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Garbsen „Viele Schüler wissen nicht, wie man richtig lernt“
Umland Garbsen „Viele Schüler wissen nicht, wie man richtig lernt“
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00:16 04.02.2019
"Viele Schüler wissen nicht, wie man richtig lernt": Annika Deich leitet den Standort Garbsen des Nachhilfeinstituts Studienkreis.
"Viele Schüler wissen nicht, wie man richtig lernt": Annika Deich leitet den Standort Garbsen des Nachhilfeinstituts Studienkreis. Quelle: Linda Tonn
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Auf der Horst

Im ersten Stock eines grauen unscheinbaren Hochhauses am Planetenring – unweit des Schulzentrums I – sollen die Schulnoten besser werden. Im Flur hängen bunte Wolken an der Wand „Hurra, endlich eine 3 in Englisch“, „Yeah, ich habe in Mathe eine 3 statt einer 5 geschrieben“. Sieben Lehrer und Studenten unterstützen etwa 60 Garbsener Schüler bei Problemen mit Mathe, Deutsch oder Französisch – von der zweiten Klasse bis zum Abitur. An mehreren Tagen in der Woche wird in Kleingruppen gemeinsam der Stoff wiederholt, es werden Aufgaben gelöst, Vokabeln gelernt und Materialien sortiert. Die 32-jährige Annika Deich leitet den Standort des Nachhilfeinstituts Studienkreis im Stadtteil Auf der Horst. Seit am Mittwoch die Halbjahreszeugnisse verteilt wurden, steigt die Zahl der Anrufe besorgter Eltern.

Frau Deich, gerade ist bei Ihnen Hochsaison.

Ja, das liegt daran, dass Eltern und Schüler bei den Halbjahreszeugnissen sagen „wir können noch etwas verändern bis zum Jahresende“. Da werden dann viele tätig und suchen sich Nachhilfe. Die Vier in Mathe soll nicht bleiben. Außerdem kommen auch viele Abiturienten zu uns.

… die im März ihre Prüfungen haben?

Ja, es gibt viele die kurz vor knapp noch merken, dass es doch nicht reicht. Ein paar Wochen bevor es losgeht, wird es hier nochmal voll. Auch der Schulwechsel nach der Grundschule ist immer ein Thema. Viele Eltern wollen das Gymnasium für ihr Kind und das soll dann irgendwie passieren. Ich versuche immer ehrlich zu sein und die Leistung realistisch einzuschätzen.

Wenn Schüler sich gegenseitig helfen

Wenn an der IGS Garbsen die Leistungen eines Schülers in Mathe, Deutsch, Englisch oder einem anderen Fach schlechter werden, bekommt er Hilfe bei älteren Mitschülern. „Lernkaskade“ nennt sich das Förderprojekt, an dem seit dem Start im November 2017 mehr als 50 Schüler teilnehmen. Das Prinzip: Fünft- und Sechstklässler lernen gemeinsam mit Neunt- und Zehntklässlern. Sie lösen Aufgaben, bereiten Tests vor, bearbeiten die Hausaufgaben. Wenn die älteren Schüler ihrerseits Nachhilfe benötigen, können sie bei Lehramtsstudenten nachfragen. Der gemeinnützige Verein Chancenwerk aus Nordrhein-Westfalen stellt Material und Personal und hat das Projekt mittlerweile im gesamten Bundesgebiet etabliert. Durch die Lernkaskade könne die IGS Förderung sowohl für benachteiligte als auch für überdurchschnittliche Schüler anbieten, heißt es von der Schule. ton

Rufen dann die Schüler an oder die Eltern?

Das sind meistens die Eltern, die Alarm schlagen. Schüler selbst suchen sich in der Regel nur kurz vor dem Abitur Hilfe.

Sind die Zeugnisse dann wirklich so schlecht oder ist das auch manchmal eine unbegründete Sorge?

Es kommt beides vor. Also eine Vier im Zeugnis ist ja wirklich nicht so schön, da ist die Fünf ganz nah. Selten kommen Eltern, die schon bei der zweiten Drei in Folge Nachhilfe wollen. In der Regel sind die Zensuren aber schon besorgniserregend, würde ich sagen.

Kommt die Nachhilfe dann noch rechtzeitig?

Häufig ist es schon fast zu spät, um das Schuljahr noch zu schaffen. Das liegt darin, dass Eltern schlechte Noten immer noch entschuldigen – zum Beispiel mit dem Argument, das Kind sei in der Pubertät und man müsse einfach noch ein bisschen abwarten. Häufig sind Eltern auch berufstätig und bleiben dann auch oft einfach nicht dran. Es wird vergessen – bis zur nächsten Klassenarbeit.

Viertklässler bekommen das wichtigste Zeugnis

Besonders für die Viertklässler an den Grundschulen geht es bei der Vergabe der Halbjahreszeugnisse um viel. „Das ist das wichtigste Zeugnis überhaupt“, sagt Hilke Bertram, Leiterin der Grundschule Osterberg. Die Zensuren gäben die Richtung für die weiterführenden Schulen vor. Empörte Anrufe von Eltern erwartet Bertram in den kommenden Tagen nicht. „Die Lehrer stehen mit den Eltern eigentlich immer in Kontakt und informieren über die Leistungen“, sagt sie. Böse Überraschungen habe es am Zeugnistag deshalb nicht gegeben. Als „kleine Generalproben“ bezeichnet Silvia Moritz, Leiterin der Grundschule Saturnring, die Halbjahreszeugnisse. Schlechte Noten seien nicht schön, es sei aber noch nichts verloren. Die Schüler der vierten Klassen wüssten allerdings ab dem Beginn des Schuljahres, dass das Halbjahreszeugnis besonders wichtig sei. Die Lehrer achteten bei der Notenvergabe auch sehr darauf, die tatsächliche Leistung zu spiegeln. „Ich finde es schade, dass wir für die weiterführende Schule keine Empfehlungen mehr geben dürfen“, sagt Moritz. Ob das Kind ein Gymnasium, eine IGS oder Oberschule besuchen soll, können die Eltern entscheiden. „Wir tun aber alles, den Eltern genau zu erläutern, welchen Wissensstand ihr Kind hat“, so die Schulleiterin. Zeugnisse mit Noten gibt es am Saturnring erst ab der dritten Klasse. In der zweiten Klasse werden Berichte ausgeteilt. „Die Erstklässler haben aber auch schon ein Halbjahreszeugnis bekommen“, sagt Moritz – mit kleinen Smileys fürs Lesen, Schreiben, Rechnen, Vertragen und An-Regeln-Halten. ton

Bei welchen Fächern haben die Garbsener Schüler die meisten Probleme?

Definitiv in den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Englisch und auch Sprachen wie Latein und Französisch. Wir sind hier im Stadtteil Auf der Horst, da gibt es auch viele Kinder mit Migrationshintergrund. Da sprechen die Eltern oft auch kein Deutsch und unsere Lehrkräfte hier müssen da erst einmal ansetzen.

Arbeiten Sie mit Schulen zusammen?

Das kommt vor. Wenn die Eltern das wünschen, dass wir Kontakt zu den Lehrern aufnehmen, machen wir das und fragen beim Fachlehrer nach, was er für eine Meinung zur Leistung des Schülers hat. Das hilft uns ungemein.

Haben die Schüler, die zu Ihnen kommen, immer eine Eins oder Zwei fürs Schuljahresende im Blick?

Nein. Eltern und Schüler haben meistens sehr realistische Ziele. Wenn die Fünf die Ausgangsnote ist, höre ich ganz oft, dass die Drei schon reichen wird. Ganz oft werden die Noten dann aber sogar noch besser.

Muss es bei schlechten Noten immer gleich externe Unterstützung sein?

Häufig ja. Gerade, wenn sie die Zensuren auf einmal verschlechtern. Dann gibt es zu Hause sowieso Streitigkeiten beim Thema Hausaufgaben und Lernen und die Kinder nehmen ihre Eltern nicht mehr so ernst wie sie es sollten. Ich würde immer einen Außenstehenden mit ins Boot nehmen. Das macht die Sache einfacher.

Also eingreifen, bevor es schlimmer wird?

Genau, aber konstruktiv. Bestrafen bringt nichts. Der Druck sollte genommen werden. Unter Druck arbeiten wir schlecht und können uns schlecht konzentrieren. Die Suche nach den Ursachen ist wichtig und dann die Frage „Wo kann ich helfen?“.

Kann Nachhilfe allein die Noten verbessern?

Der Schüler muss auch zu Hause lernen und das ist eigentlich auch das erste, was wir den Schülern hier beibringen – das Lernen selbst. Das können viele gar nicht. Sie sehen die ganze Menge an Material und bekommen Panik. Das muss erst strukturiert werden. Und dann geht es um den aktuellen Stoff und die Lücken, die aufgeholt werden müssen. Aber sie müssen zu Hause auch nacharbeiten. Ein bis zwei Mal in der Woche zur Nachhilfe gehen, reicht nicht aus.

Kommen mehr Schüler zu Ihnen als noch etwa vor fünf Jahren?

Wenn ich mir das für unsere Stelle hier in Garbsen so ansehe, nimmt die Zahl zu. Das liegt meiner Meinung aber nicht daran, dass Kinder schlechter mit dem Schulstoff zurecht kommen, sondern auch daran, dass es bekannter geworden ist, dass der Staat für die Kosten aufkommt. Wenn Familien sowieso schon staatliche Unterstützung bekommen, wird auch die Nachhilfe übernommen.

Interview: Linda Tonn

Von Linda Tonn