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Nachrichten „Wir sind Gottes Bodenpersonal“
Umland Burgdorf Nachrichten „Wir sind Gottes Bodenpersonal“
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00:17 06.06.2015
Von Joachim Dege
Haben im Jahr fast 8000 Kontakte mit armen Menschen: Die Sozialarbeiter Imke Fronia (von links), Janna Kunz und Holger Hornbostel . Quelle: Joachim Dege
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Burgdorf

Seit 30 Jahren kümmert sich die Tageswohnung des Diakonieverbands Hannover-Land um durchziehende Obdachlose und von Wohnungsverlust bedrohte Menschen in der Armutsfalle. Über die Armut in der Stadt sprach unser Redakteur Joachim Dege mit den Tageswohnung-Mitarbeitern Imke Fronia, Holger Hornbostel, Janna Kunz.

Burgdorf wirkt ja nun nicht gerade ärmlich. Gibt es gleichwohl Armut in der Stadt?

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Hornbostel: Ja, auf jeden Fall. Das merkt man deutlich in unserer Tageswohnung. Hier halten sich täglich 30 bis 40 Menschen auf. Das sind nicht nur Durchwanderer, sondern auch Menschen, die hier in Burgdorf eine Wohnung haben oder in den Obdachlosenunterkünften untergebracht sind, weil sie ihre Miete und die Heizkosten nicht mehr bezahlen können.

Fronia: Armut zeigt sich vermehrt auch bei den 18- bis 24-Jährigen, die keine Ausbildung haben, deshalb keine Transferleistungen erhalten, zu Hause nicht mehr klarkommen und dann wohnungslos werden.

Wann ist ein Mensch arm?

Hornbostel: In Deutschland gilt man als arm, wenn man zwei Drittel weniger als das Durchschnittseinkommen bezieht. Jeder alleinstehende Arbeitslosengeld-II-Empfänger erhält rund 700 Euro und fällt damit automatisch unter diese Grenze.

Fronia: Es gibt auch die steigende Zahl der Geringverdiener, von denen sich manche von Job zu Job hangeln, deren Erwerbseinkommen aber trotzdem nicht ausreicht für den Lebensunterhalt. Auch die Altersarmut nimmt spürbar zu. In die Tageswohnung kommen Rentner, weil das Geld für die Lebensmittel nicht reicht oder die Waschmaschine kaputt ist. Deshalb kann man in Burgdorf durchaus von einer Armutsbevölkerung sprechen.

Welche Hilfen bieten Sie an?

Fronia: Wir haben knapp 8000 Kontakte im Jahr. Die Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Die einen lassen sich den ALG-II-Bescheid erklären, andere lassen sich helfen beim Ausfüllen von Anträgen. Das Bedürfnis an Beratung nimmt stark zu. Wir richten daher gerade einen neuen Beratungsraum ein.

Hornbostel: Im Rahmen des von Region und Land geförderten Modellprojekts „Burgdorf wohnt“ betreuen wir zurzeit 19 Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder dringend Wohnraum suchen.

Kann die Tageswohnung das alles allein leisten?

Fronia: Wir haben ein großes Netzwerk, angefangen bei den Schuldner-, Sucht- und Sozialberatungsstellen der Diakonie über den Kinderschutzbund, die Tafel, Wohnungsbaugesellschaften und private Vermieter bis hin zum Jugendamt und dem Jobcenter. Ohne dieses Netzwerk wäre unsere Arbeit nicht möglich.

Warum engagieren sich der Kirchenkreis und der Diakonieverband in der Armutsbegleitung und der Wohnungslosenhilfe?

Hornbostel: Ich als ausgebildeter Diakon sehe das schon als einen biblischen Auftrag an, sich als Christ um Menschen in Not zu kümmern.

Fronia: Wir bezeichnen uns gern mal als Gottes Bodenpersonal. Der christliche Auftrag steht oben drüber. Wir sind diejenigen, die es ausführen.

Kunz: Für mich als Sozialarbeiterin ist das noch ein ganz neues, aber auch sehr spannendes Arbeitsfeld.

Was muss passieren, damit die Armut in Burgdorf abnimmt?

Fronia: Allein, dass es die Tageswohnung gibt, zeigt ja, dass nicht alles in Ordnung ist. Was wir dringend brauchen, sind sozialer Wohnungsbau und öffentlich geförderte Beschäftigung für Menschen, die sonst durch das Raster fallen.

Ein sozialer Knotenpunkt

Anfang der Achtzigerjahre kamen immer mehr Durchreisende nach Burgdorf. Der damalige Superintendent Heiko Frerichs und der Kirchenkreisamtsleiter Adolf-W. Pilgrim erkannten den Handlungsbedarf, auch weil die Kaffeestube im Kirchenkreisamt an der Wallgartenstraße aus den Nähten platzte. Am 24. April 1985 erwarben sie für den Kirchenkreis das Fachwerkhaus an der Mühlenstraße 4, in dem die Sozialarbeiterin Marion Carstens ein Jahr später mit der Tageswohnung einzog.

Carstens baute die Einrichtung auch gegen anfängliche Widerstände in der St.-Pankratius-Gemeinde und der Kaufmannschaft zu einem Knotenpunkt im sozialen Netzwerk der Stadt aus. Heute beschäftigt die Tageswohnung drei Mitarbeiter.

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