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Garbsen „Die Studierenden werden schwerer zu überzeugen sein“
Umland Garbsen „Die Studierenden werden schwerer zu überzeugen sein“
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19:00 02.03.2019
„Wir müssen alle mitnehmen": Innovationsmanagerin Iris Klaßen aus Garbsen glaubt, dass Wissenschaft und Bürgerschaft zusammenwachsen können, wenn jeder sein „bequemes System“ verlässt. Quelle: Linda Tonn

Frau Klaßen, Sie haben einen Aufsatz geschrieben „Vom Nebeneinander zum Miteinander in Hochschulstädten“. Wie weit ist Garbsen auf diesem Weg?

Seit 1999 bewegt mich das Thema „Wissenschaft und Gesellschaft“. Der Aufsatz zeigt, dass viele Städte und Hochschulen intensiv daran arbeiten, sich näher zu kommen. Oft geht es um Aktionen und Veranstaltungen – quasi „Sciencetainment“. Damit Wissenschaft in einer Stadt Platz findet, braucht es Anlässe und Initiativen, in denen Studierende und Wissenschaftler mit Verwaltung, Wirtschaft und Bürgern zusammenarbeiten. In Garbsen begann der Weg mit der Ansiedlung des PZH. Damals hat die Stadtspitze die Chancen erkannt, die damit verbunden sind. Ich bin Garbsenerin und erinnere mich noch, wie überrascht ich war, als ich im Rahmen des Stifterverband-Wettbewerbs „Stadt der Wissenschaft“ erfuhr, dass Garbsen sich 2007 auch beworben hat. Mit solchen mutigen Impulsen hat die Stadtspitze früh angefangen, Garbsens Profil als Wissenschaftsstadt zu schärfen. Allerdings ist das kein Selbstläufer. Es reicht nicht, dass wenige Eingeweihte vorne in der Lokomotive sitzen und in Richtung Wissenschaftsstadt fahren.

Zur Person

Dr. Iris Klaßen (52) ist Wissenschafts- und Innovationsmanagerin. Sie hat verschiedene Projekte der Wissenschaftskommunikation und wissensbasierten Stadt- und Regionalentwicklung konzipiert und umgesetzt – darunter Lübecks erfolgreiche Bewerbung als „Stadt der Wissenschaft 2012“. Auch die Entwicklung des Lübecker Wissenschaftspfades und der Strategiekreis „Wissenschaft in der Stadt“ zählen zu ihren Initiativen. Ein besonderer Fokus ihrer Tätigkeiten liegt auf der qualitativen und quantitativen Wertschöpfung durch Wissen und Forschung. Seit 2017 arbeitet sie in Lübeck an der Konzeption eines Gesundheitsflughafens für die Region.

Was schlagen Sie vor?

Wichtiger ist, alle mitzunehmen auf dem Weg zu einer Innovationskultur in der Stadt. Das gelingt nur, wenn jeder sein bequemes System verlässt. Dass die Garbsener hier aufgeschlossen sind, zeigt doch das große Interesse an etwa der Wissenschaftsnacht im PZH. Aber es muss auch den Weg von der Wissenschaft in Richtung Stadt geben. Hier ist die Innovation Cell der Studierenden eine tolle Initiative.

Es muss aber auch um die Garbsener selbst gehen. Sie kennen bislang nur die Campus-Baustelle.

Hm, ich bin mir gar nicht sicher, ob alle Garbsener die kennen. Da wäre doch einmal eine Umfrage interessant. Überhaupt einmal die Gefühlslage der Menschen hier erkunden, was sie von Wissenschaft in Garbsen erwarten oder ob ihnen der Standort egal ist. Spätestens dann hat man Ansatzpunkte, wo Informationsbedarf ist und wo Chancen für wissensbasierte Stadtentwicklungsprojekte sind. Sich den Studierenden aufgeschlossen zeigen und sich dafür zu interessieren, an welchen Erkenntnissen sie arbeiten, führt zu einer Innovationskultur, die der Stadt gut tun würde. Vielleicht passt das eine oder andere Projekt mit Vorhaben der Stadtverwaltung oder mit Unternehmen hier vor Ort zusammen. Dann würden alle gewinnen. Und darum geht es am Ende: Jeder möchte wissen, was bringt mir das?

Welche Akteure sind dabei wichtig? Können sich auch Einzelhändler und Sportvereine beteiligen?

Na ja, Gesellschaft hat ja viele Akteure, und Wissenschaft wenden wir täglich an. Sie betrifft uns alle. Also kann sich auch jeder beteiligen. Da darf man ruhig kreativ sein. Vielfältigkeit darf aber nicht in Beliebigkeit ausarten. Man braucht schon einen roten Faden in einer Wissenschaftsstadt und einen Kümmerer, der den Überblick behält, der Ansprechpartner ist und zwischen den Interessen vermittelt. Sofern es schon eine Strategie gibt, sollte diese jetzt konkret mit Leben gefüllt werden.

Bislang stehen sich beide Seiten noch eher skeptisch gegenüber. Welche Gruppe wird schwieriger zu knacken sein – Bürger oder Studierende?

Die Studierenden, da bin ich ziemlich sicher. Sie finden Garbsen bislang noch uncool und fühlen sich von der Universität ein wenig abgeschoben, weil sie umziehen müssen. Die Garbsener finden das alles eher interessant, die kann man auch leichter abholen. Sie müssen sich ja auch nicht groß verändern. Das ist schon bequemer.

Wie kann man sie abholen?

Wissenschaft zu erleben und zu verstehen, erfordert eine konkrete Verknüpfung mit dem Alltag der Menschen. Idealer Weise identifiziert man Bereiche, in denen sich Erkenntnisse, zum Beispiel aus der Ingenieurswissenschaft, in der Stadt wiederfinden oder anwenden lassen. Vielleicht gelingt es sogar, konkrete Probleme in der Stadt gemeinsam in Projekten zu lösen. Hilfreich wäre es, die Studierenden in die Stadtteile einzuladen, also auch nach Meyenfeld, Osterwald, Schloß Ricklingen, und, und, und. Denn Garbsen ist ja mehr als das Rathaus, die Shopping-Zentren und der Campus.

Meinen Sie, es gibt auch eine Chance, sagen wir auch Oma Erna für den Maschinenbau zu gewinnen?

Ja, wenn Studierende in die Stadtteile gehen, dann ist Oma Erna da. Sie wird kommen, wenn etwas bei ihr um die Ecke stattfindet – zum Beispiel beim Bauern. Und Oma Erna kennt den Bauern und sagt sich: „Mit Wissenschaft habe ich ja eigentlich nichts zu tun, aber ich will wissen, was der Bauer damit zu tun hat.“ Und dann marschiert Oma Erna da auch hin.

Das heißt aber auch: Der Campus muss zu den Menschen kommen.

Warum nicht? Diejenigen, die den Weg auf den Campus und in die Hörsäle finden, das sind die, die wir vom Wert der Wissenschaft nicht überzeugen müssen. Wichtiger ist es zu zeigen, dass man den Elfenbeinturm verlässt und auch interessiert ist, seine Erkenntnisse denjenigen zu erklären, die sie über ihre Steuergelder bezahlen. Außerdem ist der Campus ja nicht der Campus, sondern das sind die Menschen, die da arbeiten, lehren, lernen und forschen. Und wenn es klappt, dass sie in Garbsen für sich den einen oder anderen Lieblingsplatz entdecken und nicht nach der Arbeit direkt wieder nach Hannover fahren, dann ist viel geschafft.

Und wie muss Garbsen auf die Studierenden zugehen? Sind Studentenrabatte ein Weg?

Das könnte man natürlich machen, aber ich glaube, die Studenten wollen nicht gekauft werden. Wenn ich Geld investieren würde, würde ich das in ein kostenloses Fahrradparkhaus stecken.

Ein Fahrradparkhaus?

Ja, ein bewachtes. Der Radschnellweg zwischen Hannover und Garbsen ist absolut wünschenswert. Und dazu gehört ein sicheres und kostenloses Fahrradparkhaus. Das wäre entscheidend. Wenn man da ein gutes Konzept hätte – vielleicht sogar mit einer kleinen Werkstatt, in der Schüler oder Studierende jobben könnten – hätte man ein sinnvolles Alleinstellungsmerkmal und eine Alternative zur Bahn. Außerdem entstehen im Umfeld eines Campus oft neue, nicht geplante Dinge. Dafür sollte man auf Verwaltungsseite dann offen sein und sich flexibel zeigen. Wer weiß, vielleicht eine kultige Kaffeeszene am Kanal, Pizza-Transport per Drohne oder Stand-up-Paddeling auf dem Kanal. Wer weiß, vielleicht kommt jemand mit einer witzigen Idee.

Was ist nachhaltiger für ein gutes Miteinander? Events oder die alltäglichen Berührungspunkte?

Ich finde beides wichtig. Nachhaltiger für das Zusammenwachsen sind Projekte, in denen unterschiedliche Welten zusammenkommen, also die Studentin, die in die Schule geht, oder Aktionen in Betrieben und Begegnungen in den Stadtteilen. Der Campus Maschinenbau muss einen Platz auch im Herzen der Bürger erhalten. Das gelingt am ehesten, wenn man Kontakt bekommt zu Menschen, die dort arbeiten. Events wie Konzerte oder Podiumsdiskussionen sind dafür wichtig. Damit der Campus die ganze Stadt prägt, sind Möglichkeiten der Zusammenarbeit entscheidend. Das ist vielleicht die größte Hürde, aber auch am effektivsten. Am Ende sollte man sich in seinen Erwartungen aber auch nicht überfordern. Schließlich wollen wir ja auch eine Stadt sein, in der man sich gut fühlt und einfach Spaß hat.

Interview: Linda Tonn und Joanna von Graefe

Alle Geschichten rund um den Campus Maschinenbau in Garbsen finden Sie in unserem Multimedia-Dossier.

Von Linda Tonn

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