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Garbsen Grüner, weiblicher: Warum Jagen auch in Garbsen Trend ist – und wie sich das Image gewandelt hat
Umland Garbsen

Garbsen: Jagdschule Schloß Ricklingen hat mehr Zulauf

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12:08 05.01.2022
Nervosität auf dem Tontaubenschießstand: Jagdlehrer Dirk Grahn mit Schülerin Imke aus Hannover – beim letzten Üben vor der Prüfung.
Nervosität auf dem Tontaubenschießstand: Jagdlehrer Dirk Grahn mit Schülerin Imke aus Hannover – beim letzten Üben vor der Prüfung. Quelle: Simon Polreich
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Schloß Ricklingen

Immer mehr Deutsche zieht es mit Flinte und Büchse in Wald und Feld – keine Frage, Jagen liegt im Trend. Gleichzeitig findet ein Wandel statt. Die Jagd wird weiblicher und grüner. Warum das so ist, weiß Dirk Grahn. Der Leiter der Jagdschule Schloß Ricklingen ist seit seinem 20. Lebensjahr Jäger – und gleichzeitig Grünen-Mitglied der ersten Stunden. Anfang der Neunzigerjahre war das noch ein Widerspruch.

„Hopp“, sagt die junge Frau mit den blonden Haaren, der grünen Jacke und den dicken Ohrschützern. In der Hand hält die eher zierliche 28-Jährige eine schwere Flinte mit zwei Läufen. Auf ihr Kommando erhebt sich aus der Grube vor ihr eine leuchtend orangefarbene Scheibe und fliegt in die Heidelandschaft. Ein tiefer Knall zerreißt die Stille. Dann noch einer, und die Scheibe zerplatzt im trüben Winterhimmel. Treffer. Imke knickt den Lauf der Flinte gekonnt um, und zwei leere Hülsen fliegen rauchend aus dem Patronenlager. Ein bisschen Wilder Westen in der Heide.

Jagdschein verlangt Schülern viel ab

Tontaubenschießen auf dem Schießstand in Krelingen bei Walsrode. Es ist die Generalprobe, bevor es ernst wird. Morgen ist Prüfung – und Imke etwas nervös. „Blanke Panik“ nennt sie ihren Zustand. Fünf von 15 Tontauben muss sie mit Schrot treffen, dazu die Schießprüfung an der Büchse auf eine Reh- und Keilerattrappe. Und nicht zu vergessen die schriftliche und mündliche Prüfung in Sachen Theorie. Mehrere Wochenenden hat sie mit weiteren Jagdschülern auf dem Hof von Grahn gebüffelt, Tierarten erkennen, Naturschutz, Hege und die richtige Behandlung des erlegten Wilds gelernt. Der Stoff mit 2500 Fragen ist komplex. Nicht umsonst wird der Jagdschein auch das grüne Abitur genannt. „Ich habe gefühlt mehr gelernt als fürs richtige Abitur“, sagt die 28-Jährige.

Damit ist sie nicht allein. Der Zulauf an Jagdschülern ist gestiegen, das merkt Grahn deutlich. Da gibt es die klassischen Anwärter aus der Jägerfamilie, die mit Papa schon öfter mitgegangen sind. Dazu viele Angler, die sich auch für die Tiere über der Wasseroberfläche interessieren. „Und dann gibt es inzwischen ganz viele, die überhaupt nichts mit Jagd zu tun hatten, die Natur und das Draußensein für sich mehr entdeckt haben – und dieses Draußen nun besser verstehen wollen“, erzählt er. Nicht selten kommen sie aus der Stadt. Er ist jedoch froh darüber: „Je mehr einen Jagdschein haben, desto mehr tragen sie ihre Kenntnis nach draußen. Der Jäger bekommt ein anderes Standing.“

Dirk Grahn in der Jagdschule Schloß Ricklingen. Die Präparate im Hintergrund dienen der Ausbildung. In der Hand hält er eine Abwurfstange – ein Teil des abgeworfenen Geweihs eines Hirschs. Quelle: Simon Polreich

Ein anderes Standing – das haben Jäger inzwischen in der Partei Bündnis 90/Die Grünen, dessen Mitglied Grahn seit Jahrzehnten ist. Zu Gründungszeiten wurde er bei einem Parteitag von seiner Sitznachbarin noch angesprochen: „Bist du nicht Jäger?“, erzählt der Schloß Ricklinger. „Als ich das bejahte, flüsterte sie: ,Ich auch. Aber ich habe mich noch nicht getraut, es zu sagen‘“, erinnert sich Grahn mit einem Lachen. Doch auch auf der „anderen Seite“ eckte er an: „Alteingesessene Jäger haben früher gegrummelt: ,Da kommt der Grüne.‘“

Jagd gilt nicht dem Sonntagsbraten

Inzwischen gelten Jäger wie auch Angler als anerkannte Naturschützer. Doch auch die Tätigkeit der Herren und Damen mit der Flinte hat sich gewandelt. „Viel mehr Hege und Pflege, Anlegen von Blühstreifen, Bienenprojekte mit dem Nabu, das haben die Jäger in den alten Generationen so nicht gemacht. Doch die Zusammenhänge sind da: Wenn man kein Raubwild bejagt, kann man kein Niederwild haben. Mit Mink, Marderhund und Waschbär hatten die alten Jäger früher nichts zu tun.“ Grahn und Co. jagen diese sich ausbreitenden Räuber dabei nicht für den Sonntagsbraten – dafür sind die Tiere auch nicht geeignet –, sondern um immer seltener werdende Bodenbrüter wie das Rebhuhn und die Feldlerche zu schützen.

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Wildschweine sind eher schlau als dumm

Dennoch gehen Hege und Eigennutz oft auch Hand in Hand. Verwerflich ist das auf keinen Fall, findet auch Grahn. Aktuellstes Beispiel ist dabei wohl die explodierende Wildschweinpopulation in Deutschland. Gepaart mit der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest werden die Jäger inzwischen immer dringender aufgerufen, die Zahl der Schweine zu reduzieren. „Doch anders als in der Redensart ist die Sau alles andere als dumm“, weiß Landwirt und Jäger Grahn, der selbst schon erlebt hat, wie die Schweine ein Maisfeld von innen nach und nach ausgehöhlt haben, sodass der Bauer von außen nichts vom Schwund bemerkte. Wildschweine sind scheu, schlau und wehrhaft. Und sie wissen offenbar genau, wo der Jäger sie schwer erreichen oder schießen kann, hat Grahn oft bemerkt. „Man muss schon einiges an Mühe und Verstand investieren, um sie zu erwischen“, sagt der 57-Jährige und lacht. Deshalb seien sie für ihn auch das liebste Jagdwild.

„Mehr Bio geht nicht“

Natürliche Feinde hat das Schwein – abgesehen vom Menschen – nämlich nicht. Selbst die Wölfe, die vereinzelt auch schon mal das Garbsener Land streifen, sind keine Gefahr für sie. „Die gehen eher auf Schafe, die hinter ihren niedrigen Zäunen eine leichte Beute sind. So eine Bache würde einem einzelnen Wolf arg zusetzen. Und ein Reh ist einfach zu schnell.“ Es bleibt also an dem Jäger, Wildschweine und Rehe, die junge Bäume wegfressen, „tierschutzgerecht zu schießen“. Heißt: kurz und schmerzlos. Oder in der Jägersprache: weidgerecht.

Das Fleisch der erlegten Tiere ist wiederum äußerst hochwertig. „Mehr Bio geht nicht“, sagt Grahn. Auch bei ihm ist die Nachfrage größer als das Angebot. Das wissen immer mehr Menschen zu schätzen. „Früher hatte man mal ein, zwei Rehe, die einem abgenommen wurden. Jetzt ist die Nachfrage das ganze Jahr über da.“

„Ob ich auf ein Tier schießen kann, weiß ich noch nicht“

Für viele Anwärter aus der Stadt ist die Jagd als bewusste Form der Lebensmittelproduktion inzwischen ein Hauptgrund, einen Jagdschein zu machen – als Gegensatz zur Entfremdung von der Natur an der Kühltheke. Dieser Gedanke bringt so manchen zur Jagdschule, der früher wohl nie eine Büchse in die Hand genommen hätte, so Grahn. „Man weiß dann einfach, wo es herkommt.“

Auch für Imke aus Hannover spielten solche Gedanken bei der Entscheidung für den Jagdschein eine gewisse Rolle. In Kontakt mit der Jagd ist sie aber über ihren Freund gekommen, der Jäger ist. Mit ihm saß sie bereits mehrfach in der Kanzel. „Ob ich aber wirklich mal auf ein Tier schießen kann, weiß ich noch nicht“, sagt die 28-Jährige. Das, wie vieles anderes, müsse sich erst noch bei der echten Jagd zeigen. „Hopp“, ruft sie. Und kurz darauf fliegt die nächste Tontaube in den trüben Winterhimmel.

Von Simon Polreich