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Nachrichten Blaubeeren sind so früh reif wie nie
Umland Burgwedel Nachrichten Blaubeeren sind so früh reif wie nie
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16:31 25.06.2018
Katarzyna (vorne) Opęchowska und ihre Mutter Ewa bei der Blaubeerernte in Thönse Quelle: Martin Lauber
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Thönse

Reife Blaubeeren aus Deutschland, während noch der letzte Spargel gestochen wird: Ist das etwa schon der Klimawandel? Auf jeden Fall ist es der extrem heiße Mai, der hierzulande für den frühesten Heidelbeer-Erntestart aller Zeiten verantwortlich ist und die Personalplanung des Kleinburgwedeler Plantagenbesitzers Christoph Henke unter Druck bringt. Die um zwei bis drei Wochen vorzeitig benötigten Saisonarbeiterinnen treffen erst nach und nach aus Polen ein. Erstmals hat Henke auch ukrainische Studentinnen angeheuert.

Sie heißen Duke, Draper und Liberty und stammen alle aus Amerika: Die Blaubeeren dieser Sorten werden hintereinander reif, damit es bis in den September hinein frische Beeren gibt

Auf einem sandigen Geländebuckel zwischen Thönse und Oldhorst kultiviert der 31-jährige Landwirt seit wenigen Jahren drei Sorten Heidelbeeren, die gestaffelt reif werden sollen – normalerweise beginnend in der zweiten Juliwoche. Aber unvermittelt ließ sich das Abernten letzte Woche nicht mehr aufschieben.

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Am Montagmorgen biegen sich die Zweige der frühesten Sorte „Duke“ unter der Last dicker Trauben blauer Beeren tief hinunter, weil die Pflückerinnen am Sonntag wegen Regens die Arbeit auf der Plantage einstellen mussten. So gibt es viel nachzuholen. „Tragödie“, radebrecht die polnische Erntehelferin Ewa Opechowska mit wegwerfender Handbewegung, als sie aus dem Kleinbus steigt. Aber damit meint sie gar nicht die Beeren, sondern das frühe WM-Aus ihrer Nationalmannschaft. Henke bereitet eher das Schauerwetter Sorgen: Die Beeren können nur trocken gepflückt und verpackt werden.

Scharfe und auch für Menschenohren unangenehme Greifvogellaute schallen im 10-Minuten-Intervall über die in schnurgeraden Reihen gepflanzten 26.000 Beerensträucher. Dabei haben sich die Stare, die per Lautsprecher vergrämt werden sollen, bisher noch gar nicht blicken lassen. „Die halten sich lieber an die Kirschen“, mutmaßt Henke. Denn auch diese seien schon überreif.

Das kann der Fuhrberger Landwirt Jörg Heuer nur bestätigen. Die alte Bauernregel „Kirschen rot, Spargel tot“ trifft in diesem Jahr ebenso wenig zu wie seine Erfahrungswerte mit Heidelbeeren, die er seit 20 Jahren anbaut. Dass in der Spargelwirtschaft eigene Freilandblaubeeren zum Dessert serviert werden, hat er jetzt das allererste Mal erlebt. Bei Mai-Temperaturen, die 4,5 Grad über dem langjährigen Durchschnitt lagen, sei das kein Wunder, findet Heuer. Die vielen Hitzetage über 30 Grad ab April seien aber nicht spurlos an der Blaubeerblüte vorbei gegangen: Viele seiner Blaubeersträucher hingen nur teilweise voll.

Die Erzeugerpreise setzt vorzeitige Erntestart allemal unter Druck. Denn deutsche Heidelbeeren müssen sich aktuell den Markt mit Restmengen spanischer Blaubeeren teilen. Von Freitag auf Montag hat Henke einen heftigen Preisverfall auf dem Großmarkt beobachtet. Dabei machen sich schon die heimischen Landwirte Konkurrenz genug: Allein in Niedersachsen kultivieren 160 Betriebe auf 1.800 Hektar –Tendenz steigend – die blauen Beeren. Henkes Ernte wird zum größten Teil über einen niederländischen Händler europaweit verkauft. Seine Direktvermarktung beschränkt sich außer auf den „Junge-Talente“-Laden in Hannover auf den kleinen Hofladen in Kleinburgwedel, wo jetzt auch Heidelbeersaft im Regal steht. „Heiß mit ein bisschen Honig“, empfiehlt Henke, schmecke er am besten.

Zum Ende der Spargelzeit ist die Luft raus

Am Sonntag war Johanni - zum traditionellen Ende der Spargelzeit hat der Sommer sich abgekühlt. „Die Luft ist raus, da kommt nichts mehr“, zieht Spargelbauer Jörg Heuer einen Schlussstrich unter die nach seinen Worten „durchwachsene“ Saison, die in Fuhrberg am ersten April-Wochenende begonnen hatte. Die Nachfrage sei von Anfang an groß gewesen, die früh verfügbaren großen Mengen hätten die Preise zeitig von anfangs 11,90 auf 7,90 Euro für die erste Sorte fallen lassen. Bis zum Wochenende wird Heuer noch für den eigenen Hofladen und die Spargelwirtschaft stechen lassen. Dann dürfen die Gemüsepflanzen mit dem Spargelkraut Photosynthese betreiben, um für die nöchste Saison Energie in den Wurzeln einzulagern.

Von Martin Lauber