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Garbsen „Keiner hat geweint“: Carlotta Truman im Interview über den ESC
Umland Garbsen

Carlotta Truman aus Garbsen im Interview über ESC 2019 in Tel Aviv, über S!ister, Quoten und Zukunft

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00:21 15.06.2019
„Manches ist zu zweit leichter“: Carlotta Truman blickt zurück auf den ESC, bei dem sie mit Laurita Spinelli auftrat. Quelle: Markus Holz
Garbsen

 182 Millionen TV-Zuschauer – eine Weltbühne für die 19-jährige Carlotta Truman aus Garbsen und ihre Partnerin Laura Kästel. Fünf Monate lang hatte sich das Duo S!sters mit dem NDR-Song „Sister“ auf den großen Auftritt vorbereitet. Den enttäuschenden Ausgang erlebten unter anderem mehr als 1000 Menschen beim Public Viewing auf dem Rathausplatz: 24 Jury Punkte, null Punkte vom ESC-Publikum, vorletzter Platz. Carlotta Truman erzählt im Interview von „ihrem“ ESC, von Vorfreude und Enttäuschung – und der Zukunft der S!sters.

Hallo Carlotta, kannst Du diesen einmaligen Moment beschreiben, in dem ihr auf die Bühne des Convention Center Tel Aviv geht?

Es war nicht ganz neu für uns. Wir hatten ja am Vortag schon mit Publikum und Jury einen kompletten Durchgang – alles exakt so wie am Tag der Entscheidung. Wir kannten die Atmosphäre. Dass 180 Millionen Zuschauer am Schirm hängen, blendet man komplett aus. Es ist eher der Gedanke: Das wird jetzt alles aufgezeichnet und bleibt für die Ewigkeit immer und immer wieder abrufbar. Man hat am meisten Angst davor, genau in diesem finalen Moment vielleicht nicht die beste Performance abzuliefern. Was ging uns sonst noch durch den Kopf? Das Beste liefern und noch einmal richtig Spaß haben – danach ist alles vorbei, woran man fünf Monate lang gearbeitet hat.

„Die Stimmen müssen ultragut sitzen“: Carlotta Truman. Quelle: Markus Holz

Habt ihr das Publikum im Center überhaupt wahrgenommen? Oder seid ihr so fokussiert, dass ihr das ausblendet?

Es ging mir komplett anders, als mit jedem anderen Song, den ich solo singe, weil wir zu zweit waren und sehr krass aufeinander geachtet haben. Solo singst Du nach draußen zum Publikum. Aber bei diesem Song passiert mental und musikalisch sehr viel zwischen uns. Die Stimmen müssen ultra gut sitzen. Wir mussten diesen Auftritt sehr, sehr konzentriert aufeinander präsentieren. Ich habe zwischendurch versucht, mal abzuschalten und Spaß zu haben. Im Nachhinein habe ich gehört, dass genau diese Passagen nicht akkurat waren. Wir mussten ganz bei uns bleiben und kaum beim Publikum.

Nicht akkurat, obwohl ihr den Song schon so oft gesungen habt?

Ja. Natürlich wussten wir, an dieser Stelle muss dies passieren und an der Stelle das. Das steht ja alles fest. Aber Du musst dich voll konzentrieren auf deine Stimme und immer am Ball bleiben, damit du nichts vergisst von den Sachen, die wir uns so in die Performance geschaufelt haben.

Ist es einfacher zu zweit? Ich hatte den Eindruck, dass da zwischen Euch mehr ist als nur eine Zweckgemeinschaft für diesen Song. Freundschaft vielleicht?

Wir sind in der ESC-Zeit total zusammengewachsen, weil überall permanent Entscheidungen über uns getroffen wurden. Wir haben eine Front gebildet und sind dadurch sehr schnell zusammengewachsen. S!sters war am Ende nicht mehr das Produkt eines Castings. Ich bin sehr, sehr froh, dass ich Laurita hatte und habe, gerade jetzt in dieser Zeit. Alleine wäre das krass. Ich bin froh, nicht in der Situation von Jamie-Lee Kriewitz zu sein (Anm.: ESC 2016, Song „Ghost“, letzter Platz für Deutschland in Stockholm). Ich hatte das Glück, jemanden zu haben, der gerade genau das gleiche sieht und erlebt wie ich. Darum: Ja, manches ist zu zweit leichter.

Ihr seid als Vierte raus gegangen. Habt ihr die drei vor euch mitverfolgt – als Einstimmung?

Nein, nach dem Opening der Show kommt: das letzte Mal zur Toilette, Kopfhörer anlegen, letzter Blick in den Spiegel und zusammen mit den Backgroundsängerinnen in den Backstagebereich direkt an der Bühne. Beim dritten Song stand ich schon fast auf meiner Position auf der Bühne und hab getanzt.

Ist die ESC-Unterstützung für Euch als Künstler so professionell, wie es die Sendungen erscheinen lassen?

(Lacht) Es ist nicht so krass durchgetaktet und professionell, wie man sich das vielleicht vorstellt. Ja, es arbeiten Hunderte Leute an der Show. Aber alles andere kann sehr spontan sein. Bei uns zum Beispiel, was die Leute im Hintergrund sehen, wenn wir auftreten. Ich bin nach Tel Aviv geflogen und dachte: Alles steht. War aber nicht, und das fand ich gut. Sie haben uns die Lockerheit gegeben, Dinge umzuwerfen und nochmal anders zu machen.

Wo wolltet ihr landen?

Oh, oft gestellte Frage. Unser Ziel war, an diesem Abend eine Performance zu machen, mit der wir zufrieden sind, weil es das ist, womit wir am Ende leben müssen. Wir haben auch immer gesagt: Falls es eine schlechte Platzierung wird und wir auch noch unzufrieden mit uns selber sind, dann wäre das für uns die komplette Enttäuschung. Aber: Es war unser bester Durchgang. Wir haben super gesungen. Und wir haben uns in dem Moment richtig, richtig gefreut.

Und dann das ...

Ja. Am Anfang gab es bei uns eine Bildstörung. Wir wussten nicht, wer wie viele Punkte bekommt. Als das repariert war, haben wir alles mitverfolgt. Aber wir hatten am Vortag ganz viele Interviews für deutsche Medien gegeben. Alle haben uns auf die schlechten Wettquoten angesprochen. Davon wussten wir nichts, wollten wir auch nicht. Aber okay, wir haben uns ab Freitag darauf eingestellt, dass wirklich alles passieren kann – von vorne bis hinten. Wir haben uns geärgert, wir haben gehofft, dass sich noch etwas ändert. Aber wir waren nicht völlig überrascht. Siehe Vorjahre: Wir wussten, dass es ein Risiko gibt.

Das glaube ich Dir bei den 24 Jury-Punkten. Aber nicht bei der Null aus dem Publikum ...

Hmm ... Diejenigen, die unsere Show konzipiert haben, haben immer gesagt: Wir hoffen auf die Publikumsstimmen. Das haben wir mitbekommen. Aber wir haben auch gesehen, dass sehr viel interessantere Leute dabei sind. Ich denke an San Marino („Say na na na“, Platz 11). Serhat hatte eine Show, die einfach besser ins ESC-Konzept gepasst hat und super angekommen ist. (Eine Rückschau auf den ESC 2019 finden Sie hier.)

Insgesamt nahmen 26 Länder mit ihren Kandidaten am Finale des Eurovision Song Contests 2019 teil. In dieser Bildergalerie finden Sie die Fotos aller Acts und ihre Platzierungen.

Habt ihr nicht ins ESC-Konzept gepasst?

Ich bin mir nicht sicher. Bei uns fehlten eben diese vielen Leute auf der Bühne, bunte Farben, Glitzershow. Wir waren minimalistisch, es war alles nur auf uns und unsere Gesichter konzentriert. Es war ein Risiko, diese Show so zu machen. Andererseits: Michael Schulte hatte letztes Jahr auch nur eine kleine, dunkle Show – kann funktionieren, muss aber nicht. (Lesen Sie hier: Fünf Gründe, warum Deutschland beim ESC versagt hat.)

Würdest Du es nochmal so machen?

ESC nicht so gerne ...

Wie geht ihr jetzt mit Platz 24 um?

Ach, das ist echt schwierig. Erstmal: Es hat keiner gesagt „schlecht gesungen, schlecht gestanden, schlechte Show“ – keiner. Kann sein, dass der Song nicht das präsentiert hat, was wir wirklich können. Irgendwie ist es auch ein Lotteriespiel.

Also Haken dran?

Wir sind erstmal abgetaucht, weil es über die ganze Zeit ein hoher Stresslevel war. Wir mussten runterkommen und zu uns selber finden. Wir haben nach ein paar Tagen drüber geredet. Keiner von uns hat wegen des Ergebnisses einmal geweint. Es ist sehr schade für Deutschland, alle haben sich gewünscht, dass Deutschland am Ende gut abschneidet als Nation – egal ob sie uns mochten oder nicht. Das ist schade. Aber für uns als Person? Ja, man wird uns immer darauf ansprechen. Aber dieser vorletzte Platz ist ja längst nicht alles, was uns als Mensch und Musiker wirklich ausmacht. Wir sind viel mehr. Unser Musikersein ist jetzt nicht auf ewig vorbei. Eher anders: Was kommt als nächstes?

Was kommt als nächstes? Wird es S!sters weiter geben?

Wir überlegen. Wo treffen sich unsere Musikgeschmäcker, wenn wir Songs schreiben würden? „Sister“ war ja nicht unser Song. Wir wollen in Ruhe nachdenken und hatten noch nicht wirklich Zeit, darüber zu sprechen. Wir finden uns gut zusammen, wir haben Spaß miteinander und eine persönliche Verbindung. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung. Aber wir wissen es noch nicht.

Dein persönliches ESC-Fazit?

Bei sich selber bleiben und sein eigenes Ding durchboxen. Es reden so viele Leute mit, weil sie das Beste für dich wollen. Trotzdem muss man sich immer selbst nochmal fragen: Ist es das? Ich will nicht auf etwas hängen bleiben, an etwas festhalten. Lena zum Beispiel: Sie macht total das, was ihr wichtig ist. Sie ist ihr Chef. Das ist nicht mein Musikstil. Aber es ist vorbildlich, und sie ist authentischer, als sie es je war. Also: Weiter studieren, weiter arbeiten und weiter wachsen. Es war das Beste, was mir dieses Jahr passieren konnte.

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Wie aus Carlotta Trumann und Laurita Spinelli „S!sters“ wurde

Von Markus Holz

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