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Burgdorf Burgdorfer gedenken der Pogromnacht und der Opfer von Halle
Umland Burgdorf

Burgdorfer gedenken der Pogromnacht und der Opfer von Halle

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17:41 10.11.2019
Station ehemalige Synagoge, die die jüdische Gemeinde 1811 an der Poststraße erbaut hatte und die am 9. November 1938 verwüstet wurde. 1941 wurde die Gemeinde dann gezwungen, das Gebäude an die Stadt zu verkaufen. Heute hat die KulturWerkStadt ihre Bleibe dort. Quelle: Martin Lauber
Burgdorf

Frappierend, wie Burgdorfs historische Fachwerkkulisse der Vorstellungskraft Flügel verleiht: In dieser trauten, fast unverändert gebliebenen Szenerie hielt am Sonnabendabend eine friedliche Menschenmenge inne zum mahnenden Gedenken an die Reichspogromnacht. Genau dort, wo die Kleinstadt einen ihrer schwärzesten Tage erlebte, als am späten 9. November 1938 SA- und NSDAP-Anhänger die jüdische Synagoge verwüsteten. Wutentbrannt darüber, dass sie diese aus Brandschutzgründen nicht auch hatten anzünden dürfen.

An dieser historischen Stätte lauschten 80 bis 100 Menschen jeden Alters aus Burgdorf und Umgebung einem Text, den ein ehemaliger jüdischer Bewohner des damaligen Synagogen-Gebäudes bereits im Jahr 1919 ahnungsvoll formuliert hatte: Mit „Entstellung, Lüge und Missachtung der Tatsachen“ verfolge der Antisemitismus sein letztes Ziel, den Mord! Bruno Italieners Ahnung trog nicht: Allein aus Burgdorf wurden unter dem NS-Regime 62 Menschen jüdischen Glaubens deportiert und im KZ ermordet.

Eine Burgdorferin zündet vor dem Tor des Judenfriedhofs ein ewiges Licht an. Quelle: Martin Lauber

Redner mahnen nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle

Dass aber 100 Jahre nach den Warnungen des Rabbiners die Mahnungen heute kaum weniger dringlich klangen als damals, das machte viele Teilnehmer des Gedenkweges betroffen. Zu keinem Zeitpunkt sei ihm „die Gefahr bewusster als heute, dass dieses nicht nur wieder geschehen kann, sondern gerade geschieht, und dass eine Gefahr unmittelbar vor der Tür dieses Hauses lauert“, bekannte Tobias Teuber vom Arbeitskreis 9. November 1938 mit Verweis auf den Bundestag, in dem wieder Hassreden zu hören seien.

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vor wenigen Wochen stehe der 31. Gedenkweg „unter besonderen Vorzeichen“, das hatte zur Begrüßung vor dem Rathaus I auch Judith Rohde klargestellt, die Sprecherin des Arbeitskreises. Der neue Bürgermeister Armin Pollehn (CDU) nannte Ausgrenzung, Erniedrigung und Hass als Vorstufen und Auslöser der zunehmenden Gewalt von Rechtsextremen. „Es beginnt mit Worten. Dem können wir Einhalt gebieten“, sagte er.

Lesen Sie dazu auch: Nach dem Anschlag in Halle gedenken 60 Burgdorfer der Opfer

Erste Hakenkreuz-Schmierereien gab es schon 1923

Der Gedenkweg an den Jahrestagen der Pogromnacht verläuft auf stets variierenden Routen zum jahrhundertealten Burgdorfer Judenfriedhof. Jeweils nur einige der insgesamt 22 Stolpersteine, die vor den ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Opfer der NS-Verfolgung verlegt sind, können besucht werden, um Rosen niederzulegen und an die Menschen zu erinnern.

Aus Ernst Pinchas Blumenthals Jahrzehnte nach seinem Tod verlegten Roman „Die gläserne Wand“ wurde an der Louisenstraße zitiert. Burgdorfs Juden hätten schon anno 1923 Hakenkreuz-Schmierereien sowie Herabsetzungen über sich ergehen und ihre Synagoge von mit Stöcken bewaffneten Männern bewachen lassen müssen. Nicht nur Brigitte Janssen vom Arbeitskreis erschrak über diese fatale Analogie zum heutigen Antisemitismus in Deutschland.

Weiße Rosen für die Familie Cohn werden an der Uetzer Straße auf die Stolpersteine gelegt. Quelle: Martin Lauber

Erinnerung an „Schreie in Todesangst“

Station wurde auch an der Braunschweiger und der Uetzer Straße gemacht. Dort waren die letzten Mitglieder der jüdischen Familie Cohn im Dezember 1941 nachts abgeholt und deportiert worden. Die Nachbarn hörten die „Schreie in Todesangst“, aber: „Wir wagten nicht, ans Fenster zu gehen“, so eine Zeitzeugin, die zitiert wurde.

Nie wieder dürften Menschen in dieser Stadt und in unserem Land Menschen verspotten, schlagen oder töten. Das sagte Friederike Grote in der Schlussandacht auf dem nur von den Kerzen einiger Teilnehmer erleuchteten Judenfriedhof. Die Pastorin der St.-Pankratius-Gemeinde mahnte: „Die wachsende Judenfeindlichkeit fordert von uns Wachsamkeit und Widerstand. Wir müssen denen ins Wort fallen, die Hass streuen.“

Angemessen: Mit einer kleinen Andacht endet der Gedenkweg auf dem spärlich von wenigen Kerzen beleuchteten jüdischen Friedhof an der Uetzer Straße still und stimmungsvoll. Quelle: Martin Lauber

Arbeitskreis will weitere Stolpersteine verlegen

Mit dem 2018 veröffentlichten Band „Das ist das Ende“ wurde ein „Weg-Weiser zu den Biographien der Jüdinnen und Juden aus Burgdorf 1933–1945“ veröffentlicht. Ein Meilenstein, gleichwohl: Neben Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bleiben Quellen zu erforschen und Altes zu sichern die Hauptaufgaben des Arbeitskreises 9. November 1938, sagt Sprecherin Judith Rohde. In dem Gremium arbeiten Burgdorfs vier Kirchengemeinden und der Kulturverein Scena zusammen.

Die Verlegung acht weiterer Stolpersteine in Burgdorf (Rohde: „Und dann fehlen noch immer einige“) steht außerdem auf der Agenda. Letzte Abstimmungen über die genauen Standorte stünden aber noch aus, so die Sprecherin. In Zusammenarbeit mit der IGS, die den Namen des verstorbenen Arbeitskreisgründers Pastor Rudolf Bembenneck trägt, sei ein pädagogisches Konzept für die Vermittlung der Geschichte und Verfolgung der Burgdorfer Juden in Arbeit – und zwar unter Beteiligung von Schülern eines Geschichtswahlpflichtkurses. Darüber hinaus träume der Arbeitskreis, so Rohde, von einer App fürs Smartphone, die jungen Leuten dieses lokale Geschichtswissen zugänglich machen würde. Sponsoren seien willkommen.

Von Martin Lauber

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