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Garbsen Warum Heinrich Deike aus Heitlingen Historisches sammelt
Umland Garbsen

Garbsen: Darum sammelt Heinrich Deike aus Heitlingen Historisches

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17:55 04.01.2022
Unter der Brakelmann-Mütze stecken viele Erinnerungen: Heinrich Deike (75) verbringt viel Zeit in seiner Sammlung.
Unter der Brakelmann-Mütze stecken viele Erinnerungen: Heinrich Deike (75) verbringt viel Zeit in seiner Sammlung. Quelle: Markus Holz
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Heitlingen

Es gibt eine Maschine, die begleitet Heinrich Deike Zeit seines Lebens. Es ist ein Elektromotor, Baujahr 1919. Bis in die Sechzigerjahre diente er auf dem Heitlinger Hof Deike zum Antrieb von Schrotmühle und Dreschmaschine. Ausgemustert mit Defekt, aber aufbewahrt und repariert, ist er heute ein Schätzchen in der fast noch geheimen Sammlung historischer Lieblingsstücke von Heinrich Deike. Hebel umlegen, und der Motor schnurrt fast wie am ersten Tag.

Liebhaberstücke und Historisches, liebevoll ausgestellt: Das ist die Sammlung von Heinrich Deike in Heitlingen.

Kaum jemand kennt die Sammlung

Die Mangel mit Handkurbel, Milchzentrifuge und Butterfass, Werkzeuge und Leinenwäsche: Was Deike zusammengetragen und aufbewahrt hat, lässt sich in zwei Stunden nicht aufnehmen. Erzählt er die Geschichten zu manchen Stücken, werden es schnell drei Stunden. Sein Schauraum oder, wie er es nennt, das „Heimatmuseum Heitlingen“ ist etwas größer als eine Doppelgarage. Es ist das Zuhause einer einzigartigen Privatsammlung, die bisher kaum jemand kennt.

Der Museumsbau begann 2018

Deike kann sich schlecht von Altem trennen. Er sammelt Zeit seines Lebens Geräte und Gegenstände, die irgendwie mit seinem Leben auf dem Dorf zu tun haben. Der gelernte Landwirt ist auf dem Hof Am Brinke 1 aufgewachsen. Er hat ihn betrieben und ihn später stillgelegt, als Milchviehhaltung und Schweinemast nicht mehr rentabel waren. Für sein Museum hat er ab 2018 einen Teil des Stalls ausgebaut. Als Tischler Schmerer mit seiner Werkstatt dort auszog und Deike beileibe nicht an einen Autoschrauber vermieten wollte, montierte er Trockenbauplatten, ließ Elektrik legen und begann, Gesammeltes vom Dachboden und aus Nebengebäuden ordentlich sortiert aufzubauen.

94 Wappen aus der Herrenhäuser Brauerei

Diese handgemalten Wappen stammen aus der Herrenhäuser Brauereigaststätte. Quelle: Markus Holz

Das schönste Dekorationselement ist durch Zufall auf den Hof gelangt. Es stammt aus der 1990 abgerissenen Herrenhäuser Brauereigaststätte. 93 Wappen norddeutscher Städte, alle handgemalt auf Pressholz, sind der Bilderkranz an den vier Wänden. Der Koch der Gaststätte hatte sich vor dem Abriss um die Wappen beworben und sie bei Deike gelagert. Kurz vor seinem Tod rief er seinen Lagervermieter an und sagte: „Das kannst du alles haben.“ Deike sichtete viele Jahre später die drei Meter langen Platten, auf denen die Wappen montiert waren, schleppte sie vom Dachboden ins Museum, löste die alten Schrauben und begann in schweißtreibender Handarbeit, alles neu zu arrangieren. Das hat nichts mit Heitlingen zu tun, trotzdem bringen die Wappen etwas Heimatliches in die Stube.

Dokumente aus dem Alltagsleben

Wer in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit Landwirtschaft zu tun hatte, wird viel Bekanntes entdecken. Alles ist tipptopp in Schuss. An den aufgeringten Torfbriketts lehnt ein Torfspaten. Antriebsriemen und Riemenklammern sind an der Wand montiert. Der Strohhäcksler und die Abfüllmaschine für Kartoffeln könnten sofort wieder in Betrieb gehen. Und die alte Melkmaschine dürfte bei älteren Besuchern sofort wieder das saugende Geräusch in Erinnerung rufen. Jeden Tag zweimal, und die Blechkannen standen auf der Milchbank an der Straße schräg gegenüber vom Gasthaus Michler. Das hat wieder sehr viel mit Heitlingen zu tun. Denn das war Alltag.

Viele Stücke stammen vom eigenen Hof, andere von Verwandten, Nachbarn und Freunden. Weniges ist dank Ebay ergänzt, so wie der Kinderwagen. „In genau so einem Wagen habe ich gelegen“, sagt der 75-Jährige. „Meiner ist weg, dieser war in Ricklingen für 65 Euro inseriert.“ Auf dem Wagen liegt ein Foto von Heinrich Deike als Kind, das macht es noch ein bisschen authentischer.

„Das Wissen über früher geht verloren“

Für Deike ist das fast alles Kulturgut. Er hegt, pflegt und repariert – und sammelt unermüdlich weiter, obwohl kaum noch ein Quadratzentimeter Platz ist. „Die Jugend heute kann fantastisch mit dem Smartphone umgehen, aber wie das Leben hier vor 60, 70 Jahren war, das kann sich doch keiner vorstellen – Korn dreschen, Butter und Wurst machen, Wäsche mangeln. Das Wissen geht verloren“, sagt Deike. Auch darum betreibt er diesen Aufwand. Bei ihm wird Dorfleben anfassbar und begreiflich.

Das Wagenrad und die Schmiedeschürze stammen noch aus der Schmiede von Deikes Großvater August Paß. Quelle: Markus Holz

Damit das Wissen erhalten bleibt, will Deike seine Heimatstube 2022 öffnen. Corona hat das bisher verhindert. Seit 2019 kommen zwar schon vereinzelt Besucher, weil es sich langsam herumspricht. Zuletzt waren im Oktober Heitlinger Turnerfrauen bei ihm zu Gast. Aber im Gästebuch sind erst fünf Seiten beschrieben. Jugendfeuerleute würde der langjährige Maschinist der Heitlinger Feuerwehr gerne begrüßen, Konfirmanden oder auch Landfrauen, die Erinnerungen aufleben lassen wollen. Seine Sammlung könnte Gegenstand von Projektarbeiten an Grundschulen sein – Besucher müssten nur ausreichend Zeit mitbringen und die Älteren vielleicht einen Blechkuchen für das Kaffeekränzchen unter den 93 Wappen.

Heinrich Deike wohnt Am Brinke 1, 30826 Garbsen. Interessierte erreichen ihn unter Telefon (05131) 54032.

Von Markus Holz