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Burgwedel Angekommen in der neuen Heimat: Irakische Brüder absolvieren Malerlehre
Umland Burgwedel

Burgwedel: Integration von irakischen Flüchtlingen: Brüder absolvieren Maler-Lehre

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16:51 02.12.2019
Leben seit 2016 in Engensen: Der 22-jährige Ghezuan Borto (links) und sein Bruder Ghazi Noori Naif (24) aus dem Irak. Quelle: Gabriele Gerner
Engensen

Mehr als 3000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen ihrer Heimat Shingal im Irak und ihrem neuen Zuhause Engensen in Burgwedel: Ghezuan Borto (22) und sein zwei Jahre älterer Bruder Ghazi Noori Naif leben seit 2016 in Engensen. In den dreieinhalb Jahren in Deutschland haben sie erstaunlich viel erreicht: Sie haben gut Deutsch gelernt, viele Kontakte zu Einheimischen geknüpft, sich an kulturelle und bürokratische Besonderheiten gewöhnt und im Sommer mit ihren Ausbildungen zum Maler und Lackierer angefangen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

„Als Jesiden hatten wir im Irak schon immer weniger Rechte. Aber in der kurdischen Region im Nordwesten lebten wir zusammen mit Moslems und Christen viele Jahre relativ friedlich“, sagt Naif zu seinem Leben vor einigen Jahren. „Im Jahr 2013 übernahm der IS mehr und mehr die Macht in unserer Region. Seit 2014 wurden verstärkt Frauen und Kinder Opfer des IS. Da entschieden wir uns zur Flucht.“ Zuerst machte sich der Vater auf den Weg nach Europa. Kurze Zeit später packte die restliche Familie das Nötigste zusammen – 14 Personen flüchteten 2014 aus dem Irak.

Lange Flucht aus dem Irak

Mehr als acht Stunden lang marschierten Naif und Borto mit den zwölf weiteren Familienmitgliedern über die Berge in die Türkei, unter ihnen auch ihre Mutter und Naifs schwangere Frau. Danach lebte die Familie drei Monate lang in der Türkei – „heimlich“, wie Naif sagt. Seine Frau brachte im Krankenhaus Sohn Ghassan zur Welt. Als Mutter und Kind einigermaßen reisefähig waren, begaben sich die Männer, Frauen und Kinder auf ein Schlauchboot nach Griechenland. Es folgten Wege mit dem Taxi, mit dem Zug, mit Bussen und zu Fuß. Anfang 2016 kamen sie in Burgwedel an und wurden in einem Haus in Engensen einquartiert. „In dieses Dorf zu kommen, war unser großes Glück“, sagt Borto.

Ghezuan Borto (Zweiter von links) und sein Bruder Ghazi Noori Naif zusammen mit ihren deutschen Unterstützern: Nachbarin Ina Sagebiel, Nachbar Joachim Schrader und Sozialarbeiter Otto Krull (rechts). Quelle: Gabriele Gerner

Integration über Feuerwehr und Fußballverein

Die Nachbarn Joachim Schrader und Ina Sagebiel nahmen sich der irakischen Familie an und erklärten ihr Deutschland. Sie nahmen Borto mit zur Freiwilligen Feuerwehr und brachten Naif zum Volleyballtraining. Auch im Fußballverein und beim Hockey waren die Brüder eine Weile aktiv. Parallel arbeiteten sie hart daran, Deutsch zu lernen. „Ich ging zu meinem ersten Deutschunterricht in die katholische Gemeinde in Großburgwedel“, erzählt Naif. Es folgten weitere Deutschkurse, der Integrationskurs und Prüfungen. Am Ende bestand er die Prüfung des Niveaus B2. Beim Lernen der Sprache halfen deutsche Freunde und Youtube. „Ich habe viel mit Apps auf dem Handy gelernt“, sagt Borto.

Die Monate, die manchmal zwischen dem Ende und dem Beginn eines neuen Deutschkurses lagen, nutzten Naif und Borto aktiv. Borto arbeitete bei einem Paketdienst im Lager, Naif im Straßenbau – und das, obwohl beiden ein großer Teil des Verdienstes vom Arbeitslosengeld II abgezogen wurde. Ehrenamtlich besserte Naif den Blumenkasten am Engenser Ortseingang aus. „Wir wollen einfach etwas tun und nicht herumsitzen“, sagt Borto. In den Schulferien im Irak hatte er oft als Schüler auf dem Bau gearbeitet. Das handwerkliche Arbeiten liegt beiden.

Der städtische Sozialarbeiter Otto Krull motivierte die Brüder, sich um Ausbildungsplätze zu bemühen. Sagebiel und Schrader halfen beim Schreiben der Bewerbungen. Am Beruf des Malers und Lackierers hatten die Brüder großes Interesse. Davon konnten sie auch zwei Betriebe überzeugen. Borto arbeitet seit August als Lehrling bei Malermeister Sensing in Langenhagen, Naif absolviert seine Ausbildung beim Malerfachbetrieb Heyse in Isernhagen.

Mit den Kollegen hören sie Radio ffn

„Die Berufsschule ist schon sehr schwer“, gesteht Borto. Doch ansonsten macht ihm und seinem Bruder die Arbeit riesigen Spaß. Mit den deutschen Kollegen hören sie im Auto Radio ffn und andere Sender und gewöhnen sich dabei an den Musikgeschmack der Deutschen. Mit Schrader und Sagebiel füllen sie zusammen Bafög-Anträge sowie Formulare für die Krankenkasse, das Finanzamt und das Kindergeld aus.

Borto wohnt noch mit seinen Schwestern und Brüdern bei seinen Eltern. Naif hat mittlerweile zusammen mit seiner Frau, dem fünfjährigen Sohn und der dreijährigen Tochter eine eigene Wohnung in Engensen bezogen. Als Schrader damals die Telefonate mit potenziellen Vermietern für ihn führte, bat Naif ihn zu sagen: „Wir essen auch Bratwurst und trinken Bier.“ Als Jesiden seien sie den Christen ziemlich ähnlich, das habe sicher bei der Integration geholfen. Doch am meisten, da ist Naif sicher, liegt es wohl an dem unbedingten Willen, es in diesem Land zu schaffen. „Man muss einfach nur Mut haben und in sich selbst vertrauen. Und wenn eine Sache nicht klappt, dann versucht man eben eine andere.“

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Von Gabriele Gerner

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