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19:09 28.10.2013
Eingeschlossen im Kartenraum: In 18 Stunden hat Mobbingopfer Jürgen Rickert (Andreas Püst) die ganze Erde mit dem Finger auf der Landkarte bereist. Quelle: Sandra Köhler
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Burgdorf

„Es gibt wohl keinen Schüler, egal an welcher Schulform, der nicht schon einmal gezieltes Mobbing erlebt hat: Sei es als Opfer, Täter oder als Beobachter.“ Diese erschreckende Beobachtung hat Ulrike Bode vom Team Sozialarbeit an der BBS gemacht. Von Ausgrenzung und Beschimpfungen über körperliche Übergriffe und Beleidigungen bis bösartige Posts im Internet reicht das Spektrum der Repressalien.

Um das Bewusstsein der Schüler für die Widerwärtigkeit solcher systematischen und andauernden Schikanen zu wecken, haben Bode und ihre Kollegen kürzlich das Schauspielkollektiv Neues Schauspiel Lüneburg mit dem Präventionsstück „Erste Stunde“ eingeladen. Darüber hinaus gibt es in der BBS regelmäßig Sozialtraining für die Schüler. Aufklärung statt disziplinarischer Maßnahmen ist der Ansatz, von dem sich die Pädagogen sich Erfolg erhoffen.

Trotz allen Engagements muss Bode bekennen: „Für uns wird es immer schwieriger, mit dem Thema umzugehen.“ Auf ihr Vorgehen angesprochene Mobber hätten oft kein Unrechtsbewusstsein: „Das muss der aushalten, mir ging es auch schon so“, sei eine typische Äußerung. Auf der anderen Seiten machten zahlreiche Opfer ihre Lage aus Angst vor noch stärkeren Repressalien nicht öffentlich. „Wenn sich uns jemand offenbart, machen wir nichts, was derjenige nicht will“, sagt Bode und ermutigt Betroffene, den ersten Schritt aus ihrer Leidensspirale zu machen. Denn neben drastischen disziplinarischen Maßnahmen wie Schul- oder Klassenwechsel gebe es auch andere pädagogische Optionen wie Klassenkonferenzen. Die allerdings seien sensibel zu handhaben: Täter und Opfer einfach so zur Aussprache zu bitten, könne auch nach hinten losgehen, sagt Bode.

Ohne Schuldzuweisungen und Strafen komme dagegen der Ansatz „No Blame Approach“ aus. Dabei wird aus Beteiligten und Unbeteiligten eine das Opfer unterstützende Gruppe zusammengestellt.

Theaterstück macht die Schüler beklommen

Mobbing, das ist den 120 Schülern aus acht Klassen der BBS spätestens nach der Aufführung klar, ist kein Kavaliersdelikt. Wie sehr ein Opfer unter systematischer Herabsetzung leidet, bringt ihnen Schauspieler Andreas Püst vom Schauspielkollektiv Neues Schauspiel Lüneburg mit dem Einmannstück „Erste Stunde“ beklemmend intensiv nahe. „Ich bin der Neue. Okay, bringen wir es hinter uns. Ich gebe Euch fünf Minuten. Fünf Minuten, in denen könnt Ihr mit mir machen, was Ihr wollt. Aber danach habe ich Ruhe für den Rest der Stunde.“ So fordert Püst in seiner Rolle als Jürgen Rickert die Schüler als vermeintlich neue Klassenkameraden am Anfang zum Mobbing geradezu auf. Erzählt von allen erlittenen Peinigungen, die darin gipfeln, dass er, 18 Stunden lang eingeschlossen im Kartenraum, seinen eigenen Urin trinkt.

Verunsichertes Kichern, Wegdrehen, Ignorieren. Für die Schüler ist es schwer mitanzuschauen, wie jemand einen derartigen Seelenstriptease hinlegt: „Das ist doch krank.“ Betroffen macht sie das Stück trotzdem: Weil beim Zuschauen auch eigenes Erleben und bekannte Gruppendynamik hochkommen, wie Püst erklärt. Umso wichtiger ist die Nachbereitung der Aufführung. Im Gespräch mit dem Schauspieler und Julia von Thön, einer Fachkraft für Kriminalprävention, erkennen die jungen Leute: Jeder kann zum Opfer werden. Egal, ob Erscheinung oder Verhalten, vermeintliche Dummheit oder Migrationsherkunft: „Man findet immer etwas an jedem, wenn man will“, formuliert es eine Schülerin. Zum Schluss haben die Fachleute noch Tipps, um dem Mobbing Herr zu werden: „Sucht Unterstützung im Klassenzimmer, wendet Euch an die, die nicht mitmachen. Das sind häufig die meisten. Wenn Ihr Euch zusammentut, könnt Ihr das Mobben beenden.“

Lehrer suchen das Gespräch mit den Tätern

Auch an der Realschule ist Mobbing, insbesondere Cybermobbing, kein unbekanntes Phänomen, sagt Schulleiterin Karin Lütjen. Sie schränkt aber ein: „Es ist nicht viel, weil die Schüler mitbekommen haben, wie widerwärtig das ist.“ Mithilfe von Projekttagen, Beratungslehrern und des Kontaktbeamten der Polizei versuche man, den Schülern einen sinnvollen Umgang miteinander beizubringen. Am Gymnasium gibt es neben Streitschlichtern und Präventionsangeboten auch ein vierköpfiges Mobbing-Interventions-Team (MIT) unter der Leitung der Beratungslehrerin Kadidja Mensak. Dieses zeichnet verantwortlich für das Sozialtraining, wenn Gefahr im Verzug scheint. Schüler können – auch anonym – per E-Mail und über den schulinternem Briefkasten Kontakt zum Team aufnehmen, sagt Jarno Eggersglüß, der dem MIT seit einem Jahr angehört.

Uwe Dittmann, Rektor der Grund- und Hauptschule I, hat beobachtet, dass soziale Netzwerke wie Facebook und WhatsApp vermehrt zum Verbreiten heftiger verbaler Attacken genutzt werden: „Treffen sich die Betreffenden in der Schule, geht es dort weiter.“ Werde das frühzeitig bekannt, helfe meist ein Gespräch mit dem Beratungslehrer. Sei die Situation sehr verfahren, könnten Täter auch von der Schule verwiesen werden.

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