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Garbsen Brexit: Garbsenerin will die doppelte Staatsbürgerschaft
Umland Garbsen Brexit: Garbsenerin will die doppelte Staatsbürgerschaft
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00:16 29.04.2019
"Wir hängen in der Luft": Marcelle Perks (Mitte) lebt seit 2001 in Deutschland. Wegen des Bexits macht sie einen Einbürgerungstest.
"Wir hängen in der Luft": Marcelle Perks (Mitte) lebt seit 2001 in Deutschland. Wegen des Bexits macht sie einen Einbürgerungstest. Quelle: Linda Tonn
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Garbsen

Im Januar 2019 entschloss sich Marcelle Perks noch einmal die Schulbank zu drücken. Obwohl die Britin seit 18 Jahren in Deutschland lebt, buchte sie den Kurs „B1 – Deutsch als Fremdsprache“ an der Volkshochschule in Garbsen und paukte Grammatik, Zeichensetzung und Vokabeln. „Ich hatte Glück, dass ich noch einen Platz bekommen habe“, sagt die 49-Jährige. Die meisten Kurse seien voll gewesen. Bei der Anmeldung traf sie auch viele Briten – aus Celle, Hildesheim und Springe. „Wegen des Brexits beantragen derzeit viele Briten die deutsche Staatsbürgerschaft. Dafür muss man einen Deutschkurs vorweisen.“ Und auch für den anschließenden Einbürgerungstest seien die Plätze derzeit sehr begehrt und schnell vergeben.

Zahl der Einbürgerungen von Briten steigt

Die Zahl der Einbürgerungen von Briten in Deutschland hat angesichts des bevorstehenden Brexits in den ersten drei Monaten 2019 in Niedersachsen einen Höchststand erreicht. Dies geht aus einer Umfrage des Europaministeriums bei zehn Städten hervor. Demnach ließen sich bis Ende März in den befragten Städten insgesamt 297 Briten einbürgern, im gesamten Vorjahr waren es 241 Briten.

In fünf Städten lag die Zahl der Einbürgerungen von Briten im ersten Quartal 2019 etwa so hoch wie im gesamten Jahr 2018. In der Landeshauptstadt Hannover ließen sich 2018 insgesamt 54 Briten einbürgern, in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 92. Damit setzt sich ein Trend fort, der 2016 – im Jahr des Brexit-Referendums – begann. 2015 hatten sich landesweit nur 63 Menschen britischer Herkunft einbürgern lassen, 2016 waren es 295 und 2017 bereits 672.

Nach dem Scheitern des Brexit-Abkommens hatte Niedersachsens Europaministerin Birgit Honé (SPD) im Januar die Briten im Land dazu aufgerufen, spätestens bis zum ursprünglichen Datum des Brexits am 29. März die doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen. Der EU-Austritt soll nun bis zum 31. Oktober über die Bühne gehen. ton

Perks, die seit 2001 in Garbsen lebt und als freiberufliche Schriftstellerin arbeitet, will sicher gehen, dass sie auch weiterhin ausweisen und frei bewegen kann. Auch wenn es zum sogenannten no-Deal-Brexit kommt – also einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ohne Vertrag und klare Regeln. „Ich möchte meine britische Staatsbürgerschaft natürlich behalten“, sagt sie. „Aber mit einem zweiten Pass fühle ich mich sicherer. Denn derzeit wissen wir gar nicht, was eigentlich gilt.“ Die deutschen Behörden hätten sie über diese Möglichkeit informiert. „Aus Großbritannien erfahren wir derzeit überhaupt nichts. Bis dort alles entschieden ist, hängen auch wir Briten im Ausland in der Luft.“ Perks befürchtet, dass sie von einem auf dem anderen Tag ihre Rechte verlieren könnte. An den Tag nach dem Referendum im Juni 2016 kann sich die Garbsenerin noch genau erinnern: „Ich war in England und alle waren schockiert. Selbst die Politiker hätten nicht gedacht, dass die Menschen für den Austritt aus der EU stimmen würden.“ Was bis dahin nur auf riesigen roten Werbebussen gestanden hatte, wurde plötzlich real. Und bei Perks und vielen Briten im Ausland kamen die Fragen auf. Zum Beispiel, ob ihre Kinder Scarlet und Eric nach wie vor ohne Probleme zu den Großeltern fliegen können, was mit dem Bankkonto in England sein wird, ob die Lebensversicherung noch gültig ist. „Plötzlich machen Kleinigkeiten, über die man sich im Alltag gar keine Gedanken macht, den Unterschied“, sagt Perks. „Viele Dinge müssen noch geklärt werden. Und dass es in Großbritannien zu keiner Einigung kommt, nervt.“

Auch deshalb hat die Mutter von zwei Kindern viele Dokumente gesammelt, Geburts- und Heiratsurkunde übersetzen lassen und alles bei der Ausländerbehörde eingereicht. Knapp 800 Euro hat sie die Einbürgerung bislang gekostet. Von den 33 Fragen des Einbürgerungstests habe sie 31 richtig beantwortet, sagt sie. Dafür hat sie sich extra ein Lehrbuch gekauft und gebüffelt. „Ich hoffe, dass es jetzt klappt und ich bald einen deutschen Pass in den Händen halte“, sagt die Autorin. Auch aus praktischen Gründen kann sie das Dokument jetzt gerade gut gebrauchen. „Ich bin im Mai in Bristol zu einem Krimifestival eingeladen und soll den Schriftsteller Steve Mosby vorstellen“, sagt die 49-Jährige. Wie gerne würde sie ein paar seiner Bücher in der Garbsener Stadtbibliothek ausleihen. „Doch die wollen einen Ausweis mit Adresse – und den habe ich gerade nicht.“

Von Linda Tonn