – sei es nur die Eierentnahme im Wachtelstall über speziell konstruierte Klappen – funktioniert.

Am Ende bleibt Kasiyanov an einer Bank mit Blick auf die Südstadt stehen: „Das ist der schönste Platz hier“, sagt er und spricht von Burgdorf als Heimat. Ihn wird er nicht aufgeben, egal wohin ihn das Studium verschlägt. Und er will sich weiter in Burgdorf einsetzen, für den Schwimmsport und für die Demokratie – erst als angehender, dann als erfahrener Ingenieur.

Zur Person

Mikhail Kasiyanov bezeichnet sich als Burgdorfer – schließlich lebt der 19-Jährige seit 13 Jahren in der Stadt. Er wurde in Russland geboren, kam im Alter von einem Jahr mit seinen Eltern zunächst nach Freiberg. In der sächsischen Stadt absolvierte sein Vater das Ingenieurstudium, anschließend zog die Familie nach Burgdorf. Hier besuchte Kasiyanov zunächst die Grundschule an der Hannoverschen Neustadt, dann wechselte er an das Gymnasium. Mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern wohnt Kasiyanov in der Südstadt. Er engagiert sich seit Jahren in der TSV und bei der DLRG, er fungierte als Klassensprecher und vertritt die Schüler derzeit als Stadtschülersprecher in den politischen Gremien. In diesem Monat beendet er das Gymnasium, im Anschluss strebt er ein Studium als Maschinenbauingenieur in Braunschweig, Aachen oder Berlin an. bis

Von Antje Bismark

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