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Garbsen Großbrand bei US Sports: „Die Kinder leiden bis heute“
Umland Garbsen

Ein Jahr nach Großbrand bei US Sports in Garbsen: Beteiligte erinnern sich

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00:15 07.06.2019
Ein Jahr nach dem Großbrand bei US Sports steht der damalige Einsatzleiter Ingo Reckziegel an der Einsatzstelle. Quelle: Gerko Naumann/Christian Elsner (Archiv)
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Berenbostel

Ingo Reckziegel weiß noch genau, was er am Nachmittag des 2. Juni 2018 eigentlich vorhatte. Der Berenbosteler Ortsbrandmeister saß in seinem Auto und war auf dem Weg nach Meyenfeld, wo an diesem Tag ein Wettkampf der Jugendfeuerwehren aus Garbsen ausgetragen wurde. Dann kam die Nachricht über einen Einsatz im Spieleparadies US Sports an der Straße Im Bahlbrink herein, das Stichwort lautete „Flachdachbrand“. Was Reckziegel zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte: Nur kurze Zeit später war er als Einsatzleiter für einen der größten Einsätze in der Geschichte der Feuerwehren in Garbsen verantwortlich.

Bis zu 250 Feuerwehrleute waren am 2. und 3. Juni 2018 bei einem Großbrand in Garbsen im Einsatz. Damals brannten die Freizeithalle US Sports und das Wohnhaus der Betreiber ab.

„Als wir vor Ort eintrafen, kamen bereits Rauchschwaden aus dem Dach“, erinnert sich Reckziegel. Die breiteten sich schnell aus und wurden zudem immer dunkler. Entstanden war der Brand offenbar bei Schweißarbeiten auf dem Dach. Zunächst vergewisserten sich die Einsatzkräfte, dass sich keine Menschen mehr im Gebäude befanden. Gleichzeitig begannen sie mit den Löscharbeiten. „Schon wenige Minuten später stand das gesamte Gebäude in Flammen“, sagt Reckziegel – ein Anblick, den auch erfahrene Feuerwehrleute nicht jeden Tag zu sehen bekommen.

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Bis zu 250 Feuerwehrleute im Einsatz

Schnell wurden immer mehr Rettungskräfte angefordert. Bis zu 250 Helfer aller Ortsfeuerwehren aus Garbsen und der Berufsfeuerwehr aus Hannover gaben ihr Bestes, um zumindest die angrenzenden Gebäude zu retten. „Das ist uns zum Glück gelungen, es war aber ziemlich knapp“, sagt Reckziegel. Die gesamte Freizeitanlage selbst und das angrenzende Wohnhaus der Betreiber brannten dagegen nieder. Grundsätzlich hatte die Feuerwehr die Flammen nach etwa zwei Stunden im Griff, erklärt Reckziegel. Der Einsatz zog sich aber dennoch bis in die frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages hin. „Wir haben mit Baggern immer wieder Teile umgedreht, um weitere Brandnester zu finden und zu löschen“, sagt Reckziegel. Die Nachlöscharbeiten zogen sich sogar noch Tage lang hin.

Wasser aus See abgepumpt

Für den Einsatzleiter und sein Team war es eine Nacht voller Herausforderungen, sagt Reckziegel im Rückblick. Das fing schon damit an, genug Löschwasser für einen Brand dieser Größe aufzutreiben. „Das Wasser aus den Hydranten in der Umgebung hätte nicht gereicht. Deshalb haben wir zusätzliches Wasser aus dem Schwarzen See und einem Regenrückhaltebecken abgepumpt“, sagt der Ortsbrandmeister. Das habe aber gedauert, weil erstmal Schläuche über die Strecke verlegt werden mussten. Ein anderes Problem, das mitten in der Nacht auftauchte, war der Mangel an Toiletten für die Helfer. „Tagsüber konnten wir in das nahe Restaurant Kalimera gehen, nachts bestand diese Möglichkeit nicht mehr.“ Sehr gut habe dagegen die Abstimmung der Feuerwehren untereinander und mit anderen Organisationen wie dem Roten Kreuz und dem Technischen Hilfswerk funktioniert.

Froh ist Reckziegel heute vor allem, dass alle beteiligten Kinder körperlich unverletzt aus dem Gebäude herausgekommen sind. Er erinnert aber auch daran, dass eine Feuerwehrfrau aus Meyenfeld bei dem Einsatz verletzt worden ist. Sie brach sich das Wadenbein. Für den Einsatzleiter selbst endete die lange Nacht erst gegen 6 Uhr am Sonntagmorgen. Er fuhr nach Hause, duschte, legte sich ins Bett. Viel Schlaf bekam er aber nicht. Schon gegen Mittag wurde Reckziegel von seinem Pieper wieder geweckt – und fuhr zurück zum Einsatzort.

So sah es in den Tagen und Wochen nach dem Brand auf dem Gelände von US Sports in Garbsen aus. Quelle: Gerko Naumann

So ging es für den Betreiber weiter

Vor einem Jahr stand André Metzner vor einem Trümmerhaufen – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Eigentümer und Betreiber von US Sports hatte durch das Feuer in der Freizeithalle die Grundlage seiner beruflichen Existenz verloren. Und noch mehr: Auch sein Wohnhaus brannte bis auf die Grundmauern ab. „Ich besitze nur noch die Klamotten, die ich trage“, sagte er damals bei einem Rundgang über die Ruine. Einige Wochen später hatte der 60-Jährige trotz des schweren Schicksals wieder Mut gefasst. Er berichtete, dass er vorhabe, die Anlage wieder aufzubauen. Sogar einen Termin für die Eröffnung hatte er schon im Kopf, sie war für den Herbst dieses Jahres geplant.

Schon einige Monate später nahm Metzner von diesem Plänen jedoch wieder Abstand. Es hatte sich seiner Ansicht nach herausgestellt, dass sich ein möglicher Wiederaufbau weitaus komplizierter gestalten würde als gedacht. Deshalb hat er das Grundstück verkauft. Was dort in Zukunft passieren soll, ist nicht bekannt. Metzner selbst kündigte an, zusammen mit seiner Frau ein Haus in Garbsen kaufen zu wollen und plante eine Reise nach Australien oder Neuseeland.

„Die Kinder leiden bis heute“

Selbst erfahrene Feuerwehrleute sehen also nur selten so große Brände wie den bei US Sports. Wie also sollen Kinder, die eigentlich einen vergnüglichen Tag auf der Anlage verbringen wollten, diese Bilder verarbeiten? Eine Gruppe von zwölf Jungen und Mädchen aus Garbsen war in der Halle, um einen Geburtstag zu feiern, als das Feuer ausbrach. Bärbel Wischnewski aus Horst, Mutter eines der Kinder, begleitete sie. Die gelernte Erzieherin erinnert sich, dass alles ganz harmlos mit ein bisschen Rauch begann. „Wir dachten, das gehört zu einer Nebelshow und haben uns erst keine Sorgen gemacht“, berichtet sie. Doch schnell wurde der Rauch dunkler und plötzlich liefen Mitarbeiter hektisch mit Feuerlöschern umher. „Da haben wir uns schnell alle Kinder und Klamotten gegriffen und das Gebäude verlassen“, sagt Wischnewski.

Nur Minuten später stand das gesamte Gebäude in Flammen und stürzte nach und nach ein – und die Kinder und Begleiter mussten alles mit ansehen und -hören. „Alle haben panisch geschrien und geweint, das habe ich so noch nie erlebt“, sagt die Erzieherin. Die Situation war unübersichtlich. Inzwischen verständigte Eltern durften das Gelände nicht betreten, die Gruppe um Wischnewski nicht nach Hause fahren. „Wir wurden alle in Krankenhäuser gebracht und untersucht.“ Das Ergebnis: Körperliche Folgen hat niemand der Beteiligten davongetragen. Aber schon vor Ort wiesen Polizisten und Ärzte Wischnewski und andere Erwachsene darauf hin, dass ein so einschneidendes Erlebnis psychische Folgen nach sich ziehen kann.

Nachts kommen die Alpträume

Und das hat sich jetzt – ein Jahr später – leider als wahr erwiesen, berichtet Wischnewski. Mehrere der Kinder, die das Feuer damals miterlebt haben, seien deshalb inzwischen bei Therapeuten in Behandlung. „Die Kinder leiden bis heute“, sagt die Horsterin. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass sie Feuer oder Menschenansammlungen meiden oder nachts mit Albträumen aufwachen. „Wir hoffen, dass sie die schlimmen Bilder mit professioneller Hilfe besser verarbeiten können“, sagt Wischnewski.

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Von Gerko Naumann