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Garbsen Wie einfach ist es in Deutschland anzukommen, Sherin Hussein?
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Garbsen: Wie einfach ist es in Deutschland anzukommen, Sherin Hussein?

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19:00 23.08.2019
"Das Foto gefällt mir besonders gut": 2005 kam die Syrerin Sherin Hussein nach Deutschland - ohne Wohnung und Arbeit. Mittlerweile arbeitet sie in der Kita Murmelstein. Quelle: privat
Auf der Horst

„Ich bin stolz darauf, was ich geschafft habe“, sagt Sherin Hussein. Sie sitzt an ihrem Esstisch in der 85-Quadratmeter-Wohnung in Auf der Horst. Es gibt süßes Baklava, Kokoskekse und Kaffee. Gerade ist sie von ihrer Arbeit in der Kita Murmelstein nach Hause gekommen. Ihre Kinder schlafen. „Sie hatten ihren ersten Schultag nach den Sommerferien und müssen sich erst einmal ausruhen“, sagt Hussein. Schnell ist man beim Du. „Linda, das gibt es auch im Arabischen“, sagt die Syrerin. „Es bedeutet so etwas wie Schönheit und Zärtlichkeit.“

Über die Türkei nach Deutschland

In dieser heimeligen Situation scheint es fast unpassend, zu fragen, wie es war, als Hussein nach Deutschland kam. Und auch ihr selbst fällt es sichtbar schwer darüber zu sprechen: „Das ist schon so lange her“, sagt sie. Zwei der drei Kinder waren noch nicht geboren, der Bürgerkrieg noch nicht ausgebrochen. Dennoch war bei Hussein und ihrem Mann 2005 der Wunsch groß, der Unfreiheit in Syrien zu entkommen. „Es gab zwar noch keinen Krieg, aber man durfte nichts sagen“, erinnert sie sich. „Menschen wurden weggesperrt, und keiner redete darüber.“

Von ihrem Heimatort Qamilschi an der Grenze zur Türkei flüchteten sie Richtung Europa. Fünf Monate dauerte die Reise. „Dass wir in Deutschland waren, wussten wir gar nicht“, gesteht sie. Ihr sei es auch egal gewesen: „Hauptsache weg aus Syrien.“

Serie: „Eine Stunde mit ...“

Ob Eisverkäufer, Flüchtlinge, Künstleragentin, Landwirt oder Pastorin: In unserer Sommerserie „Eine Stunde mit ...“ wollen wir die Garbsener zum Gespräch treffen, sie kennenlernen und ihre Geschichten erzählen. Wir treffen Menschen in ihrem beruflichen Umfeld und zu Hause, wollen herausfinden, wie sie leben, was sie machen und was sie an der Stadt mögen. Unsere Reporter sind den ganzen Sommer lang unterwegs, um eine interessante, aufschlussreiche und spannende Stunde mit ihnen zu verbringen.

Mit dem Asylantrag in Bielefeld und der ersten Station in einem Wohnheim in Oldenburg begann für das Paar und den kleinen Sohn dann etwas Neues. „Stück für Stück wurde dann auch alles gut“, sagt sie. Aber es habe gedauert. Und im Gespräch bei Kaffee und Keksen wird immer wieder deutlich, wie schwierig es für die Familie war, wie viel Zeit mit Warten und Hoffen vergangen ist und wie groß die Schritte sind, die Hussein bis heute gemacht hat.

Redakteurin Linda Tonn hat Sherin Hussein in Auf der Horst zum Gespräch getroffen. Quelle: Sherin Hussein

Seit 2006 in Garbsen

Ungern erinnert sie sich an die ersten Jahre in Deutschland: Ja, es sei sehr schwer gewesen. Inmitten des ganzen Trubels bekam sie ihre erste Tochter, im Wohnheim war es laut und eng, und weil sie keinen Aufenthaltsstatus hatten, durften sie weder Deutsch lernen noch arbeiten. „Wenn du mit Gutscheinen einkaufen gehen musst, nichts hast und nicht arbeiten kannst, fühlst du dich nicht wie ein Mensch“, sagt sie schlicht. 2006 zog die Familie nach Garbsen – erst in das bereits abgerissene Flüchtlingswohnheim an der B6. „Dann haben wir mit Unterstützung vom Sozialamt die Vier-Zimmer-Wohnung Auf der Horst bekommen. Die Mitarbeiterin Sandra Lenz hat sich sehr für uns eingesetzt“, sagt Hussein.

Vier weitere Frauen waren es, die der Syrerin und ihrer Familie eine Perspektive in Garbsen gaben. Immer wieder fallen ihren Namen. „Als erstes habe ich Silvia Kessler von der Migrationsberatung der Diakonie kennengelernt“, sagt Hussein. Sie habe ihr mit den Anträgen und Dokumenten geholfen und Mut gemacht. Die Ehrenamtlichen Helga Henze und Anne Springer halfen ihr beim Deutschlernen und mit den Hausaufgaben. Denn irgendwann stand die Frage im Raum, ob es die in Syrien ausgebildete Lehrerin am Diakonie-Kolleg in Hannover nicht mit einer Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin versuchen wolle.

„Es ist schön, Auf der Horst zu leben“

Ich lebe in Garbsen seit ...

... 2006. Erst haben wir in einem Wohnheim an der Bremer Straße gewohnt. 2009 sind wir in unsere Wohnung im Stadtteil Auf der Horst gezogen.

Mir gefällt an Garbsen ...

... dass hier viele Kulturen zusammenkommen. Es ist schön, Auf der Horst zu leben. Es ist ruhig, man hat aber auch Spielplätze für Kinder und alles, was man sonst so braucht. Ich gehe auch gern nach der Arbeit hier spazieren.

Das könnte man verbessern ...

... eigentlich nichts. Ich bin glücklich hier.

Anke Bücher, Leiterin der Kita Murmelstein, verschaffte ihr erst ein Praktikum, mittlerweile hat Hussein in der Einrichtung eine feste unbefristete Stelle. Erst sei sie nur die syrische Mutter gewesen, sagt Hussein. Jetzt sei sie die Erzieherin. „Diese vier Menschen sind große Schätze für mich“, sagt die Syrerin. „Ohne sie war ich alleine.“ Und genau deshalb waren sie auch alle dabei, als Hussein im vergangenen Jahr ihre Aufenthaltsgenehmigung bekam. „Dann war ich plötzlich Deutsche“, erzählt sie und muss mit den Tränen kämpfen.

„Ich hatte viel Glück“

„Egal wie schwer es war, es hat sich gelohnt, und ich bin glücklich“, sagt Hussein heute. Ob sie sich als Vorbild sieht? „Ich hatte viel Glück.“ Die Wohnung, das Praktikum: Immer wieder seien Menschen auf sie zugekommen und hätten ihre Hilfe angeboten. Mittlerweile leben auch ihre Mutter und ihr Bruder in der Region. Nach Syrien zurück kann und will die Familie nicht mehr. „Meine Kinder sollen hier leben und lernen. Sie sollen nicht sehen, was ich gesehen habe.“

Und dann zeigt sie auf ihrem Handy Fotos von ihrem Leben heute, 2019. Vom Urlaub in Spanien, von der Familie – und von ihrer Arbeit in der Kita Murmelstein. „Ich arbeite gerne“, sagt Hussein. Ein Foto mag sie ganz besonders gerne: „Wir haben eine Kunstaktion gemacht und uns in einem Pappkarton fotografiert“, sagt sie. Das sei einfach schön. „Als Erzieherin muss man das auch einfach mal machen.“

Ist sie in Deutschland angekommen? Ja, sagt die Syrerin. „Irgendwie habe ich es geschafft.“

Alle Teile der Serie lesen Sie hier:

Eine Stunde mit Jürgen und Heike vom Hof Hornbostel in Stelingen

Eine Stunde mit Künstleragentin Mone Werner aus Altgarbsen 

Eine Stunde mit Friedhofsgärtner Stefan Wassmann 

Eine Stunde mit Eisproduzent Giorgio Capalbo aus Stelingen 

Eine Stunde mit Imbissbetreiber Rudi Schubert in Altgarbsen

Eine Stunde mit der Badeaufsicht Sahin Canbolat am Blauen See

Eine Stunde mit Pflegekraft Angelique Kummer

Eine Stunde mit Aktivistin und Oma gegen Rechts Monika Stiel

Eine Stunde mit dem Kontaktbeamten der Polizei, Guido Parbs

Von Linda Tonn

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