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Burgdorf „Die Dreistigkeit der Gaffer bei Unfällen nimmt zu“
Umland Burgdorf

Burgdorf: „Die Dreistigkeit der Gaffer bei Unfällen nimmt zu“

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18:59 27.10.2019
Ortsbrandmeister Heinrich Könecke aus Ramlingen (von links) unterhält sich mit Benjamin Balke und Alexandros Kanellopoulos von der Autobahnmeisterei Hannover über die Sichtschutzwand gegen Gaffer, die sie im Burgdorfer Feuerwehrhaus aufgebaut haben. Quelle: Friedrich-Wilhelm Schiller
Burgdorf

„Wir hatten mal einen Autofahrer, der sich nicht an die Absperrung gehalten hat. Als er ausgestiegen ist, hat er uns beleidigt“, berichtete Sehndes Ortsbrandmeister Sven Grabbe beim ersten Fachtag für Einsatzkräfte, zu dem die Polizeiinspektion Burgdorf eingeladen hatte. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die wachsenden Probleme mit Gaffern und verbalen wie tätlichen Angriffen auf Einsatzkräfte. „Die Dreistigkeit der Gaffer nimmt zu. Zum Teil stehen sie uns bei der Arbeit sogar im Wege“, beschrieb DRK-Sanitäter Belo Koßmehl seine Erfahrungen be Einsätzen.

„Wir machen das heute als Versuchsballon“, sagte Martin Voß, Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz. Rund 100 haupt- und ehrenamtliche Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Polizei, der Rettungsdienste, des Technischen Hilfswerks und anderer Hilfsorganisationen aus Burgdorf, Burgwedel, Isernhagen, Langenhagen, Lehrte, Sehnde und der Wedemark fanden sich am Sonnabend auf dem Gelände der Burgdorfer Feuerwehr ein – zur Fortbildung und zum Erfahrungsaustausch.

Gewalt gegen Rettungskräfte nimmt zu

In der Region Hannover nehmengewaltsame Übergriffe auf Polizisten und Rettungskräfte zu. Von 2017 auf 2018 stieg die Zahl der Fälle, bei denen bei Polizeieinsätzen mindestens ein Beamter Opfer von Gewalt wurde von 671 auf 694. Hier macht das Plus von 23 Fällen eine leichte Steigerung, nämlich um 3,4 Prozent, aus. Dagegen fällt der prozentuale Zuwachs bei Übergriffen auf Rettungskräfte sehr viel deutlicher aus. Während 2017 bei 44 Einsätzen gegen mindestens eine Rettungskraft Gewalt angewendet wurde, war das 2018 bei 53 Einsätzen der Fall. Das entspricht einer Steigerung um rund 24,5 Prozent. Allerdings dürfte die tatsächliche Zahl der Übergriffe auf Polizeibeamte und Rettungskräfte höher sein. Denn die Kriminalstatistik erfasst nur die Straftaten, die zur Anzeige gelangen.

Gaffer können sich strafbar machen

„Wer Hilfeleistende behindert, macht sich strafbar“, machte Polizeibeamter Uwe Bollbach klipp und klar deutlich. Als Beispiele für eine Behinderung nannte er das Blockieren von Notfallgassen, das Versperren von Wegen zum Einsatzort und die Beschädigung von technischen Geräten, die für die Menschenrettung benötigt sind, sowie Übergriffe auf Einsatzkräfte.

Ratschlag: Den Störer direkt ansprechen

Bollbach erklärte den Einsatzkräften, wie sie mit Behinderungen durch Schaulustige und aggressive Zeitgenossen umgehen sollten. Wichtig sei es, „deeskalierend zu kommunizieren“. Dazu zähle das Beachten von Höflichkeitsformen. „Sprechen Sie den Störer direkt an, nicht die Allgemeinheit“, riet Bollbach. Nicht der Mensch, sondern dessen Verhalten sollte kritisiert werden. Oft helfe es, Öffentlichkeit herzustellen. „Holen Sie einen Zweiten hinzu“, sagte Bollbach. Wenn sich die Stimmung hochschaukele, sei es ratsam, die Kollegen darüber zu informieren und vor eventuellen Übergriffen zu warnen. Feuerwehrleute und Rettungssanitäter sollten selbst nicht gegen Störer vorgehen, sondern bei einer Gefährdung Polizeibeamte herbeirufen.

Unfallopfer dürfen nicht zur Schau gestellt werden

Schaulustige stellten immer wieder Fotos von Unfallopfern und Videoaufnahmen von Kollisionen ins Internet. „Die Verbreitung von Bildern ohne Einverständnis des Betroffenen ist verboten“, betonte Bollbach. Hilflose Personen, zum Beispiel Unfallopfer oder Betrunkene, dürfe man nicht zur Schau stellen. Um deren Rechte zu schützen, sei es wichtig, Schaulustigen den Zugang zu Unfallstellen so schwer wie möglich zu machen, sagte der Burgdorfer Polizeibeamte. Man könne ein Absperrband spannen und die Einsatzfahrzeuge so aufstellen, dass sie den Blick versperren. Einsatzkräfte sollten Schaulustigen, die stören, konkrete Vorgaben machen; „Treten Sie bitte 20 Meter zurück! Wir brauchen den Platz für einen Rettungswagen“, nannte Bollbach ein Beispiel.

Sichtschutz schützt auch unfreiwillige Zuschauer

Aus Decken oder Planen sollten Sichtblenden errichtet werden, die das unerlaubte Fotografieren von Unfallopfern erschweren, sagte Bollbach. Es sei aber nicht unbedingt die Aufgabe der Feuerwehr, Decken als Sichtschutz hochzuhalten, gab Martin Voß vom Katastrophenschutzamt zu bedenken. Diese Ansicht mochte ein Feuerwehrmann aus der Runde nicht teilen. Eine Sichtblende ist beispielsweise angebracht, wenn an der Unfallstelle ein Bus mit 50 Schülern halten muss. „Dann dient der Sichtschutz der Gefahrenabwehr durch die Feuerwehr“, pflichtete ihm Olaf Rebmann vom Landesfeuerwehrverband bei. Die Sichtblende könne verhindern, dass die Schulkinder in Panik gerieten oder sogar kollabierten. „Wir müssen auch die unfreiwilligen Zuschauer schützen“, betonte Rebmann. In der Fahrzeughalle des Burgdorfer Feuerwehrhauses hatten Mitarbeiter der Autobahnmeisterei zu Demonstationszwecken einen Sichtschutzzaun gegen Gaffer aufgebaut. Dieser Zaun wird derzeit im Rahmen eines Pilotprojektes an Unfallstellen auf den Autobahnen rund um Hannover erprobt. Laut Voß soll er verhindern, dass der Verkehr auf der Gegenfahrbahn zum Erliegen kommt.

Psychologe: Ein Helfer reicht in vielen Fällen aus

In 90 Prozent der Notfälle, die sich in der Öffentlichkeit ereignen, findet sich mindestens ein Mensch, der Hilfe leistet. Diese Zahl nannte Alexander Stötefalke, Psychologe der Johanniter-Akademie für Niedersachsen und Bremen, während des Fachtags der Polizeiinspektion Burgdorf für Polizeibeamte und Rettungskräfte. Er sprach über das Thema „Alle gucken – keiner hilft?!“.

Die Frage sei, so Stötefalke, ob dem Notleidenden ausreichend geholfen werde. Oft reiche es aus, wenn nur einer dem Hilfebedürftigen beispringe – etwa bei einem Beinbruch. Ob jemand zum Helfer werde, hängt nach den Worten des Psychologen von der jeweiligen Situation ab. Wenn jemand in Eile sei, werde er kaum zupacken. „Zeitdruck schlägt Moral“, sagte Stötefalke. Ein Hinderungsgrund könne auch sein, dass man bei der Rettungsaktion seine Kleidung schmutzig machen würde. Ebenso spiele die persönliche Stimmung eine Rolle.

„Eine unbeteiligte Person muss einen komplexen Prozess durchmachen, um zum Helfer zu werden“, erklärte Stötefalke. Sie müsse zum Beispiel die Hilfsbedürftigkeit anderer erkennen, bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, und die notwendigen Fachkenntnisse haben.

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Von Friedrich-Wilhelm Schiller

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