Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Großkontrolle: Polizei sucht professionelle Autodiebe
Umland Burgdorf Nachrichten Großkontrolle: Polizei sucht professionelle Autodiebe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 29.10.2017
Die Polizei hat in der Nacht Jagd auf Autodiebe gemacht. Quelle: Uwe Dillenberg
Anzeige
Burgdorf/Lehrte/Sehnde

Die Beamten hatten sich in den Nächten zu Mittwoch und Donnerstag in Lehrte unter der Autobahnbrücke sowie an der Bundesstraße 65 bei Höver postiert, dort zogen sie alle verdächtigen Fahrzeuge heraus. Zusätzlich suchten mobile Teams auf der A 2, der B 65 und B 188 nach verdächtigen Wagen - auf allen Routen, die gen Osten führen.

"Der Oktober ist erfahrungsgemäß ein umtriebiger Monat", sagt André Puiu, Sprecher der Polizeidirektion Hannover. Zu Beginn der dunklen Jahreszeit schlagen Autodiebe bevorzugt zu. Im Schnitt verschwinden derzeit in der Region laut Puiu wöchentlich 14 Fahrzeuge, "das sind zwei pro Tag". Besonders beliebt seien momentan Transporter und Wohnmobile, aber auch ältere Modelle von Familienautos wie beispielsweise dem VW Sharan. Doch auch Airbags, Multifunktionslenkräder oder Navigationsgeräte werden gestohlen und auf den Weg nach Osteuropa geschickt.

Anzeige

Betrunkene, offene Haftbefehle, gestohlene Fahrräder

Unter der Brücke der A 2 in Lehrte dröhnt das Dieselaggregat, das den Strom für die Leuchten liefert. Im Minutentakt winkt die Polizei Fahrzeuge heraus, häufig trifft es Transporter und Autos mit jüngeren, männlichen Fahrern. "Wir achten sowohl auf den Wagen als auch die Insassen", sagt Frank Bührmann, Einsatzleiter der zweitägigen Großkontrolle. "Es ist viel Bauchgefühl dabei." Auf dem kleinen Parkplatz stehen am Donnerstag kurz nach Mitternacht ein Corsa, ein polnischer Ford Transporter und ein VW Passat. "Viele zeigen Verständnis für die Kontrolle", sagt Bührmann. Meistens ist nach wenigen Minuten alles erledigt.

Beim silbernen Opel Corsa ziehen sich die Untersuchungen jedoch hin. Der 21-Jährige auf dem Rücksitz hatte eine kleine Tüte Marihuana dabei. "Der fährt nie wieder bei mir mit", sagt Fahrer und Kumpel Jan K. aus Burgdorf etwas amüsiert, "wir waren nur kurz bei McDonald's." Personalien, Urinprobe, Fahrzeugdurchsuchung. Die Polizisten überprüfen alles. Generell findet K. die Kontrollen richtig, den Aufwand wegen ein bisschen Gras allerdings übertrieben. Bei der Großkontrolle gibt es viel "Beifang", wie Polizeisprecher Puiu sagt. Die Beamten ertappen in den zwei Nächten unter anderem betrunkene Fahrer, Personen mit offenen Haftbefehlen und sogar ein Fahrzeug mit gestohlenen Fahrrädern.

Bloß die Klientel, auf die es die Polizisten abgesehen haben, ist nicht dabei. Ob möglicherweise ein Späher per Whatsapp vor der Großkontrolle warnt: ungewiss. "Das müssen wir leider hinnehmen", sagt Einsatzleiter Bührmann. 2016 wurden in Niedersachsen 2949 Fahrzeuge gestohlen, darunter allein 838 im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Hannover. Der hiesige finanzielle Schaden bewegt sich im siebenstelligen Bereich. "In den organisierten Banden sind die Aufgaben geteilt", sagt Behördensprecher Puiu. Einer sucht das passende Fahrzeug aus, einer stiehlt es, der Dritte transportiert es ins Ausland und ein anderer kümmert sich um den Verkauf. Oft stammen die Täter aus Polen und Litauen, die Ersatzteile und Autos tauchen mitunter sogar in Asien wieder auf. "Die Diebstähle sind ein weltweites Problem", sagt Puiu.

Fotostrecke Hannover Aus der Stadt: Polizei sucht professionelle Autodiebe

Die Banden agieren zudem rücksichtslos und scheuen auch vor Gewalt nicht zurück. Aus diesem Grund ist Eigensicherheit das oberste Gebot bei den Kontrollen. Jeder Beamte trägt eine Schutzweste, niemand kontrolliert allein ein Fahrzeug. Gleichzeitig bewacht ein Polizist mit Maschinenpistole den Kontrollpunkt. "Gerade nachts bin ich immer etwas sensibilisierter", sagt Polizist Andreas Weilandt. Generell könne aber jede Kontrolle schief gehen. Wie skrupellos die Täter sind, zeigt ein Fall aus dem Juni dieses Jahres. Damals wollte die Polizei einen Audi A 6 auf der A 2 bei Braunschweig stoppen, der Wagen war kurz zuvor in Hannover-Isernhagen gestohlen worden. Doch stattdessen lieferte sich er Fahrer eine Verfolgungsjagd mit den Beamten durch die Stadt. Bei hoher Geschwindigkeit verunglückte der Wagen und der Mann kam ums Leben.

Bei der Polizeidirektion Hannover bearbeitet seit Dezember 2016 die 17-köpfige Ermittlungsgruppe Kfz alle Autodiebstähle in der Region. "Durch die zentralisierte Bearbeitung wollen wir die Strukturen besser durchdringen", sagt Polizeisprecher Puiu. Und diese Arbeit scheint Erfolg zu haben: "Tendenziell verzeichnen wir im ersten Halbjahr 2017 einen deutlichen Rückgang der Taten", sagt Puiu. In den ersten sechs Monaten im Jahr 2016 wurden noch 521 Autos gestohlen, dieses Jahr waren es bloß 290. Die Hoffnung bei der jetzigen Großkontrolle: weitere Erkenntnisgewinne über die Banden und möglicherweise der eine oder andere Volltreffer.

"Ich finde es gut, dass überprüft wird"

Allerdings ist es in der Nacht zu Donnerstag extrem ruhig, auf der Bundesstraße 65 bei Höver brausen beispielsweise fast ausschließlich Lkw am Kontrollpunkt vorbei. Ein Audifahrer wird gegen 2.10 Uhr angehalten und in eine der fünf Kontrollboxen gelotst, bei ihm ist aber alles in Ordnung. "Ich finde es sehr gut, dass sowas überprüft wird", sagt dessen Fahrer Berkan Acik aus Lehrte. Auch er habe Sorgen, dass möglicherweise jemand seinen Wagen stiehlt oder das Lenkrad ausbaut. Polizeikommissarin Nora Gawor sieht das positive des langen Einsatzes: Im Vergleich zur Nacht zuvor regne es wenigstens nicht. "Natürlich würden wir sehr gerne einen Autodieb überführen", sagt die 25-Jährige, "aber man kann es nicht erzwingen."

Von Peer Hellerling

Antje Bismark 28.10.2017
Antje Bismark 28.10.2017