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Umland Burgdorf Nachrichten Ein Friseur muss mehr können als Schneiden und Föhnen
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18:45 24.04.2013
Von Anette Wulf-Dettmer
Foto: Die Auszubildende Nané Rohmann (rechts) schaut zu, wie Friseurgesellin Felek Kizilboga die Haare von Jennifer Lange föhnt.
Die Auszubildende Nané Rohmann (rechts) schaut zu, wie Friseurgesellin Felek Kizilboga die Haare von Jennifer Lange föhnt. Quelle: Anette Wulf-Dettmer
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Burgdorf

Matthias Tomczak beschäftigt in seinem Friseurgeschäft 19 Mitarbeiter, die meisten in Vollzeit. Bei ihm werden nur die Auszubildenden von der Mindestlohnvereinbarung profitieren. „Ich habe mir das gestern durchgerechnet“, sagt Gesellin Felek Kizilboga, „wir liegen schon jetzt über dem Mindestlohn.“ Das liegt daran, so Tomczak, dass seine Mitarbeiter prozentual am Umsatz des Salons beteiligt seien.

Für ihren Lohn müssen die Friseure viel leisten und viel wissen. Mit Haare waschen, schneiden und föhnen ist es nicht getan. Genauso wichtig sei der Umgang mit den Kunden, sagt die 22-jährige Kizilboga, die seit fünf Jahren bei Tomczak arbeitet und dort auch gelernt hat: „Der Service ist das A und O eines Salons“, sagt sie selbstbewusst. Wie solch ein Service aussieht, ist ebenso Teil der dreijährigen Ausbildung, wie die professionelle Handhabung von Schere, Kamm, Bürste und das Büffeln chemischer Grundkenntnisse. „Wir müssen die Inhaltsstoffe der Farben, Shampoos, Pflegemittel kennen, und wie wir sie anwenden“, berichtet Nané Rohmann, die gerade ihr letztes Ausbildungsjahr absolviert. „Wir lernen auch, wie das Haar und die Haut aufgebaut sind“, ergänzt Kizilboga, und ihre Kollegin fährt fort: „Betriebswirtschaft, Mathe, Hygiene gehören auch zur Ausbildung.“ Diese Vielseitigkeit ist es, die den beiden jungen Frauen an ihrem Beruf gefällt.

Rohmann schätzt an ihrem Beruf vor allem den Umgang mit den Menschen. Die 28-Jährige ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und macht in Tomczaks Friseursalon eine Teilzeitausbildung. „Das heißt, ich arbeite nur halbtags, aber das Lernpensum ist dasselbe.“ Nané stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf, sagt ihre 22-jährige Kollegin bewundernd. Auch wenn sie mit ihrer Arbeit keine Reichtümer verdienen kann, stand für Kizilboga schon früh fest, dass sie Friseurin werden wollte: „Das war mein Traum.“ Toll sei, dass sie in ihrem Job jeden Tag kreativ sein könne. „Am besten gefällt mir dabei der Vorher-Nachher-Effekt, und wenn die Kunden den Salon dann mit einem Lächeln verlassen.“

Im Interview mit Redakteur Martin Lauber nimmt nimmt Innungsobermeister Hartmut Segebarth (55), aus Kleinburgwedel, Stellung zu den Chancen der Mindestlohnvereinbarung

8,50 Euro pro Stunde ab 2015: Was sagen Sie zu dieser Vereinbarung?

Segebarth: Ich finde sie spitze: Zu guter Arbeit gehören auch faire Löhne.

Was zahlen Sie Ihren Leuten?

Segebarth: Bisher bezahlen wir den zwischen Gewerkschaft und Landesinnungsverband ausgehandelten Tariflohn. Der beginnt bei 7,38 Euro, bei langjährigen Gesellinnen wird es dann mehr.

Warum begrüßen Sie als Arbeitgeber einen Lohnaufschlag?

Segebarth: Weil der Mindestlohn für alle in der Branche gelten wird. Momentan gibt es das Problem, dass der Lohntarif nur für Innungsmitglieder bindend ist, aber immer weniger in der Innung drin sind - im Altkreis Burgdorf von mehr als 250 Betrieben nur circa 30.

Was bedeutet das für den Wettbewerb?

Segebarth: Es gibt Betriebe in Hannover, da bekommen neue Mitarbeiter mit dem Arbeitsvertrag die Antragsformulare für Wohngeld und HartzIV gleich mit. Mit fairem Wettbewerb hat das genauso wenig zu tun wie mit fairen Löhnen.

Interessieren sich die Verbraucher überhaupt für faire Bezahlung der Friseure?

Segebarth: Vielleicht nicht allzu viele. Da ergeht es dem Friseurhandwerk nicht anders als der Landwirtschaft mit ihren Produkten. Ich sage nur: Geiz ist geil.

Werden wegen des Mindestlohns die Friseurpreise steigen?

Segebarth: Eigentlich müssen sie das - und zwar viel deutlicher dort, wo jetzt weit unter Tarif bezahlt wird. Ein Haarschnitt für zehn bis 15 Euro, der 20 oder 30 Minuten Arbeit kostet, damit kommt ein Betrieb, der vernünftig bezahlt, nicht aus.

Brechen für angestellte Mitarbeiter jetzt bessere Zeiten an?

Segebarth: Die Richtung stimmt, aber auch nach 2015 werden wir bei der Bezahlung noch fast am Ende aller Gewerke stehen. Ob dann wenigstens der Mindestlohn bei allen ankommt, das ist eine Frage der Kontrolle. Ich befürchte, dass da auch in Zukunft von Staatsseite zu wenig passiert - zum Beispiel bei der Überprüfung, ob alle Mitarbeiter eines Salons angemeldet sind. Oder ob sie dafür länger arbeiten müssen. So etwas kommt meist erst vor dem Arbeitsgericht heraus.

Anette Wulf-Dettmer 23.04.2013
Norbert Korte 22.04.2013
Joachim Dege 22.04.2013