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Burgwedel Stolpersteine erinnern an 28 tote Babys von Zwangsarbeiterinnen
Umland Burgwedel

Burgwedel: Stolpersteine erinnern an 28 Babys von Zwangsarbeiterinnen

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17:39 23.11.2019
Schülerinnen aus Großburgwedel legen auf jeden Stolperstein einen Engel und eine Blüte. Quelle: Sandra Köhler
Großburgwedel

Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist, heißt es im Talmud. Getötet, verscharrt, vergessen: Dieses Schicksal hatten die Nationalsozialisten auch den Babys osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen im Altkreis Burgdorf zugedacht. Die Stolpersteine, die Bildhauer Gunther Demnig am Sonnabendvormittag auf dem Fußweg zwischen den Häusern Im Mitteldorf 7 und 9 mitten in Großburgwedel verlegt hat, setzen einen bewussten Kontrapunkt: Sie geben den 28 Kindern, die in der sogenannten Ausländerkinder-Pflegestätte 1944/1945 mitten im Ort elendig umkamen, ihre Würde wieder. Und stehen gleichzeitig für die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels Burgwedeler Stadtgeschichte.

Stolpersteine sind eine besondere Erinnerungskultur. Anders als bei Denkmälern begegnet man ihnen im täglichen Leben oft unverhofft. Man stolpert sinnbildlich über sie, senkt den Kopf und verneigt sich vor ihnen. Jeder dieser Steine gibt einem Menschen einen Namen zurück, ruft ihn wieder in Erinnerung“, sagte Bürgermeister Axel Düker. Zudem mahnte er an, es sei die Pflicht der Gesellschaft und jedes Einzelnen, für Freiheit und Würde aller einzutreten.

Die Stolpersteine für die 28 in Großburgwedel getöteten Babys stehen bereit. Quelle: Sandra Köhler

Zahlreiche Menschen verfolgten die Gedenkstunde ergriffen. Sie hörten die polnischen und russischen Wiegenlieder, die der Kinderchor MiMaMu sang – und erfuhren, dass die jüngsten der getöteten Kinder mit wenigen Wochen, das älteste mit 15 Monaten starb.

Sie hielten inne, als Pater Andrej Deutz von der ukrainisch-orthodoxen und Pastor Ivan Mykhailiuk von der ukrainisch-katholischen Kirche beteten und um Vergebung für Opfer und Täter baten. Und als zwei Schülerinnen beim Verlesen der Namen jeweils einen Engel und eine Blüte auf den entsprechenden Stolperstein legten, konnten viele Anwesende die Tränen nicht zurückhalten. „Hier lebten und starben 28 Kinder. In Gefangenschaft geboren. Von ihren Müttern isoliert. Mangelhaft oder nicht versorgt.“ Hinter diesen knappen Worten auf dem Dachstein verbergen sich tragische Schicksale und ungelebte Leben.

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

„Es ist ganz schrecklich und unvorstellbar, dass so etwas geschehen konnte“, sagte Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller mit Tränen in den Augen und forderte die Anwesenden auf „die Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft zu ziehen.“ Als Vorsitzender des Arbeitskreises Stolpersteine hatte sich Fortmüller nach der zufälligen Entdeckung der Sterbeurkunden der Kinder im Jahre 2009 unermüdlich dafür eingesetzt, Licht in das dunkle Kapitel des Stadtgeschichte zu bringen.

Das taten auf Geheiß der Stadt die Historiker Jürgen Zimmer und Irmtraud Heike. Viereinhalb Jahre forschten sie und fassten ihre Recherchen in dem Buch „Geraubte Leben. Spurensuche: Burgwedel während der NS-Zeit“ zusammen. Aus diesem las Andrea Heußinger vom NDR bei der nach der Gedenkstunde eröffneten Ausstellung zum Thema im Rathaus vor.

Würdig und ergreifend: 75 Jahre nach ihrem elenden Tod im sogenannten Polenheim erinnern 28 Stolpersteine mitten in Burgwedel jetzt an 28 Babys von Zwangsarbeiterinnen und an ein dunkles deutsches Kapitel.

Dabei erfuhren die Zuhörer mehr über das sogenannte Polenheim: Bereits im Dezember 1943 hatte der Regierungspräsident darauf gedrungen, dass im Bezirk Lüneburg dringend Ausländerkinder-Pflegestätten eingerichtet werden müssten. Denn wenn die Kinder bei ihren Müttern blieben, beraubte das die Bauern deren Arbeitskraft.

Dass der einzige Zweck dieser „Heime“, in die Kinder gegen den Willen ihrer Mütter gebracht wurden, nichts weiter war, als sie dort sterben zu lassen, zeigt deren Konzept. Eingerichtet werden sollten sie nicht etwa in Neubauten, sondern in „leerstehenden Wohnhäusern, Scheunen, Schuppen und dergleichen“ unter einfachsten Umständen. „Ich bin geschockt, dass das so lange totgeschwiegen wurde“, sagte eine Besucherin fassungslos.

Das war das Polenheim

Das „Polenheim“ in Großburgwedelwar eine der rund 400 sogenannten Ausländerkinder-Pflegestätten in Deutschland. Die offizielle Bezeichnung der nationalsozialistischen Machthaber verharmlost die Geschehnisse in der im Sommer 1944 eröffneten Einrichtung: Bis zum Einmarsch der Amerikaner 1945 sind dort nachweislich 28 Babys osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen zu Tode gekommen. Wie viele Kinder dort insgesamt aufgenommen wurden, was mit eventuell überlebenden Säuglingen geschah, oder ob alle den Tod fanden, ist unbekannt. Insgesamt sollen in diesen „Heimen“ 100 000 bis 200 000 Kinder ums Leben gekommen sein.

Das Großburgwedeler „Polenheimhatte eine Kapazität von 40 Kindern. Es wurde von der Kreisbauernschaft im leerstehenden, baufälligen Bauernhaus der Familie Bergmann unmittelbar hinter der Kirche St. Petri betrieben. Von drei Räumen waren laut einer Zeitzeugin nur der der Leiterin beheizbar. Die Mütter mussten ihre Kinder abgeben und sie mit Windeln, Kissen und Fläschchen ausstatten. Überdies wurde ihnen für die Unterbringung der Kinder ein Teil ihres kargen Lohnes abgezogen. Stillen durften die Frauen, die aus dem gesamten Altkreis stammten, ihre Kinder nicht. Den Säuglingen stand offiziell pro Tag lediglich ein halber Liter Kuhmilch zu.

Die Arbeitgeberin einer Zwangsarbeiterin besuchte deren Kind in der Einrichtung. Sie berichtete von „entsetzlichen Zuständen“: Das Kind habe durchnässt in seinem eigenen Erbrochenen gelegen. Kälte, kaum Nahrung, schlechte Versorgung: Die Überlebenschancen der Kinder im „Polenheim“ gingen gen Null.

Das Gebäude, in dem sich all dies ereignete, gibt es nicht mehr. Nach dem Krieg nutze es eine Flüchtlingsfamilie mit Kindern als Unterkunft. In den Fünfzigerjahren fiel das baufällige Gebäude schließlich in sich zusammen.

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