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Burgdorf Kein Wort Deutsch – und dann Hauptschulabschluss in zwei Jahren
Umland Burgdorf

Burgdorf: Ohne Deutsch zum Hauptschulabschluss – in zwei Jahren

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13:54 10.10.2019
Mahir Salih Dawod und Ursula Wieker zeigen die Deutschlandkarte – denn außer dem Wortschatz lernte der junge Iraker auch viel über Deutschland, seine Geschichte und Geografie. Quelle: Antje Bismark
Burgdorf

Genau zwei Jahre liegen zwischen der Ankunft von Mahir Salih Dawod in Burgdorf und jenem Tag, an dem er mit Stolz sein Zeugnis über den bestandenen Hauptschulabschluss einmal öffentlich zeigt. Das DIN-A4-große Dokument vermag dem Betrachter nicht zu vermitteln, welche Anstrengungen sich dahinter verbergen.

Denn als der heute 21-Jährige in die Flüchtlingsunterkunft an der Friederikenstraße zog, beherrschte er auf Deutsch nur die Zahlen von eins bis zehn. „Die habe ich mir selbst beigebracht“, sagt Mahir Salih Dawod, der im irakischen Mossul geboren wurde, dort aufwuchs und auch die Schule besuchte. Im Mai 2017 floh er aus der Heimat, kam über die Türkei schließlich ins Flüchtlingsheim in Bad Fallingbostel. „Meine Schwester lebt mit ihrer Familie in Burgdorf“, begründet der junge Mann, weshalb er über das Burgdorfer Mehrgenerationenhaus (BMGH) für den Umzug in die Stadt rang. Mit Erfolg, wie Leiterin Ursula Wieker sagt. „Damals haben die Behörden noch sehr darauf geachtet, dass die Zusammenführung von Familien gelingt“, sagt sie.

Mahir Salih Dawod: „Es waren so viele Hausaufgaben zu erledigen“

Gleich zwei Tage nach seiner Ankunft betrat Mahir Salih Dawod erstmals die Räume des BMGH und traf auf viele Gleichaltrige, die für den regulären Schulbetrieb zu alt und für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt noch nicht gut genug vorbereitet waren. Für sie starteten Dozenten der Einrichtung in einem Landesprojekt einen Kurs, der sieben Module umfasste. „Die Teilnehmer kamen aus dem Irak, aus Afghanistan, Syrien, dem Iran, Kamerun und von der Elfenbeinküste“, blickt Wieker zurück. Sie einte vor allem eine große Schüchternheit in einem weitgehend unbekannten Land.

Ab November 2017 drückten sie gemeinsam die Schulbank, um in den ersten drei Modulen in Deutsch das Sprachniveau A2 zu erreichen und in Mathematik sowie Biologie die Grundkenntnisse. „Es waren so viele Hausaufgaben zu erledigen“, erinnert sich Mahir Salih Dawod und fügt hinzu, dass es schwierig gewesen sei, die Aufgaben in der durchaus lebhaften Unterkunft zu bearbeiten. Manches, sagt er, habe er aus seiner Schulzeit gekannt. Anderes sei komplett neu gewesen. Doch die Jugendlichen hielten durch, sie schafften das erste Etappenziel.

Geschafft: Die Schüler und ihre Dozenten jubeln über den bestandenen Hauptschulabschluss. Quelle: privat

„Ich habe manchmal gedacht, dass ich es nicht schaffe“

Neun von ihnen setzten sich ein weiteres Ziel: Bis September 2019, so lautete der Wunsch, wollten sie den Hauptschulabschluss erringen. „Ich habe manchmal gedacht, dass ich es nicht schaffe“, gesteht der 21-Jährige, der inzwischen bei Parlasca arbeitet. Auch Wieker erinnert sich an ein stetes Motivieren der Dozenten. „Es war ja auch eine große Herausforderung, der sich alle gestellt hatten.“ Denn reines Auswendiglernen wie in anderen Ländern habe nun nicht mehr gereicht. „Wenn die Schüler die Funktionsweise des Auges übertragen sollten auf andere Vorgänge, dann kamen einige an die Grenzen.“

Und auch Mahir Salih Dawod nennt Biologie als schwierigstes Fach neben Deutsch, Mathematik, Biologie, Erdkunde, Wirtschaft und Politik. Parallel zum Fachwissen wuchs von Woche zu Woche der Wortschatz, die jungen Erwachsenen absolvierten noch Unterricht, den Ehrenamtliche anboten. Der gebürtige Iraker nutzte seine Chance und verbesserte sein Deutsch, sodass er diese Stunden im Rückblick als sein Lieblingsfach bezeichnet. Gleichwohl, erzählt er mit verschmitztem Lächeln, habe er dann vor den schriftlichen Prüfungen den größeren Respekt gehabt. „Ich dachte, dass die Zeit nicht reicht.“ Am Ende zeigte sich, dass die monatelange Vorbereitung sich gelohnt hatte: Acht der neun Teilnehmer schafften die Prüfungen.

Das nächste Ziel: eine Ausbildung als Bürokaufmann

Sie erklärten die Funktionsweise des Auges, rechneten Brüche in Dezimalzahlen und erläuterten Ebbe und Flut an der Nordsee. „Es war gut, so viel über Deutschland zu lernen“, sagt Mahir Salih Dawod, der gern eine Ausbildung als Bürokaufmann beginnen möchte. Zwei seiner Mitschüler haben einen Ausbildungsplatz als Dachdecker und technischer Zeichner gefunden, das macht ihm Mut. Wieker und ihr Team werden ihn dabei unterstützen, möglicherweise mit einer Einstiegsqualifizierung über das Jobcenter.

Denn, und das ist ihr ebenso wichtig wie Mahir Salih Dawod, sein zwölfjähriger Neffe sieht den Onkel inzwischen als Vorbild an. „Man kann alles schaffen, wenn man es will“, sagt er nach den vergangenen zwei Jahren.

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Von Antje Bismark

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