Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Garbsen Enttäuschung nach ESC-Abstimmung für S!sters
Umland Garbsen

ESC: Das Public Viewing in Garbsen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 21.05.2019
Garbsen verfolgt den Auftritt von den S!sters.
Garbsen verfolgt den Auftritt von den S!sters. Quelle: dpa
Anzeige
Garbsen

Die Gastgeber sind voll in Fahrt gewesen – Partystimmung auf dem Rathausplatz in Garbsen: Fans von Carlotta Truman aus Horst in Garbsen hatten früh die besten Plätze besetzt. Die Stadt hatte das ESC-Public-Viewing extra für die Daumendrücker, Fans und Lokalpatrioten arrangiert. Das Abstimmungsergebnis in der Nacht hat enttäuscht. Null Publikumspunkte für S!sters und Carlotta Truman aus Garbsen. Rang 24 für Deutschland im Eurovision Song Contest.

„Germany: Twelve Points“ bleibt ein Traum

Die Resonanz auf das Arrangement der Stadt am Abend ist gut. Knapp 700 Gäste sind während der Übertragung auf dem Platz, zur Spitzenzeiten rund 1200. Sie rufen mit Moderator Christoph Dannowski von der Neuen Presse immer wieder das „Germany: twelve Points“ – und sie werden damit die einzigen bleiben. Der erste Fanclub belegt schon um 17 Uhr die vordersten Plätze vor der großen Leinwand: Polina, Julia, Vanessa, Tanina, Antonia, Antonia und Felix wollen an diesem Abend coole ESC-Atmosphäre genießen, eine gute Show erleben und Freunde treffen. „Dass Carlotta so schlechte Quoten hat, ist doch egal – das kennen wir ja schon aus den anderen Jahren. Wir sind Supporter und freuen uns auf den Abend“, sagt Tanina. Die sieben Jugendlichen sind befreundet, kennen „ihren Star“ Carlotta aus der Schule oder über die Familie. Na klar drücken sie die Daumen.

Beim Cateringteam Bärenstark glüht der Grill. Die untergehende Sonne taucht den Platz in ein warmes Licht, als sich Dannowski nach zwei Stunden von der Bühne verabschiedet und um 20.15 Uhr die Live-Übertragung auf die große Videowand geht. Die 19-jährige Carlotta Truman geht pünktlich mit Duettpartnerin Laurita Spinelli als S!sters im israelischen Tel Aviv auf die größte Bühne ihres Lebens. Das Public Viewing in Garbsen erlebt zum ersten Mal kollektiven Jubel.

Kimberley Truman: Es ist wirklich das Größte, was wir erlebt haben

Wie schafft sie das, so cool zu bleiben? Wie geht sie mit dem enormen Druck um? Dannowski hat zwischen 18 und 20 Uhr Gäste, die das beantworten können. Carlottas Mutter Kimberley Truman zum Beispiel. Sie ist beim bedeutendsten Auftritt ihrer Tochter nicht live dabei, und doch ist sie seit Kindheit an der wichtigste Coach. „Sie braucht mich nicht, sie hat das gelernt und weiß genau, worauf sie sich einlässt“, sagt sie.

Hat sie Kontakt zu Carlotta? „Im Prinzip ja, aber wir haben ein Agreement: Sie meldet sich, wann sie es für richtig hält. Wenn sie jetzt das Telefon einschalten würde, würde das explodieren. Das ist unbeschreiblich. Es ist wirklich das Größte, was wir bis jetzt erlebt haben. Ich bin fertig. Wenn ich dort wäre, hätte ich mehr Herzkasper als sie. Sie hat ihren Bruder dort. Die beiden und Laurita sind ein tolles Team – die schaffen das.“

Insgesamt nahmen 26 Länder mit ihren Kandidaten am Finale des Eurovision Song Contests 2019 teil. In dieser Bildergalerie finden Sie die Fotos aller Acts und ihre Platzierungen.

Hier geht es zum ESC-Liveticker: Alle Infos zum Eurovision Song Contest in Israel

René Oliver: Genieße es, das hat man nur einmal im Leben

René Oliver, RTL-Fernsehbäcker aus Meyenfeld, kennt Carlotta seit Kindertagen. „Sie schafft das. Sie hält den Druck aus, weil sie es kann, und weil sie es will“, sagt er. Carlotta habe alles für diesen Auftritt getan. „Ich freue mich aus tiefstem Herzen, dass sie Deutschland vertreten darf. Ich würde ihr jetzt gerne sagen: Genieße es, egal wie es ausgeht. Das ist so groß. Das hat man nur einmal im Leben“, sagt Oliver.

ESC-Party in Garbsen auf dem Rathausplatz.

Carlottas Studienfreund Darian Tabatabaei sorgt mit seiner Band enthusiastisch für Unterhaltung. Bürgermeister Christian Grahl begrüßt die Besucher und dankt für deren Kommen. „Es könnten mehr sein. Aber was soll’s? Wir werden bis zur Entscheidung eine gute Zeit haben.“ Was er Carlotta wünscht? „Dass Carlotta heute stolz ist auf Carlotta. Sie singt von Verständnis, Empathie, Teambuilding – und das in Israel für Deutschland, das ist doch unglaublich.“

So gut/falsch lagen die Buchmacher

Bei den Buchmachern gelten die S!sters als krasse Außenseiterinnen. Von den 34 teilnehmenden Staaten lagen sie am Freitag in den Quoten auf Platz 27. Aber wie nah lagen solche Wetten tatsächlich an den Endergebnissen?

2018 stand Michael Schulte mit „You Let Me Walk Alone“ für Deutschland im Finale in Lissabon und kam mit dem sensationellen vierten Platz nach Hause. Bei den Buchmachern stand er international vier Tage vor dem Contest auf Platz 15; dann hieß es Top 10 und am Finaltag Platz 3. Wer auf ihn als Top 5 gewettet hatte, kassierte.

2017 kam Levina („Perfect Life“) für Deutschland mit dem enttäuschenden vorletzten Platz aus Kiew zurück. Nach dem Eindruck der Glücksspieler hätte sie Platz 17 von 26 schaffen sollen – voll verzockt. Quotenkönig war übrigens der Italiener Francesco Gabbani, tatsächlich schaffte er Platz sechs. Sieger wurde der Portugiese Salvador Sobral.

Vorboten für dieses Jahr? 2016 stand die exzentrische Voice-of-Germany-Gewinnerin Jamie-Lee Kriewitz nicht sonderlich hoch im Kurs. Die Glücksspieler behielten Recht: Der Song „Ghost“ war den Jurys nicht mehr wert als Platz 26 von 26. Exakt das Gleiche ein Jahr vorher: Wer auf Ann Sophie („Black Smoke“) gewettet hatte, war Exot. Deutschland war mit ihr ESC-Schlusslicht.

2014 war der Armenier Aram als großer Favorit gehandelt worden. Aber er stürzte nach diversen fragwürdigen Statements ab und hatte mit dem Sieg am Ende nichts mehr zu tun. Der umgekehrte Fall: Niemand setzte wenige Monate vor dem Finale 2014 auf Conchita Wurst. Wettquote: nicht nennenswert. Das änderte sich, je näher der ESC rückte. Und tatsächlich gewann die Österreicherin den Wettbewerb. 2012, 2013 und 2014 trafen die Wettquoten übrigens exakt auf die späteren Sieger zu.

Fazit: Wetten bleibt ein Glücksspiel, die Quoten sind so belastbar wie dünnes Eis. Manchmal liegen die Spieler voll daneben, andere Male landen sie Volltreffer. Also am besten die Quoten nicht allzu ernst nehmen und den Abend genießen.

Gegen 20 Uhr ist die Gästezahl vierstellig. Die Zuschauer sitzen sommerlich gekleidet mit Eis und Limo auf der Mauer. In Garbsen liegt das Duo natürlich vorne: Rund 1200 Besucher sind da, als Carlotta und Laurita auf viertem Startplatz auf die Bühne gehen. Schon beim Vorspann laufen Kameras, kaum einer spricht noch. Drei Minuten Spannung. Klappt alles? Wie kommen sie rüber? Als in Tel Aviv Jubel zu hören ist, schlägt das sofort die Brücke nach Garbsen. Applaus, Arme sind in der Luft, vereinzelt sogar Jubelrufe. „Das haben sie doch toll gemacht, ich fand es gut“, sagt Regina Bardt. „Acht von zwölf Punkten“, meint eine andere Besucherin. Sie hat einen anderen Favoriten. Dann heißt es warten auf die Abstimmungen bis um 0.30 Uhr.

George Bush hat ein Video von Carlotta Truman

Carlotta Truman ist heute ein Bühnenprofi. Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Dafür hatte sie schon ihren unverwechselbaren Esprit und Charme, zu sehen in einem YouTube-Clip von 2009, der es bis zu Regierungschef Helmut Kohl und den Präsidenten George Bush und Michail Gorbatschow geschafft hat.

Ob er am Sonnabend das ESC-Finale auf dem Rathausplatz verfolgen wird, weiß Hartmut Büttner noch nicht. In jedem Fall wird Garbsens Ratsvorsitzender Carlotta Truman die Daumen drücken. „Ich kenne sie ja noch von ihren musikalischen Anfängen“, sagt er.

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Büttner erinnert sich an die Zeit vor zehn Jahren. Anlässlich des Termins 20 Jahre Mauerfall hatte der Chor „Kidz of Horst“ aus Garbsen zum Lied „Break Down the Walls“ ein Musikvideo aufgenommen. „Eine muntere Truppe von Kindern und jungen Menschen war zu sehen, Carlotta war ganz vorne mit dabei.“ Die Aufnahmen entstanden weitgehend in den Stadtteilen Auf der Horst am Hérouville-Platz und Berenbostel/Auf dem Kronsberg, „obwohl sie in Ostberlin spielen sollen“, erzählt Büttner.

Carlottas Mutter Kimberley Truman hatte Büttner damals gebeten, seine politischen Verbindungen zu nutzen, um je ein Exemplar von „Break Down the Walls“ zum Dank an Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush weiterzuleiten. „Das war gar nicht so leicht, hat aber letztlich geklappt.“ Schon damals sei Carlotta sehr begabt gewesen, sagt Büttner. „Ihr weiterer künstlerischer Weg baut sicherlich auf diese Zeit auf.“ ton

Erste Punkte werden frenetisch bejubelt

„Was?“ und „Nein!“ und „Buh“ schallt über den Platz, als nationale Jurys keine Punkte für S!sters geben. Die ersten zwei Punkte aus Irland werden frenetisch bejubelt, so frenetisch, wie das die letzten 150 durchgefrorenen Zuschauer auf dem Platz noch bejubeln können. Bei fünf Punkten aus Litauen trommeln einige noch auf den Tischen. Als Null Publikumspunkte auf dem Konto von S!sters eingehen, ist die Luft raus. Abgeschlagen. Platz 24. Schade.

Grahl: Sie haben einen tollen Job gemacht

Darian Tabatabaei, Studienfreund von Carlotta, sagt: „Das ist natürlich sehr enttäuschend für uns und für die beiden. Aber ich meine ganz objektiv, sie haben ihren Auftritt sehr gut gemacht. Sie können mit einem Siegergefühl nach Hause kommen, weil sie es so weit geschafft haben und es so gut gemacht haben.“

„Ja, so ist es jetzt. Ich kann das Ergebnis nicht nachvollziehen – null Publikumspunkte“, sagt Garbsens Bürgermeister Christian Grahl und nimmt es sportlich. „Egal, sie haben einen richtig tollen Job gemacht. Ich fand den Auftritt klasse. Wir werden sie hier gebührend einladen, vielleicht zum Stadtfest. Hey, sie haben vor 170 Millionen Zuschauern gesungen – eine Garbsenerin vor Weltpublikum. Großer Respekt.“

Damit endet der lange Abend auf dem Rathausplatz. Das Kompliment an die Stadt kommt von vielen Besuchern, weil sie und ihre Partner ein solches Event so kurzfristig aufgestellt haben. „Sehr angemessen, vielen Dank“, sagt eine Zuschauerin, wickelt sich den Schal um den Hals und radelt nach Hause.

Das meinen Besucher zum Public Viewing

Marina Schmidt hält es für großartig, „wenn man seine Träume lebt“. Gemeinsam mit Ehemann Horst genießt sie das Public Viewing und erinnert sich an einen live Auftritt vor ein paar Jahren. „Carlottas Stimme ist noch besser geworden“, meint Horst Schmidt und hofft, dass das die Juroren auch so sehen werden.

Inga Koch: „Ich bin jetzt einfach nur gespannt.“ Quelle: Patricia Chadde

Inga Koch wohnt unweit des Rathausplatzes und lässt sich die Party natürlich nicht entgehen. „Manche sagen ja, dass die Chancen von S!sters nicht so toll sind, aber ich drücke unseren beiden Sängerinnen ganz fest die Daumen! Möglicherweise ist das Lied nicht perfekt für den ESC-Wettbewerb, aber ich bin jetzt einfach nur gespannt und genieße die besondere Stimmung.“

Familie Wassermann drückt die Daumen. Quelle: Patricia Chadde

Lenja (7) gehört zu den jüngsten Gästen der Veranstaltung. Aber zu so einem besonderen Ereignis dürfen die Kinder auch mal länger aufbleiben, meinen ihre Eltern Linda und Tobias Wassermann. Natürlich sind die beiden Jungs Tizian (10) und Finjas (11) mit von der Partie und staunen über die besondere Stimmung auf Garbsens Rathausplatz.

Katrin und Validin Mehnedovic: „Garbsen hat 12 Points verdient.“ Quelle: Patricia Chadde

Katrin und Validin Mehnedovic sind zwar ganz normal gekleidet, finden aber Solidarität wichtig. „Natürlich zählen wir auf den deutschen Beitrag. Das Public Viewing hat bei den beiden Garbsenern jedenfalls schon vor dem ESC-Beginn zwölf Punkte errungen. „Klasse Sache“, sagt Katrin Mehnedovic.

Annette und Christina aus Altgarbsen. „Wir sind seit den Voice Kids glühende Fans." Quelle: Patricia Chadde

Annette und Christina aus Altgarbsen lieben Carlotta Truman. „Wir sind seit den Voice Kids glühende Fans“, berichtet Christina. Für die beiden Zuschauerinnen sind S!sters schon durch ihre Teilnahme die Allergrößten. „Egal, was die anderen denken oder sagen“, sagt Annette.

Von Markus Holz und Patricia Chadde