Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Burgdorf Neue Schauburg zeigt ein Drama über van Gogh
Umland Burgdorf

Neue Schauburg zeigt ein Drama über van Gogh

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 27.06.2019
Willem Dafoe bietet eine oscarwürdige Performance als von Depressionen geplagter Vincent van Gogh, der in Arles seine ikonischsten Gemälde schafft. Quelle: DCM
Anzeige
Burgdorf

Wie hat Vincent van Gogh wohl die Natur wahrgenommen? In der Aboplus-Aktion am Mittwoch, 26. Juni, bekommen Zuschauer jetzt die Chance, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mit dem Maler wandern sie über südfranzösische Felder voller verblühter Sonnenblumen, die wie dunkle Vogelscheuchen in den Himmel ragen, wir blicken in das flirrende Gelb von lichtdurchflutetem Laub, und wir drehen uns mit ihm im raschelnden, mannshohen Gras.

Einmal liegt Vincent van Gogh auf dem Rücken und lässt Ackerkrumen auf sein Gesicht niederrieseln. Er will die Erde riechen, schmecken, atmen. Er will mit der Natur verschmelzen. So sind Betrachter dem Mitbegründer der modernen Malerei wohl noch nie begegnet, der zu Lebzeiten kaum ein Bild verkauft hat und trotz der selbstlosen Unterstützung seines Bruders Theo stets pleite war. Dabei ist van Goghs Leben schon ziemlich oft verfilmt worden, zum Beispiel in Vincente Minnellis „Ein Leben in Leidenschaft“ (1956) mit Kirk Douglas als Maler oder zuletzt in dem spektakulären Animationsfilm „Loving Vincent“ (2017), in dem erst Szenen mit Schauspielern gedreht wurden, die dann 125 Künstler in 65 000 Bilder und damit die Leinwand in ein fließendes Ölgemälde verwandelten.

Anzeige

Nun aber hat sich ein Maler einem anderen Maler angenähert: Der exzentrische Julian Schnabel verfilmt die letzten beiden Lebensjahre des besessenen van Gogh. In Südfrankreich bei Arles schuf Vincent van Gogh in 16 Monaten 187 Gemälde. „Man muss schnell malen“, antwortet er seinem einzigen Freund Paul Gauguin (Oscar Isaac), als dieser beinahe erzürnt neben ihm steht und ihn zur Mäßigung anhält. Unter van Goghs rasantem Pinsel wird Farbe zur Flamme und Leben zum Fieber – und der Kameramann Benoît Delhomme filmt das alles aus schrägen Blickwinkeln, mit großer Nervosität und verschiedenen Tiefenschärfen.

Van Goghs Leben ist ein Rausch und sein Schaffen ein ständiger Kampf gegen die Traurigkeit, die ihn zu ergreifen droht. Und doch: Nach dem Kinobesuch mag man sich Vincent van Gogh nicht mehr nur als Unglücklichen vorstellen – sondern ebenso als einen Künstler, der nur in seiner Kunst Befreiung fand. Für andere ist er in seinem Fanatismus allerdings schwer zu ertragen.

„Und wieso wollen die Menschen von dieser Kunst nichts wissen?“, fragt ganz ruhig der Priester (Mads Mikkelsen), der darüber entscheiden soll, ob der Maler die Irrenanstalt wieder verlassen darf. „Ich bin ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind“, antwortet Vincent van Gogh. Und dann fügt er wie selbstverständlich hinzu: „War es bei Jesus nicht genauso?“

Diese Anmaßung ist ein cleverer Verweis auch innerhalb des Kinos: Den Schmerzensmann Jesus hat Willem Dafoe bei seinem wohl umstrittensten Auftritt auch schon gespielt – für Martin Scorsese in „Die letzte Versuchung Christi“ (1988). Nun ist er auch als van Gogh ein Gequälter, geschlagen mit einer geradezu peinigenden Empfindsamkeit, die ihm eine ganz spezielle Sicht auf die Welt eröffnet.

Willem Dafoes Erscheinung unter dem abgewetzten Sonnenhut kommt den Selbstporträts ziemlich nah, die wir vom Maler Vincent van Gogh kennen. Schon das zerklüftete Gesicht des Schauspielers ist ein Ereignis. Es spielt keine Rolle, dass er mit seinen 63 Jahren viel älter ist als van Gogh, der 1890 im Alter von 37 Jahren starb. Für diese Leistung erhielt Dafoe in Venedig den Darstellerpreis.

Von Stefan Stosch