Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Die Toten lagen an der Scheune
Umland Burgwedel Nachrichten Die Toten lagen an der Scheune
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:19 08.04.2015
Von Simon Benne
„Sie waren völlig geschwächt“: Hartmut Badenhop erinnert sich.
„Sie waren völlig geschwächt“: Hartmut Badenhop erinnert sich. Quelle: Alexander Körner
Anzeige
Großburgwedel

Den Anblick hat er noch immer vor Augen, auch nach all den Jahren. Er selbst war gerade konfirmiert worden, ein 14-jähriger Junge, der sonntags lieber in der Kirche als beim HJ-Dienst war. Am Nachmittag des 6. April 1945 sah Hartmut Badenhop aus dem Fenster der Pestalozzi-Stiftung im dörflichen Großburgwedel, die sein Vater leitete. Da kamen sie die Straße entlang: „Die Häftlinge trugen abgerissene Kleidung, sie waren völlig geschwächt - das zog die Kolonne sehr weit auseinander“, erinnert sich der frühere Landessuperintendent. Einige zogen einen Wagen, auf dem wohl Verpflegung war - und auf dem später womöglich auch Tote transportiert wurden: „Das ist ein Bild, das ich nicht vergessen kann.“

Sein Vater bekam Anweisung, die KZ-Häftlinge über Nacht in der Scheune der Stiftung einzuquartieren. Am nächsten Morgen zog die Kolonne weiter. Als Hartmut Badenhop und sein Vater zur Scheune kamen, lagen dort mehrere Leichen: „In meiner Erinnerung waren es 20, aber im Kirchenbuch wurden nur drei namenlose Tote vermerkt - es hieß, sie seien nachts erschossen worden, als sie versuchten, den Brotwagen zu stürmen.“

Eine Gedenktafel erinnert seit 2004 an der Scheune der Pestalozzi-Stiftung an die Todesmärsche. Quelle: privat

In Badenhops Familie war schon vorher viel über die Euthanasieverbrechen geredet worden und über Zwangssterilisation, der auch Jugendliche aus der Pestalozzi-Stiftung zum Opfer fielen. „Alle wussten auch, dass sich der örtliche Arzt, Dr. David, das Leben genommen hatte, als er deportiert werden sollte“, sagt Badenhop. Nicht einmal, dass es Lager wie Bergen-Belsen gab, war ein Geheimnis. Dennoch schockierte ihn der Anblick des Todesmarsches: „Es ist ein Unterschied, ob man von etwas weiß, oder ob man es mit eigenen Augen gesehen hat.“

Das gilt freilich auch für die Erinnerungskultur: „Das eigene Erleben, die Begegnung mit Zeitzeugen - so etwas kann man kaum ersetzen“, sagt Badenhop. Persönliche Erfahrungen und Erschütterungen lassen sich emotional nur schwer weitergeben. Der Theologe fürchtet, dass die Erinnerung an die NS-Zeit zwischen wissenschaftlicher Forschung und bloßen Ritualen erstarren könnte, wenn die Zeitzeugen nicht mehr sind: „Vielleicht muss der Mensch aus Erfahrung lernen, dass der Mensch aus Erfahrung nichts lernt“, sagt er skeptisch.

Immerhin gibt es auch Formen des Erinnerns, die ihm Mut machen: Auch in diesem Jahr gab es wieder einen „Erinnerungsgang“. Bei der Aktion, die von einer katholischen Gruppe erstmals 1980 initiiert wurde, gehen Teilnehmer die Strecke der Todesmärsche von Mühlenberg bis Bergen-Belsen nach. An der Großburgwedeler Scheune und in Fuhrberg stehen Gedenkveranstaltungen auf dem Programm. „Es ist doch wichtig“, sagt Badenhop, „die Erinnerung lebendig zu halten.“

Mehr zum Thema

Vor 70 Jahren trieben die Nazis Häftlinge aus Hannovers Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen. In ganz Deutschland starben bei solchen Todesmärschen etwa 250.000 Menschen – das NS-Terrorsystem ging in seine letzte, besonders grausame Phase.

Simon Benne 08.04.2015

War es das gute Wetter, der Redner oder doch der Wunsch vieler, nach einer Woche, die weltweit Fassungslosigkeit ausgelöst hatte, innezuhalten? Tatsache ist: So viele Besucher zählte die Bürgerinitiative „Gegen das Vergessen“ bei ihrer Gedenkveranstaltung noch nie.

29.03.2015

Die Befreiung der Stadt durch die Alliierten am 10. April 1945 markiert für Hannover eine historische Zäsur. Anlässlich des 70. Jahrestages beleuchten wir in den kommenden Monaten in der umfangreichen HAZ-Serie „Aufbruch 1945 – Als der Frieden nach Hannover kam“, wie das Leben in den Monaten des Neubeginns sich gestaltete.

Simon Benne 22.04.2015
Antje Bismark 01.04.2015
Nachrichten Burgwedel/Isernhagen/Wedemark - Tag zwei: Sturm legt noch zu
31.03.2015
Martin Lauber 31.03.2015