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Nachrichten „Ich habe gerade viel Zeit, um vorzulesen“
Umland Burgwedel Nachrichten „Ich habe gerade viel Zeit, um vorzulesen“
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00:15 18.11.2013
Foto: Gefragter Gast: Ex-Bundespräsident Christian Wulff gibt den Drittklässlern in der Grundschule Kleinburgwedel Autogramme.
Ex-Bundespräsident Christian Wulff gibt den Drittklässlern in der Grundschule Kleinburgwedel Autogramme. Quelle: Kai Knoche
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Burgwedel

Am Donnerstag waren noch die Kameras von Fernsehteams aus der ganzen Welt auf ihn gerichtet und haben jede seiner Bewegungen, Gesten und Aussagen dokumentiert. Als Christian Wulff den Gerichtssaal betrat, war ihm die Anspannung deutlich anzusehen. Am Freitag, als der Bundespräsident a.D. Punkt 8.45 Uhr in dunkler Jeans, hellblauem Hemd ohne Krawatte und schwarzem Jackett die Grundschule Kleinburgwedel betrat und nur ein einzelner Fotoapparat auf ihn gerichtet war, zeigte er sich wesentlich entspannter - und gegenüber den Kinder in Plauderlaune.

Am Donnerstag im Landgericht, am Freitag in der Grundschule: Bundespräsident a. D. Christian Wulff hat beim bundesweiten Vorlesetag in Kleinburgwedel Drittklässlern vorgelesen – und mit ihnen offen über die Vorwürfe gegen sich geplaudert.

Das Eis war schnell gebrochen: „Ich bin 54 Jahre alt. Das ist für Euch bestimmt wahnsinnig alt“, sagte Wulff zur Vorstellung und löste ein kollektives Lachen bei den Kindern aus. Offensiv sprach er danach die gegen ihn laufende Verhandlung wegen vermeintlicher Vorteilsnahme im Amt an: „Wie Ihr bestimmt bei ,Logo‘ gesehen habt, muss ich mich gerade gegen Vorwürfe wehren, die nicht stimmen“, sagte er in Anspielung auf die Kindersendung. „Ich habe gerade viel Zeit, um Euch was vorlesen zu können“, sagte das Ex-Staatsoberhaupt.

Als Geschichte wählte der ehemalige Großburgwedeler das Buch „Irgendwie anders“ von Kathryn Cave und Chris Riddell, aus dem er seinem fünfjährigen Sohn regelmäßig vorlese. Ruhig und mit sanftem Tonfall gelang es Wulff schnell, die Kinder in seinen Bann zu ziehen. Knapp zehn Minuten lang hörten sie ihm gebannt zu, bevor Wulff mit den Drittklässlern über den Inhalt des Buches sprach.

Bis kurz vor Ende der Stunde konnten sich die Schüler zusammenreißen, doch dann wollten sie es genauer wissen: Warum darf man sich als Politiker nicht einladen lassen? Wulff wich nicht aus und antwortete prompt: „In Deutschland müssen alle Politiker wie normale Menschen behandelt werden. Bei mir hat sich erst später herausgestellt, dass ich teilweise eingeladen worden bin. Das wusste ich vorher nicht.“

Nach der Vorlesestunde rissen sich die Drittklässler förmlich darum, ein Autogramm des ehemaligen Staatsoberhauptes zu ergattern. Wulff nahm sich die Zeit und schien den Moment abseits des Medienrummels zu genießen. „Das war heute eine willkommene Abwechslung zum Trubel der letzten Tage“, sagte der 54-Jährige nach der Stunde. Zu der laufenden Verhandlung wollte er sich nicht weiter äußern, verriet nur so viel: „In fünf oder zehn Jahren werde ich sicher in einem kleinen Buch die ganze Sache aufarbeiten“.

Bücher hat der Berliner Autor und Regisseur André Nebe bereits einige geschrieben, der gestern in der Grundschule Wettmar zum Vorlesen antrat. Für ihn bedeutete der direkte Kontakt zur Zielgruppe einen erheblichen Mehrwert: „Man merkt, was funktioniert. Kinder sind einfach radikal direkt in ihren Reaktionen“, sagte der 40-Jährige. Der CDU-Landtagsabgeordnete Rainer Fredermann legte am Vorlesetag gleich drei Stationen ein, unter anderem in der Kindertagesstätte in Isernhagen H.B. „Ich will bei den Kindern die Begeisterung am Lesen wecken und hoffe, dass diese auf die Eltern überschwappt.“

Kai Knoche und Frank Walter

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