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Garbsen Hunderte feiern 15 Jahre Sozialprojekt Neuland
Umland Garbsen Hunderte feiern 15 Jahre Sozialprojekt Neuland
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00:18 26.09.2018
Seifenblasen gehen immer: Renate Premke hat literweise Spülmittel samt Wasser für die Aktion zum Franziskusfest vorbereitet. Quelle: Jutta Grätz
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„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“, singen die Jungen und Mädchen in knallbunten Zelt am Franzikusweg. Musikschulleiterin Evelyn Jagstaidt begleitet das Geburtstagslied auf der Gitarre. Kai Schiewek, Bärbel Smarsli, Christian Voigtmann, Kathrin Osterwald, Marc Müller-de Buhr, Ronald Brantl, Gabriele Brand – viele, die die Neuland-Geschichte mit geschrieben haben, sind am Sonnabend zur 15-Jahr-Feier des ökumenischen Sozialprojekts gekommen. Nicht nur sie wollen feiern: Auch viele Bewohner des Quartiers, Neuland-Verbunde, Ehrenamtliche und Politiker wollen bei diesem besonderen Moment dabei sein.

Initiatoren, Ehrenamtliche, Bewohner des Quartiers – viele, die die Neuland-Geschichte mit geschrieben haben, kamen am Sonnabend zur 15-Jahr-Feier des Sozialprojekts. Im Mittelpunkt stand die Begegnung.

Für die Geburtstagsgäste gibt es nicht nur Torte, sondern ein Büffet mit Spezialitäten aus aller Welt, zubereitet von den Frauen des Internationalen Neuland-Frauentreffs. Auf dem Platz zwischen Silvanus-Gemeindehaus, Wendehammer und Krippenhaus leuchten Geburtstagskerzen. Integrationslotsin Renate Premke hat literweise Seifenlauge zubereitet, um riesengroße Seifenblasen steigen zu lassen. Die Diakone Ronald Brantl und Sebastian Schulze testen die Geschicklichkeit der Besucher beim Fahradparcours und die Kinder lassen sich Glitzertattoos auf die Arme kleben.

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Neuland schafft Raum für Begegnung

Als Königin über den roten Teppich laufen, auch das geht bei der Feier, die kurzerhand mit dem diesjährigen Franziskusfest der katholischen Gemeinde St.Raphael zusammengelegt worden ist. Alif und Nagrin können sich kaum entscheiden, welches der Kostüme aus dem Verkleidekoffer sie anziehen wollen. Ein Foto hält den Moment fest. „Du machst den Kronsberg bunt“ heißt die Aktion, die symbolhaft steht für diesen Nachmittag im Quartier. „Das Projekt Neuland schafft noch immer Raum für Begegnung“, sagt Voigtmann, ehemaliger Silvanus-Pastor und Mitinitiator. „Ich freue mich, dass hier noch immer beide Kirchen gemeinsam für die Menschen arbeiten.“

Diese Begegnung ist auch für Najeeb Hazem etwas Besonderes. Der 30-Jährige, vor 15 Monaten aus Afghanistan nach Garbsen gekommen, verteilt ein Kochbuch an Ehrenamtliche – als Dank für ihre Arbeit, wie er sagt. Hazem ist Webdesigner und hat das Buch aus den Rezepten gestaltet, die die Neuland-Engagierten beim städtischen Freiwilligentag im Mai gekocht haben.

Das Miteinander bestimmt auch das Ende des Festes: Nicht wie geplant als Menschenkette draußen, sondern im Zelt stehen die Gäste Hand in Hand. Geschützt vor dem kräftigen Regenschauer singen sie mit „Aufstehen, aufeinander zugehen“ und lassen den Weltkugelball kreisen. Glückwunsch, Neuland.

Das sind unsere Begegnungen mit Neuland

Kai Schiewek war von 2003 bis 2013 das Gesicht des Sozialprojekts Neuland. Quelle: Jutta Grätz

„Ich wollte für und mit Menschen arbeiten“

Projektkoordinator und SozialarbeiterKai Schiewek war zehn Jahre lang das Gesicht von Neuland. Bei seinem Abschied 2013 dankte ihm der damalige Pfarrer von St. Raphael, Benno Nolte, für zehn Jahre Dienst mit „Herz, Leib und Seele.“ „Meine persönliche Geschichte ist ganz eng verknüpft mit Neuland“, sagt Schiewek. „Die Arbeit für Neuland war meine erstes Projekt nach der Uni.“ Nicht mit Einzelfällen oder einer bestimmten Klientel wollte der studierte Sozialpsychologe arbeiten, sondern im sozialen Raum, in möglichst unterschiedlichen Projekten. „Ich wollte immer für Menschen und mit den Menschen arbeiten.“ Als Bärbel Smarsli, Christian Voigtmann und Robert Kulle von der Wohnungsbaugesellschaft GBH ihn gefragt hätten, ob er in diesem sozialen Brennpunkt arbeiten möchte, habe er sofort zugesagt. „Und ich habe nie wieder so viel Freiraum gehabt, ein Projekt zu gestalten, wie hier“, betont Schiewek.

Engagiert für Neuland: Agnes Wirth hilft ehrenamtlich bei Projekten wie der Hausaufgabenhilfe und gibt Deutschkurse für Geflüchtete. Quelle: Jutta Grätz

„Es zählt nur die praktische Hilfe“

Von der Hausaufgabenhilfe bis zu Deutschkursen für Geflüchtete: Agnes Wirth engagiert sich vielfältig ehrenamtlich – nicht nur bei Neuland. In der Silvanus-Gemeinde hat sie auch schon einmal bei einer Aktion die Polsterstühle im Kirchraum gereinigt – mit Glasreiniger, das ist ein Geheimtipp. Die 68-jährige ehemalige Lehrerin unterstützte seit 2011 zweimal wöchentlich Schulkinder aus dem Quartier bei ihren Hausaufgaben und beim Lernen für Klassenarbeiten. Seit 2014 gibt sie Deutschkurse bei Neuland – für Geflüchtete. „Wir unterscheiden nicht, ob sie eine Bleibeperspektive haben oder wieder zurück in ihre Heimat müssen“, sagt sie. „Es zählt nur die praktische Hilfe.“ Zu ihren Schüler gehören auch viele traumatisierte Menschen. „Die Begegnung mit ihnen hat mich sehr beeindruckt“, sagt Wirth. Unvergessen seien das erste Lachen oder die erste Umarmung, mit der diese Menschen nach vielen Unterrichtsstunden sie begrüßt hätten. jgz

Er schraubt, ölt und bringt Menschen zusammen: Ronald Brantl hat seit 2014 die Fahradwerkstatt im Gemeindehaus der Silvanus-Gemeinde ausgebaut. Quelle: Jutta Grätz

„Die Bereitschaft zu spenden ist beeindruckend“

Ronald Brantl hat geschraubt, geölt, Schläuche repariert. Der Diakon hat seit 2013 die Neuland-Fahrradwerkstatt ausgebaut – „Neuerfahrland“ heißt das Mikroprojekt. „Zuerst haben wir Ersatzteile, Schläuche und die uns gespendeten Fahrräder noch im Nachbarschaftsladen untergebracht“, sagt Brantl. Seit einigen Jahren dient der ehemalige Jugendraum der Silvanus-Gemeinde als Werkstatt. „Ich bin immer wieder überrascht, wie viele uns Räder spenden“, sagt er. Eine Geschichte sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. Bei einer 90-jährigen Dame aus Altgarbsen habe er einmal sogar vier Räder abholen dürfen, erzählt Brantl. „Alle waren fahrbereit, sogar das älteste aus den Dreißigerjahren, ein Original NSU-Fahrrad.“ Vor Kurzem hat der neue Silvanus-Diakon Sebastian Schulze das Projekt übernommen. Die Fahradwerkstatt öffnet künftig 14-tägig freitags von 17 bis 19 Uhr und wieder am 28. September. jgz

Von Jutta Grätz