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Garbsen Deutsche Einheit: Warum nennen Sie sich „Wossi“, Herr Büttner?
Umland Garbsen

Garbsen: Interview zur Deutschen Einheit: Hartmut Büttner, warum nennen Sie sich "Wossi"?

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12:08 03.10.2019
„Wir Deutschen müssen viel mehr miteinander reden“: Bis 2005 saß Büttner für einen ostdeutschen Wahlkreis im Deutschen Bundestag. Quelle: Sabine Gurol (Archiv)
Garbsen

Vor 30 Jahren fiel in Deutschland die Mauer zwischen Ost und West, vor 29 Jahren wurde am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit gefeiert. Das Ereignis hat das Land durcheinandergewirbelt – und hat auch in Garbsen einiges verändert: Seit 1990 sind Garbsen und Schönebeck in Sachsen-Anhalt Partnerstädte – und auch hier in der Stadt mussten Bürger die Überwachung durch die Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aufarbeiten.

Der Ratsvorsitzende Hartmut Büttner (CDU) hat leidenschaftlich die Annäherung zwischen Ost und West verfolgt und nach der Wiedervereinigung die Aufarbeitung der Stasi-Diktatur vorangetrieben.

Herr Büttner, was bedeutet der Tag der Deutschen Einheit für Sie persönlich?

Für mich war und ist die Wiedervereinigung meines Vaterlandes nach mehr als 40 Jahren Trennung die Erfüllung eines Lebenstraums.

Warum?

In meiner Jugend war ich in der alten Bundesrepublik Deutschland ein politischer Exot. Ich interessierte mich nicht nur für die Durchsetzung von Menschenrechten in fernen Ländern, sondern setzte mich besonders für Demokratie und Menschenrechte in der damaligen DDR ein.

Bei meinen Reisen mit Jugendgruppen in den kommunistischen Teil Deutschlands bin ich sogar zweimal kurzzeitig festgenommen worden. Ich habe die schreckliche Berliner Mauer und die Grenze durch Deutschland mit Minenfeldern, Todesstreifen und Schießbefehl noch bewusst miterlebt und mir immer gewünscht, dass das einmal ein Ende hat.

Hartmut Büttner – Zur Person

Hartmut Büttner wurde 1952 in Kolenfeld geboren und war nach Schule und Ausbildung zunächst als Fleischermeister tätig. 1969 trat er in die Junge Union, 1971 in die CDU ein. Ab 1974 war er zunächst Mitglied des Garbsener Stadtrates, 1990 wurde er dann für den Wahlkreis Magdeburger Börde in den Deutschen Bundestag gewählt.

In Bonn und Berlin war er unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Innenausschusses und Mitglied im Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Nach seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag im Jahr 2005 entdeckte Büttner in Opferakten von mittlerweile in Garbsen wohnenden Stasi-Opfern mehrere Stasi-Zellen in Garbsen.

1998 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. 2019 wurde er für seinen Einsatz für die Aufarbeitung der SED-Diktatur mit dem Sonderpreis des Karl-Wilhelm-Fricke Preises für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Seit November 2006 ist Büttner der Vorsitzende des Garbsener Stadtrates.

Schon in den Achtzigerjahren engagierten Sie sich als Ratsmitglied für eine Städtepartnerschaft von Garbsen mit Schönebeck in Sachsen-Anhalt, also in der DDR. Wie kam es dazu?

Als Fraktionsvorsitzender der damaligen CDU-Fraktion hatte ich dreimal den Antrag auf Partnerschaft von Garbsen mit einer Stadt in der DDR im Stadtrat gestellt. Dreimal wurde dieser Antrag vom Stadtrat einstimmig angenommen – dreimal hatten wir aber keine Chance. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) im Osten genehmigte nur einige wenige symbolische Partnerschaften, die ihr ins Konzept passten – zum Beispiel zwischen der Messestadt Hannover und der Messestadt Leipzig.

Erst nach dem Mauerfall fuhr eine Delegation mit Erika Böker (SPD), Heinz Landers (FDP) und Günther Heidkämpfer (CDU) in die DDR und schlug Schönebeck als Garbsens Partnerstadt vor. Im Juni 1990 wurde der Vertrag unterzeichnet.

Wie eng ist die Partnerschaft mit Schönebeck heute?

Gleich nach 1990 war die Euphorie recht groß und es gab relativ viele Begegnungen von Bürgern und von Vereinen. Das ist weniger geworden. Besonders bewährt hat sich die Partnerschaft allerdings in Krisensituationen, wie dem zweimaligen Elbehochwasser. Hier gab es neben dem Einsatz unserer freiwilligen Feuerwehren zahlreiche weitere Hilfsaktionen von Vereinen, Schulen und Einzelpersonen. Auch die beiden Städtepartnerschaftsvereine sind sehr aktiv.

Warum sind solche deutsch-deutschen Städtepartnerschaften immer noch wichtig?

Die Begegnungen zwischen Ost- und Westdeutschen sind sehr ungleich ausgerichtet. Etwa 98 Prozent der Ostdeutschen waren schon einmal im Westen. Umgekehrt sieht das allerdings recht traurig aus. Je weiter die Menschen von der ehemaligen Zonengrenze entfernt wohnen, desto geringer ist die Zahl der Besuche in der ehemaligen DDR. Von ihnen kennt höchstens jeder Vierte die schönen Landstriche in den neuen Bundesländern. Wie soll so ein Verständnis füreinander entstehen? Gut laufende Städtepartnerschaften können hier mithelfen, dass wir stärker in einen Dialog kommen.

Stichwort Dialog: Das Ergebnis der Wahlen in Brandenburg und Sachsen hat viele Menschen erschüttert. Verstehen wir im Westen die Menschen in Ostdeutschland oft nicht?

Die Ostdeutschen waren seit 1989 gewaltigen Veränderungen und Brüchen unterworfen. Es gab kaum einen Lebensbereich, der davon nicht betroffen ist. Hinzu kommt ein tief sitzendes Gefühl, nicht gleichberechtigt behandelt zu werden. 57 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse in Deutschland. Eine zu große Zahl von Führungsfunktionen im Osten sind von Menschen mit einer Westbiografie besetzt. Das muss man immer mitbedenken.

Sie kommen aus Garbsen, saßen aber für einen ostdeutschen Wahlkreis im Deutschen Bundestag. Wie kam es dazu?

In der Zeit der friedlichen Revolution war ich mit anderen mindestens einmal die Woche in Schönebeck und versuchte, die neuen demokratischen Gruppierungen nach Kräften zu unterstützen. Weil der eigentlich als Bundestagskandidat vorgesehene CDU-Abgeordneter der freigewählten Volkskammer unter Stasi-Verdacht geriet, wurde ich gebeten, einzuspringen. Ich erhielt bei der Nominierungsveranstaltung gleich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen. Bis 2005 habe ich den Wahlkreis Magdeburger Börde zuerst in Bonn und dann in Berlin vertreten.

Nach Ihrer Zeit im Bundestag haben Sie weiter intensiv für die Aufarbeitung der Stasi-Diktatur gekämpft und haben sogar ein Netz hier in Garbsen aufgedeckt. Ist Ihre Arbeit abgeschlossen?

Historische Aufgaben sind eigentlich niemals ganz abgeschlossen. Stasiopfer, die mittlerweile in Garbsen wohnen, half ich ihre Geschichte aufzuschreiben. Dazu gewährten sie mir Einsicht in ihre Opferakten. Quasi als Nebenprodukt entdeckte ich in den Unterlagen mehreren Spionagezellen der Stasi in unserer Stadt. Zum Beispiel in Heitlingen: Eine Familienzelle mit sechs Personen spionierte dort über 20 Jahre lang für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Das ist unfassbar.

Büttner (links) und Dieter Albrecht vom Verein Leselust tragen 2009 im ausgebuchten Cinestar Garbsen Auszüge aus der Dokumentation „Der lange Arm der Stasi reicht bis Garbsen“ vor. Die damalige thüringische Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen Hildigund Neubert hielt das Eingangsreferat. Quelle: Privat

Ihre politische Biografie haben Sie mit „Wossi“ überschrieben. Ein Lebensgefühl?

Ja, aber das ist wohl eher eine Wunschvorstellung. Ich fühle mich schon ein wenig als Mittler zwischen Ost (Ossi) und West (Wessi). Wir Deutschen tauschen uns zu wenig über unsere jeweiligen Biografien und Erfahrungen aus.

Sind die Grenzen zwischen Ost und West komplett aufgehoben?

Menschlich leider nicht. Die Menschen müssen viel mehr miteinander reden.

Von Linda Tonn

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