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Burgwedel Offener Brief für respektvollen Umgang
Umland Burgwedel Offener Brief für respektvollen Umgang
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00:21 06.09.2018
Zur "Schlussredaktion" für den Offenen Brief treffen sich circa 20 Flüchtlingshelfer und Flüchtlinge im ikm-Treff. Stephan Nikolaus-Bredemeier (rechts, stehend) moderiert die Aussprache, Sabine Teschner (rechts vorne, sitzend) notiert Änderungsvorschläge. Quelle: Martin Lauber
Burgwedel

„Das Pack dass sich nicht an unsere Gesetze hält gleich abschieben“ – es sind Kommentare in sozialen Netzwerken wie dieser, auf die die IKM Initiative Burgwedel reagiert. Mit einer Petition im Internet und parallel einem analogen Offenen Brief setzt sie sich für einen „guten und freundschaftlichen Umgang zwischen Geflüchteten und ,Alt-Bürgern’ Burgwedels“ ein. Hintergrund sind nicht die aktuellen Geschehnisse in Chemnitz, sondern das laufende Gerichtsverfahren gegen einen 17-jährigen Großburgwedeler aus Syrien, der im März auf der Dammstraße die 24-jährige Verkäuferin Vivien K. niedergestochen und lebensgefährlich verletzt hatte. Die Prozessberichterstattung der Tageszeitungen fand auf Facebook ein reges Echo, vielfach mit negativen Verallgemeinerungen über „Die Araber“ oder „Die Flüchtlinge“. Dem solle der offene Brief eine Mahnung zu einem respektvollen Umgang miteinander entgegensetzen, erklärt Stephan Nikolaus-Bredemeier. Der SPD-Ratsherr ist einer der Initiatoren.

Nachdem eine erste Textfassung vor einer Woche per E-Mail an alle fast 100 Ehrenamtlichen des Burgwedeler Helfernetzwerkes versandt worden war, gab es am vergangenen Sonnabend nach diversen Änderungswünschen die Schlussredaktion mit rund 20 Beteiligten im Ikm-Treff. Zwei Stunden lang wurde über Formulierungen diskutiert. Die endgültige Fassung ist seit Montag im Internet unter www.openpetition.de/!ikm zu finden und kann dort per Unterschrift unterstützt werden. Parallel wird analog gesammelt, Unterschriftenlisten sollen beim Stadtfest am Sonntag, 9. September, vor dem Ikm-Treff an der Von-Alten-Straße ausgelegt werden.

„Wir Flüchtlinge, Migranten, Flüchtlingshelfer und Bürger aus Burgwedel und Nachbarkommunen empfinden großes Mitgefühl mit Vivien K. und finden diese grausame Tat abscheulich“, so lautet der erste Satz des offfenen Briefes. Scharf distanzieren sich dessen Autoren auch von Äußerungen des 17-Jährigen, der laut Zeitungsberichten über den nicht-öffentlichen Prozess seine Messerattacke mit „religiösen Anforderungen“ und einer Ehrverletzung von Familienmitgliedern gerechtfertigt haben soll. Träfen solche Äußerungen wirklich zu, seien sie nicht nur zutiefst schockierend, sondern: Das „treibt auch einen Keil in die Gesellschaft“, heißt es im Offenen Brief.

Deshalb warnen die Autoren, viele hätten auf Facebook folgendes zu einfache Fazit gezogen: „Die Kulturen passen einfach nicht zusammen und Flüchtlinge aus dem arabischen Raum sind per se gefährlich, frauenfeindlich usw.“. Solche Verallgemeinerungen entsprächen nicht der Wahrheit, seien „ein Schlag ins Gesicht für die Geflüchteten, die hier friedlich und freundlich leben, sich gut anpassen, einen Job suchen oder ihn gar gefunden haben und die das deutsche Rechts- und Wertesystem zu schätzen wissen“. Auch Flüchtlingshelfern werde bedingungslose Unterstützung und Wegschauen vor Problemen unterstellt. „Im Gegenteil“, heißt es in dem Brief: „Probleme werden offen und direkt gegenüber den Flüchtlingen und Migranten angesprochen. Wenn Einzelne keinerlei Bereitschaft zur Integration zeigen, werden sie deutlich auf das Grundgesetz und unsere Werte hingewiesen.“

Der Brief allein sei nicht genug, fand Flüchtlingshelferin Elke Seitz in der Aussprache am Sonnabend. Sie forderte eine öffentliche Veranstaltung, wie sie in Helferkreisen im Frühjahr kurz nach der Messerattacke geplant, aber wieder verworfen worden war. Volker Körlin, AfD-Ratsmitglied und Flüchtlingshelfer, riet dagegen davon ab, Öl ins Feuer zu gießen. Er lehnte sowohl eine öffentliche Veranstaltung wie auch den offenen Brief ab. Im Ikm-Treff erklärte er, direkt nach der Messerattacke, die bundesweit Aufsehen erregt hatte, habe er sich in seiner Partei erfolgreich dafür eingesetzt, auf Aktionen in Großburgwedel zu verzichten. Mit einem Stand war die AfD gleichwohl wenige Tage nach der Tat auf dem Wochenmarkt präsent. „Willkommen in der Messe(r)stadt Hannover“, hieß es auf einem der mitgebrachten Parteiflyer. Dafür gab es damals von manchem Marktbesucher Gegenwind.

Das ist der ungekürzte Offene Brief

Wir Flüchtlinge, Migranten, Flüchtlingshelfer und Bürger aus Burgwedel und Nachbarkommunen empfinden großes Mitgefühl mit Vivien K. und finden diese grausame Tat abscheulich. Die körperlichen und psychischen Leiden kann man gut nachvollziehen, auch wenn man selber noch nicht eine solche Situation erlebt hat. Wir wünschen Vivien K. an dieser Stelle nochmals viel Kraft für die nächste Zeit.

Auch wenn Gewalttaten scheinbar gehäuft von Flüchtlingen verübt werden, so sind es faktisch betrachtet doch Einzelfälle. Die derzeit bekannten Zahlen belegen nicht, dass von Flüchtlingen häufiger Gewalttaten ausgehen, als von anderen Bevölkerungsgruppen (siehe 2 unten). Zurzeit erleben wir aber, leider auch in Burgwedel bzw. in lokalen Facebook-Gruppen, eine aufkommende Fremdenfeindlichkeit mit einem gefährlichen Mix aus negativen Gefühlen gegenüber Flüchtlingen: Angst; Wut, Enttäuschung, Hass usw.

Die angebliche Aussage des Täters trägt wesentlich dazu bei: „Der Beschuldigte kennt es aus seiner Kultur so, dass Konflikte mit dem Messer ausgetragen werden. Er beschreibt die regionalen Bräuche wie folgt: Wird man beleidigt, darf man zustechen. In schweren Fällen darf man die Person töten.“ Und: „Er führt aus, dass sein Verhalten nach den religiösen Anforderungen nicht zu beanstanden war und begreift nicht, weshalb er in Haft sitzen muss.“ (Nachzulesen bei Bild.de )

Wir alle sind zutiefst schockiert über solche Aussagen. Nachdem schon die Tat großes Entsetzen ausgelöst hat, macht uns der Bericht erst recht fassungslos - unabhängig davon, ob der Täter das so gesagt hat oder nicht. Wir verurteilen die Tat und die Äußerungen, falls sie tatsächlich so erfolgten, aufs Schärfste. Es mag kulturelle Unterschiede geben, die sich auch im schneller verletztem Ehrgefühl bemerkbar machen. Jedoch ist die Behauptung, dass deshalb jemand mit dem Messer zustechen darf, nicht nur unwahr, sondern treibt auch einen Keil in die Gesellschaft. Der Täter trägt eine persönliche Schuld, zu der er stehen muss. Echte Reue und eine aufrichtige Bitte um Entschuldigung helfen nicht nur dem Opfer.

Zu viele haben ein einfaches Fazit gezogen: Die Kulturen passen einfach nicht zusammen und Flüchtlinge aus dem arabischen Raum sind per se gefährlich, frauenfeindlich usw. Solche Verallgemeinerungen entsprechen aber nicht der Wahrheit und sind ein Schlag ins Gesicht für die Geflüchteten, die hier friedlich und freundlich leben, sich gut anpassen, einen Job suchen oder ihn gar gefunden haben und die das deutsche Rechts- und Wertesystem zu schätzen wissen. Nein, diese Menschen denken nicht, dass es normal ist, sich so zu verhalten wie der Täter! In Syrien zum Beispiel ist schon das Mitführen eines Messers strafbar.

Es ist auch ein Schlag ins Gesicht aller Flüchtlingshelfer, die oft abwertend als sogenannte “Gutmenschen” bezeichnet werden. Ihnen werden bedingungslose Unterstützung und Wegschauen vor Problemen unterstellt. Das trifft nicht auf uns Helfer zu. Im Gegenteil, Probleme werden offen und direkt gegenüber den Flüchtlingen und Migranten angesprochen. Wenn Einzelne keinerlei Bereitschaft zur Integration zeigen, werden sie deutlich auf das Grundgesetz und unsere Werte hingewiesen. Kein Fördern ohne Fordern!

Die Unterzeichner des Briefes möchten dazu aufrufen, sich nicht vorschnell durch Behauptungen und Vorurteile gegen Flüchtlinge aufbringen zu lassen. Stattdessen sollten wir Respekt für Andersdenkende, einen verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Medien wie Facebook & Co. sowie Vertrauen in den Rechtsstaat leben und vorleben. Die Ereignisse in Chemnitz zeigen, wie schnell Hass und Hetze die Demokratie und den Rechtsstaat gefährden können. Wir alle haben deshalb die Pflicht, uns für ein friedliches und freundliches Zusammenleben einzusetzen.

Wir würden uns freuen, über diese und andere Themen bei einer künftigen Integrationsveranstaltung mit möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Begründung

Wir möchten ein Zeichen gegen Gewalt und für Demokratie setzen. Für ein friedliches Zusammenleben und gegen rechte Parolen. Für einen guten und freundschaftlichen Umgang zwischen Geflüchteten und „Alt-Bürgern“ Burgwedels. Gegen Verallgemeinerungen von Wutbürgern, Neonazis und islamfeindliche Gruppen. Stellung beziehen gegen Rechtfertigung von Gewalt aus kulturellen oder religiösen Gründen bzw. wegen Ehrverteidigungen und dergleichen.

Wir sind der Meinung, dass alle Bürgerinnen und Bürger eine Verantwortung für eine funktionierende Demokratie und des Erhalts des Rechtsstaates haben und kein Weg daran vorbeiführt, uns zu positionieren. Wir Flüchtlingshelfer, Geflüchtete, Migranten und Bürger treten für einen respektvollen Umgang miteinander ein. Wir distanzieren uns von den angeblichen Äußerungen des Täters und der dahinterstehenden Einstellung. Diese Haltung ist abzulehnen. Jede Form von Gewalt und Aggression bringt nur neue Gewalt und neue Aggression.

Von Martin Lauber

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