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Garbsen „Wir bürokratisieren die Pflege zu Tode“
Umland Garbsen

Heimleiterin Christina Hahne-Erz vom Haus der Ruhe in Garbsen: Wir bürokratisieren Pflege zu Tode

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00:21 17.06.2019
Bei fast allen Bewohnern tägliche Pflicht: Blutdruck kontrollieren. Quelle: Markus Holz
Meyenfeld

„Die Pflege hat in Berlin nicht die Lobby, die sie verdient.“ Diejenige, die das sagt, ist mit Herz und Seele Pflegerin, seit Jahrzehnten: Christina Hahne-Erz, Heimleiterin im Haus der Ruhe in Meyenfeld. Ihre Mutter Marga und ihr Vater Günther Hahne haben das Haus vor 40 Jahren aufgebaut. So lange Hahne-Erz denken kann, ist sie für dieses Haus engagiert. Im HAZ/NP-Gespräch erzählt sie, was sich in 40 Jahren verändert hat und wie sie die Zukunft sieht.

Aufwand ist unvorstellbar

Pflege hat also eine zu schwache Lobby? Ja, sagt Hahne-Erz. „Wie sonst kommt man auf die Idee, 2019 ein neue Qualitätsbeurteilung für Heime einzuführen, für die wir jeden Bewohner 98 individuelle Fragen beantworten lassen müssen?“, fragt Hahne-Erz. Das akademische Verfahren habe niemand entwickelt, der in der Pflege arbeitet. „Es ist unvorstellbar, welchen Aufwand das für uns bedeutet. Wir machen das, aber irgendwo müssen dann auch die Zeit und das Personal herkommen“, sagt Hahne-Erz und lässt ihre Kritik in einem bemerkenswerten Satz enden: „Den nächsten Pflegenotstand produzieren wir selbst, wenn wir die Pflege zu Tode bürokratisieren.“ Pflege zu dokumentieren sei wichtig. Aber wenn Vorschriften am falschen Punkt ansetzten, „dann kommt liebevolle Pflege unter Druck“, sagt Hahne-Erz.

Hohe Fluktuation in der Pflegebranche

Das Haus der Ruhe hat schon reichlich zu tun mit dem aktuellen Pflegenotstand. 250 Menschen arbeiten pflegerisch im Haus der Ruhe. Hinzu kommen 60 Mitarbeiter in der alltäglichen Betreuung der 380 Bewohner. „Unsere Fluktuation ist nicht hoch im Verhältnis zu anderen Einrichtungen. Sie ist aber insgesamt höher in der Pflege, als in anderen Branchen, weil es ein sehr frauenlastiger Beruf ist“, sagt Hahne-Erz.

Die Pflegefachschule Hannover PFSH neben dem Haus der Ruhe. Quelle: Markus Holz

Personalsuche in Kamerun

Als einen Grund für dieses „nicht hoch“ im eigenen Haus nennt die Heimleiterin die Ausbildung und berufliche Qualifizierung „made by Hahne“: 2007 hatte das Unternehmen seine eigene Pflegefachschule Hannover (PFSH) gegründet. 250 Auszubildende sind dort derzeit eingeschrieben. Die PFSH nutzt einen alten Backsteinbau plus Container auf dem Haus-der-Ruhe-Gelände in Meyenfeld – quasi der direkte Anschluss an die Praxis. Nächster Schritt: Die Zusammenarbeit mit Agenturen unter anderem in den Balkanstaaten, in Asien und Kamerun, um trotz der Sprachbarrieren potenzielle Pflegekräfte zu gewinnen. Dritter Schritt: Ein professionelles Team, das seit eineinhalb Jahren jede Anfrage und jede Bewerbung vom Praktikanten bis zum gestandenen Pfleger schnell, zuverlässig und auf digitalem Weg entgegen nimmt. „Wir haben Amazon adaptiert: Jede neue Nachricht soll umgehend sofort beantwortet werden“, sagt Carl Hahne, Geschäftsführer der Holding.

Höheres Alter – höherer Aufwand

Mitarbeiter über Zeitarbeitsfirmen ins Haus zu holen, lehnen Hahnes aus konzeptionellen Gründen ab. Was bleibt dann noch? Kann sich Christina Hahne-Erz vielleicht Roboter in der Pflege vorstellen, die Essen reichen und Medikamente verteilen? „Nein, eher nicht“, sagt sie. „Ich kann mir aber intelligente Systeme vorstellen, die die Pfleger bei der körperlichen Arbeit unterstützen – Kraftsysteme beim Heben zum Beispiel, wie ein motorisches Korsett.“ Diese Art von Technik könne den Pflegealltag revolutionieren. „Denn die Bewohner kommen immer später zu uns und sind deutlich älter und damit auch pflegebedürftiger als früher“, sagt sie. Das erhöhe die Anforderungen an das Pflegepersonal. Die Entwicklung hatte sie kommen sehen, je mehr und massiver die Politik häusliche und ambulante Pflege unterstützt hat. Das sei auch nichts negatives. „Es ist schön, wenn die Menschen älter werden können. Man muss dann aber die Konsequenzen dieser Politik für die Pflegeinrichtungen bedenken“, sagt sie. Schwerere Arbeit für das Personal, höherer Zeitaufwand pro Bewohner.

Es gibt viele gute Perspektiven

Christina Hahne-Erz liebt ihren Beruf. Sie lässt sich zeitlebens leiten von dem Satz: „Mach Pflege so gut, wie Du sie selbst erleben willst.“ Und bei aller Skepsis gegenüber Bürokratie, Robotik und Personalmangel: Es ist ja beileibe nicht alles schlecht. „Im Interesse der Bewohner ist Pflege in 40 Jahren viel professioneller geworden, es gibt keine Vier-Bett-Zimmer mehr, das Essen ist vielfältiger und es gibt viel mehr und bessere Hilfsmittel. In unserem Interesse gibt es gute Computersysteme, die uns viele Schritte in der Dokumentation erleichtern. Und wer heute in den Pflegeberuf geht, muss nicht mehr sein Leben lang am Bett arbeiten – es gibt viele gute Perspektiven. Pflege ist ein Beruf mit sicherer Zukunft“, sagt Hahne-Erz. Damit dürfte auch das Haus der Ruhe eine sichere Perspektive haben. Hahnes richten am Sonntag zum 40-jährigen Bestehen ein Parkfest aus.

Parkfest zum 40-Jährigen am Sonntag

Das Haus der Ruhe veranstaltet am Sonntag, 16. Juni, von 14 bis 17 Uhr für Freunde, Nachbarn, Bewohner, Angehörige und Interessierte ein Parkfest zum 40-jährigen Bestehen, Leistlinger Straße 10. Besucher werden Live-Musik hören und ein reichhaltiges Imbissangebot genießen können von Eis bis Pizza. Eine große Geburtstagstorte und eine kleine Überraschung für jeden Besucher sind vorbereitet. Kinder können sich in der Hüpfburg, beim Blumenbinden und bei anderen Aktivitäten die Zeit vertreiben.

Außerdem ist bis Sonntag noch die erste Kunstausstellung im Hahne-Park zu sehen. Die Meyenfelder Künstlerin Gabriele Rinkleff hat sieben Kreative aus Garbsen und der Region für die Schau „Kunst im Hahne-Park“ gewonnen. Sie zeigen Objekte und Skulpturen. Teilnehmer sind außer Rinkleff selbst Caren Cunst, Heinz Winzer und Thorsten Matyssek aus Garbsen, Damjen Lajic aus Beckedorf sowie die Hannoveraner Klaus Madlowski, Normen Zauske und Rosemary Remstedt.

Von Markus Holz

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