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Burgdorf Bürgermeisterentscheid: Pollehn und Paul gehen in die Stichwahl
Umland Burgdorf

Burgdorf: Pollehn und Paul gehen in die Stichwahl

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00:18 30.05.2019
Matthias Paul (SPD, links) und Armin Pollehn (CDU) treten zur Stichwahl am 16. Juni an. Quelle: HAZ-Collage
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Burgdorf

Das Rennen um die Bürgermeisterwahl in Burgdorf ist noch nicht gelaufen. Der Wahlsonntag brachte keine Entscheidung. Es kommt deshalb zur Stichwahl am 16. Juni zwischen dem Christdemokraten Armin Pollehn und dem Sozialdemokraten Matthias Paul. Pollehn hatte bei einer Wahlbeteiligung von 65,6 Prozent mit 26,2 Prozent Stimmenanteil am Sonntag die Nase vorn. Paul kam auf 24 Prozent der Stimmen.

16.337 von 24.894 Wahlberechtigten gaben am Sonntag ihre Stimme in den Wahllokalen ab für einen der sieben Kandidaten. 132 Stimmen waren ungültig. Dem CDU-Kandidaten Pollehn gelang es fast überall, die meisten Stimmen auf sich zu vereinigen, in Summe waren es am Ende 4240 Kreuze für ihn. Dabei drehte er sogar den Wohnort seines ärgsten Konkurrenten Matthias Paul, der in Ehlershausen wohnt und im Ortsrat Ramlingen/Ehlershausen ein Mandat wahrnimmt. Sowohl in Ramlingen als auch in den drei Stimmbezirken in Ehlershausen, wo bei der Kommunalwahl 2016 die SPD vorn lag, entschied Pollehn das Rennen für sich. Nur in der Kernstadt hatte Paul einen hauchdünnen Vorsprung. In Otze konnte Paul fast aufschließen zu dem Christdemokraten.

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Paul will auf Grüne und Nijenhof zugehen

Der Sozialdemokrat Matthias Paul konstatierte am Tag nach dem Wahlsonntag: „Das Wahlziel ist erreicht. Dass es zur Stichwahl kommt, war zu erwarten gewesen.“ Nun gelte es, all diejenigen zu überzeugen, die ihn im ersten Durchgang nicht gewählt haben und zu verhindern, dass sie aus Enttäuschung über das Abschneiden des eigenen Kandidaten nicht zur Stichwahl gehen. Bei der Frage, wer die nächsten sieben Jahre die Verwaltung leitet, gehe es schließlich um etwas für Burgdorf. Das Wahlergebnis der Grünen Sinja Münzberg findet Paul bemerkenswert. Ihren Wählern wolle er verdeutlichen, dass auch er sich grüner Themen annehmen werde. Drei Ratsanträge habe die SPD-Fraktion dazu auf den Weg gebracht: zur Fortentwicklung des Radverkehrsnetzes, zum Innenstadtverkehr mit dem Ziel, den Durchgangsverkehr zu minimieren, und zu Blühstreifen in der Stadt nach dem Vorbild der Stadt Sehnde. Auf den Fraktionschef der Freien Burgdorfer, Rüdiger Nijenhof, wolle er zugehen und dessen Wähler nach Möglichkeit überzeugen, dass er das Zeug zur Verwaltungsleitung habe. Ein Anliegen sei ihm, die Lagerbildung im Rat und das politische Gegeneinander aufzubrechen. „Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.“ Thematisch wolle er an seiner Agenda festhalten. Schon Ende der Woche würden neue Plakate aufgehängt. In den verbleibenden drei Wahlkampfwochen setze er vor allem auf viele persönliche Begegnungen und Gespräche. Dass sein CDU-Mitbewerber am Sonntag vor ihm über die Ziellinie ging, mache ihn nicht bange. „Dass Pollehn enteilt wäre, kann ich nicht erkennen.“

Grüne Münzberg zeigt sich enttäuscht vom Ergebnis

Die Grüne Sinja Münzberg, die sich Chancen auf das Erreichen der Stichwahl ausgerechnet hatte, konnte das aktuelle Umfragehoch nicht nutzen und das Wählerpotenzial ihrer Partei ausschöpfen. Während die Grünen bei der Europawahl in der Region Hannover zur stärksten politischen Kraft avancierten, blieb ihr mit 15,6 Prozent der Stimmen bei der Bürgermeisterwahl Platz drei vorbehalten. Münzberg, die vor allem in der Weststadt punktete, zeigte sich am Wahlabend entsprechend enttäuscht. Die Mitglieder der Grünen versammeln sich am Dienstagabend. Dann wollen sie entscheiden, ob sie eine Wahlempfehlung zugunsten des Sozialdemokraten Paul aussprechen.

Unterstützt die FDP jetzt CDU-Kandidat Pollehn?

Bereits an diesem Montagabend kommen die Liberalen zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Deren Kandidat Dirk Schwerdtfeger brachte es mit einem viel beachteten, aber auch kostenintensiven Wahlkampf auf beachtliche 12,1 Prozent der Stimmen. Schwerdtfeger deutete an, dass die FDP eine Wahlkampfempfehlung für Pollehn aussprechen könnte. Vor allem in Sorgensen, wo er die Position des Ortsvorstehers bekleidet, ließ der FDP-Mann mit 32,4 Prozent sämtliche Mitbewerber hinter sich. Dort war im Übrigen die Wahlbeteiligung so hoch wie nirgends sonst in Burgdorf: 66,2 Prozent. Schwerdtfeger kündigte an, weiter kämpfen zu wollen. Das Ergebnis mache ihm Mut für die nächste Kommunalwahl.

Pollehn will mit Bürgerbeteiligung punkten

Der Christdemokrat Armin Pollehn geht nach dem Wahlsonntag motiviert ins Wahlkampffinale bis zur Stichwahl. Dass er das beste Ergebnis aller sieben Kandidaten erreicht habe, deutet er als Signal dafür, dass die Burgdorfer einen Politikwechsel wünschten. Vor allem wollten die Bürger das Gefühl haben, dass nicht über ihre Köpfe hinweg bestimmt werde und sie sich in Entscheidungsprozesse einbringen könnten, sagt Pollehn. Das wolle er forcieren. Zukunftswerkstatt nennt er eine dazu passende Kartenaktion in seinem Wahlkampf. Bürger könnten auf Karten Themen und Anregungen eintragen, zu denen sie Antworten von ihm erwarten, beschreibt der Kandidat die Idee. Pollehn macht er keinen Hehl daraus, dass die Entscheidungsfindung in den Ratsgremien bisweilen schwierig sei. „Ich empfinde unsere Stadt als zerrissen. Wir haben verschiedene Gruppierungen, zwischen denen es wenige Brücken gibt.“ Eine Aufgabe als Bürgermeister sehe er darin, Kompromisse herbeizuführen. Die meisten Themen ließen sich nicht einfach lösen, sondern nur im Aufeinanderzugehen. „Dazu brauche ich Bürgerbeteiligung.“ Die funktioniere nur, wenn der Bürgermeister die Verwaltung nicht auf eine Haltung festlege, sondern die Bürgerschaft stärker informiere. Die Neuorganisation der Mobilität in der City auf Basis der Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer nennt Pollehn neben der Entwicklung neuer Gewerbegebiete als weiteren Schwerpunkt, für den er in den nächsten drei Wochen werben wolle. „Ohne Taktik, ganz authentisch“, verspricht Pollehn, der „noch eine Schippe drauflegen“ will.

Linker Fleischmann freut sich über zweistelliges Ergebnis

Ein zweistelliges Ergebnis schaffte auch der Kandidat der Linken, Michael Fleischmann. Er zeigte sich mit den erreichten 10,9 Prozent der Stimmen zufrieden. Es sei ihm gelungen, seinen Stimmenanteil im Vergleich zur letzten Bürgermeisterwahl mehr als zu verdoppeln, bilanzierte er. 412 Burgdorfer (2,5 Prozent) stimmten für den Kandidaten der Satire-Partei Die Partei, Marc Müller.

Paul will auf Nijenhof „zugehen“

Der parteilose Kirchenbeamte Rüdiger Nijenhof, der während der aktuellen Ratsperiode aus der CDU austrat und mit zwei weiteren Ratsmitgliedern seither die Fraktion Freie Burgdorfer bildet, kam auf 7,8 Prozent der Stimmen. Sozialdemokrat Paul kündigte noch am Wahlabend an, dass er nun auf Nijenhof, dessen Fraktion mit SPD, WGS und Grünen in der Mehrheitsgruppe im Rat zusammenarbeitet, zugehen und davon überzeugen wolle, „dass ich Bürgermeister von Burgdorf werde“.

Am Wahlabend lässt das Ergebnis auf sich warten

Pünktlich um 18 Uhr hatten die Wahlhelfer damit begonnen, die Stimmzettel auszuwerten – erst die der Europawahl, dann jene für die Bürgermeisterwahl. Und pünktlich um 18 Uhr betrat auch Stadtrat Lutz Philipps den Ratssaal im Schloss, wo die Verwaltung die Ergebnisse zeigte. Dort kamen die Politiker zunächst zusammen, ehe CDU und SPD in ihre Parteibüros wechselten, während sich die Grünen im Restaurant Alicante und die Liberalen im Athen trafen. Und zunächst sah alles nach einem kurzen Wahlabend aus: Die Ergebnisse trafen in schneller Folge ein. Auch die für die Bürgermeisterwahl – aber dann fehlte Meldung eines Wahlbüros aus der Südstadt.

Erst um 21.42 Uhr, und damit fast 30 Minuten später als das vorletzte Wahllokal, kam die Meldung. Bis dahin harrten interessierte Burgdorfer und Politiker vor der Leinwand geduldig aus. „Die Auszählung in dem Büro in der Südstadt hat sich verzögert, weil wegen eines Fehlers erneut gezählt werden musste“, sagt Stadtsprecherin Alexandra Veith.

Lesen Sie auch: Alle Informationen rund um die Bürgermeisterwahl 2019.

Kommentar: Entscheidung vertagt

Die Burgdorfer haben sich noch einmal drei Wochen Bedenkzeit auserbeten, bevor sie sich entscheiden, wer für die nächsten sieben Jahre Bürgermeister ihrer Stadt werden soll. Fest steht bislang nur: Es wird wieder ein Mann werden. Die einzige Frau im Bürgermeister-Rennen, die Grüne Sinja Münzberg, hat es nicht vermocht, die Burgdorfer von sich und ihren Ideen zu überzeugen. Dafür tragen die Grünen selbst die Verantwortung, indem sie ihre alles andere als stadtbekannte Kandidatin sträflich spät aufstellten. Obendrein bleiben die Grünen in ihrer Ratsarbeit sogar bei ihrem Markenkern, der Umweltpolitik, in den vergangenen Jahren hinter ihren Möglichkeiten zurück, setzen nur wenige Akzente und haben sich in der Vergangenheit eher als Mehrheitsbeschaffer für die Sozialdemokraten und deren Bürgermeister geriert. Kein Wunder also, dass die Grünen, anders als bei der Europawahl in der Region Hannover, bei der Bürgermeisterwahl nichts bewegen konnten.

Überhaupt hält sich die Wechselstimmung in Grenzen: Dass der Christdemokrat Pollehn am Sonntag in fast allen Wahlbezirken die Nase vorn hatte, hat nicht viel zu bedeuten. Realistisch betrachtet steht kaum zu erwarten, dass ihm nun die Stimmen der Grünen, der Linken und des Parteilosen Nijenhof zufliegen werden – einzig die der FDP. Nun ist die Bürgermeisterwahl aber eben auch keine Wahl von Parteien, sondern eine von Persönlichkeiten. Drum bleibt die entscheidende Frage: Wer geht wie auf die Burgdorfer zu? Genau hingucken lohnt sich.

Von Joachim Dege

Von Joachim Dege