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Nachrichten Schadstoff-Fahne ist viel größer als erwartet
Umland Burgwedel Nachrichten Schadstoff-Fahne ist viel größer als erwartet
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17:56 10.01.2018
In diesem zwischenzeitlich bunt-bemalten Container im Mitteldorf von Großburgwedel steckt die Technik für die Behandlung der Altast an ihrer Quelle. Quelle: Lauber (Archiv)
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Großburgwedel

 Die giftige Hinterlassenschaft der einstigen chemischen Reinigung Gehrmann im Mitteldorf von Großburgwedel wird jetzt auch den Steuerzahler teuer zu stehen kommen. Für die fällige Sanierung der Schadstoff-Fahne rechnet die Region Hannover mit Kosten in Höhe von 359.000 Euro, an denen sich das Land zu 50 Prozent beteiligen wird. Der Ausschuss für Umwelt und Klimaschutz soll in seiner Sitzung am 16. Januar grünes Licht für eine europaweite Ausschreibung der Sanierung geben. Die Großburgwedeler sollen in einer öffentlichen Informationsveranstaltung, die noch nicht terminiert ist, über alle notwendigen Maßnahmen und Auswirkung der Sanierung informiert werden.

Nach ausgiebigen Erkundungen hatte das Amt für Abfall und Bodenschutz vor zwei Jahren erklärt, dass für die Einwohner keine Gefahr bestehe. Allerdings gebe es Nutzungseinschränkungen für das Grundwasser aus Hausbrunnen: Als Trinkwasser oder in Planschbecken dürfe es nicht verwendet werden. Zur Bewässerung von Nutzgärten solle man es ebenfalls nicht einsetzen. 

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Seit Oktober 2016 läuft an der Gefahrenquelle selbst –also auf dem Grundstück der früheren chemischen Reinigung - bereits seit  Oktober 2015 die Sanierung auf Kosten eines Investors, der das zentral gelegene Areal gekauft hat und später neu bebauen will. Angewandt wird in Absprache mit den Behören ein Verfahren, bei dem die örtliche Mikrobiologie des Grundwasserleiters durch Einbringen von Laktat beim Abbau der schädlichen chlorierten Kohlenwasserstoffe unterstützt. Drei Jahre soll die Schadstoffreduktion insgesamt dauern. Die Technik steckt in einem großen Container, den Kinder im vergangenen Sommer bunt bemalt haben.

In diesemj Container im Mitteldorf steckt die Technik zur Sanierung der Altlast an der Schadstelle selbst Quelle: Martin Lauber

Die Sanierung der Schadstofffahne, die sich rund 500 Meter auf einer Breite von durchschnittlich 50 Metern ist nordwestliche Richtung ausbreitet, könne dem Grunstücksbesitzer allerdings nicht auferlegt werden, informiert die Region. Sie selbst müsse die Gefahrenabwehrmaßnahme veranlassen.  Immerhin hatten 2016 Messungen ergeben, dass zumindest im Grundwasser unter einem Grundstück im Mitteldorf der Grenzwert den zulässigen Grenzwert um das 2900-Fache überschritt – und das in der Schutzzone III B des Trinkwassergewinnungsgebietes „Fuhrberger Feld“. Dabei liege die Schadensstelle aber außerhalb der Reichweite ihrer Brunnen, gab Wasserwerksbetreiber Enercity schon 2008 Entwarnung, als die Region das Altlastenproblem mit ersten Untersuchungen anging. 

Gleichwohl: „Der Maßnahmenschwellenwert wird hier deutlich überschritten“, heißt es in der aktuellen Beschlussdrucksache für die Regionspolitiker. Sie sollen kommende Woche eine funktionale Ausschreibung der Sanierung bewilligen – das heißt: Vorgegeben wird eine In-Situ biologische Reduktion der Schadstoffe, aber nicht die konkrete technische Umsetzung.

Für die Beseitigung der Schadstoffe will die Region Hannover auf das gleiche Wirkprinzip zurückgreifen, wie es an ihrer Quelle auch angewandt wird. Nur sind wegen der großen Ausdehnung der Fahne mehrere, in Reihe gebohrte, so genannte Injektionspegel nötig, über die in mehreren Etappen Melasse und andere Reeagenzien ins kontaminierte Grundswasser eingebracht  werden sollen. Sie sollen den Appetit der Bakterien auf die giftigen chlorierten Kohlenwaserstoffe anregen.  Nach bisheriger Planung werden drei Jahre veranschlagt.  

Stichwort: Der Schadstoff „Per“

Perchlorethylen (oder offiziell Tetrachlorethen) gehört zu den halogenierten Kohlenwasserstoffen und wird vornehmlich als Bestandteil nichtwässriger Lösungsmittel in Wäschereien verwendet. Die chemische Reinigung mit „Per“ gehört zu den gebräuchlichsten Formen der Textilreinigung. Der Vorteil bei dieser Trockenreinigungsart besteht darin, dass die Fasern nicht wie beim Nassreinigen aufquellen und ihre Form und Farbe behalten. Allerdings ist der Stoff umwelt- und gesundheitsschädlich – wenn er nicht richtig entsorgt wird. Die chronische Aufnahme führt zu Leber- und Nierenschäden und ist krebserregend. Die bis Ende der Neunzigerjahre betriebene chemische Reinigung Gehrmann gilt als Quelle der Bodenkontamination. Das Lösungsmittel „Per“ gelangte dabei ins Grundwasser. mal

Von Martin Lauber