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Nachrichten „Hier in Deutschland gibt es Freiheit“
Umland Garbsen Nachrichten „Hier in Deutschland gibt es Freiheit“
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00:18 25.01.2015
Ob Enten füttern oder Schiffen zusehen: Beliebtes Ausflugsziel für Damaris K. aus Syrien und ihre Familie ist der Mittellandkanal am Sperrtor in Altgarbsen. Quelle: Grätz
Auf der Horst

Ihr Sohn war gerade drei Monate alt, als Damaris K. (Name geändert) und ihr Mann 2005 aus dem kleinen Ort Quamishli im Nordosten Syriens an der Grenze zur Türkei flohen. „Auch wenn der Arabische Frühling Syrien erst 2011 erreicht: ­Unruhen gab es schon viel früher. Wir wollten unbedingt in ein europäisches Land“, sagt die heute 37-Jährige. Ihre Familie gehört der kurdischen Minderheit an, wurde politisch verfolgt, dem Familienvater drohte Haft.

Rund fünf Monate dauerte die traumatisierende Flucht über die Türkei. Erste Station in Deutschland war das Auffanglager in ­Oldenburg: „Die Zustände waren schlimm, eine schwere Zeit. Aber wir haben gemerkt, es gibt hier Freiheit.“ Danach lebte die kleine Familie im heute abgerissenen Asylbewerberheim an der B 6. Eine Nachbarin aus Georgien gab ihr den Tipp, sich an die Migrations- und Sozialberatung der Diakonie zu wenden.

Mit Silvia Kessler von der Beratungsstelle kämpfte sie sich durch die Formalien von Ausländer- und Sozialrecht. Kessler unterstützte bei Anträgen, stellte Kontakt zum Jobcenter und Sozialamt her. Die Aufenthaltserlaubnis mit Perspektive auf unbegrenztes Aufenthaltsrecht kam im Mai 2013. Die Traumatisierung durch Repressalien in Syrien und während der Flucht war ein Anerkennungsgrund.

Die Familie - drei Kinder mit zehn, acht und sechs Jahren - wohnt heute in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Auf der Horst. Damaris K.s Mann ist gelernter Automechaniker, sie selbst war in Syrien Lehrerin für Arabisch, lernte Deutsch anfangs autodidaktisch, dann in Sprachkursen. Heute spricht sie fließend Deutsch. „Ich möchte wieder als Lehrerin arbeiten“, sagt sie. Sie steht durch Kesslers Hilfe im Kontakt mit der Landesschulbehörde.

„In Garbsen gibt es eine große arabische Community“, sagt K. Sie hat viele Kontakte geknüpft, hilft vielen ihrer Bekannten bei Übersetzungen. Für die Syrerin ist ­Silvia Kessler nach wie vor eine wichtige Bezugsperson - „fast wie eine Schwester“, sagt sie.

Prägend und schwierig war für die Familie, den Lebensunterhalt zu sichern. „In Syrien hatten wir Eigentum. Hier Gutscheine für ­Lebensmittel zu bekommen, empfand ich als unwürdig“, sagt sie. Mittlerweile fühlt sie sich wohl in Garbsen, schätzt die vielen Spielplätze und guten Einkaufsmöglichkeiten. Die Stadt und ihre Ortsteile lernt sie durchs tägliche Radfahren kennen, besucht einmal wöchentlich den Frauentreff des Vereins Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE), pflegt viele, oft freundschaftliche Kontakte - zu Deutschen und Familien aus anderen Ländern.

Über ihr Leben in Syrien und ihre Flucht spricht Damaris K. ganz offen - sogar in Schulen. „Ich lebe hier, um meinen Kindern eine Zukunft geben zu können“, sagt sie. Die K.s denken heute nicht mehr daran zurückzukehren. „Wir hatten dort Todesangst. Dort könnten wir nicht mehr leben“, sagt sie. Ihre übrige Familie lebt weiterhin in Syrien. „Sie freut sich, dass es uns gut geht“, sagt Damaris. Dennoch: Ihre Sorge um den Rest der Familie ist groß. „Meine Eltern habe ich seit zehn Jahren nicht gesehen.“

Drama für Millionen

In Syrien tobt seit dem Frühjahr 2011 ein Bürgerkrieg zwischen den Truppen der Regierung von Präsident Baschar al-Assad und den Kämpfern verschiedener Oppositionsgruppen Syriens. Als Auslöser des Bürgerkriegs gelten die Demonstrationen des Arabischen Frühlings Anfang 2011. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit dem Beginn des Konflikts vor fast vier Jahren 200.000 Menschen getötet worden.

Syrer stellen in Deutschland momentan die meisten Asylanträge. Dabei nimmt Europa nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) nur etwa vier Prozent der Flüchtlinge aus Syrien auf. Rund 9,3 Millionen Syrer sind insgesamt auf der Flucht, etwa zwei Drittel innerhalb Syriens, ein Drittel außerhalb des Landes.

Mehr als eine Million Syrer flohen in den Libanon, ein Land, das selbst nur 4,4 Millionen Einwohner hat. In den dortigen Flüchtlingslagern ist derzeit nicht einmal die humanitäre Erstversorgung gewährleistet. Flüchtlingsorganisationen befürchten, dass sich die Lage in der Region in diesem Winter noch zuspitzt. Die UN bezeichnen die Flüchtlingskrise in Syrien als die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda in den Neunzigerjahren. Quamishli, die Heimatstadt der Familie K., liegt in einem von Kurden beherrschten Gebiet im Nordosten Syriens an der Grenze zur Türkei.

Unsere Botschaft in der Flüchtlingsberatung heißt: Es gibt immer einen Weg

Neue Sprache, fremdes Umfeld, kompliziertes Ausländer- und Asylrecht: Die Herausforderungen für zugezogene Menschen sind enorm. Unterstützung in der neuen Heimat erhalten sie in Garbsen unter anderem von Silvia Kessler und Manfred Dick von der Sozial- und Migrationsberatung der Diakonie. Mit ihnen spricht unsere Mitarbeiterin Jutta Grätz

Wer kommt zu Ihnen in die Beratungsstelle an der Skorpiongasse 33?

Manfred Dick: Menschen aus etwa 100 Herkunftsländern – von Afghanistan über Syrien, Sri Lanka, Nigeria bis zu den Volksgruppen der Kurden und Jesiden. Wir haben wöchentlich rund 60 Beratungskontakte.

Silvia Kessler: Von sehr jung bis sehr alt. Viele Familien kenne ich schon sehr lange. Für die jungen Leute sind wir dann oft erste Anlaufstelle. Allgemein haben die Frauen eine höhere Bereitschaft, etwas zu klären und zu regeln, als die Männer. Die vielen Nationalitäten stellen auch uns vor große Herausforderungen – aber sie sind auch ein Schatz.

Wie sieht die Unterstützung konkret aus?

Silvia Kessler: Wir haben einerseits eine Übersetzerrolle: Wir erklären amtliche Briefe, helfen beim Asylfolgeantrag, setzen Briefe auf, rufen Gläubiger oder Energieversorger an – praktische Hilfestellung mit vielen kleinen Details. Wir sind aber auch Zuhörer. Unser Handwerkszeug sind Zeit, Ruhe und Vertrauen. Dabei ist jeder Fall einzigartig. Die Botschaft, die wir den Menschen vermitteln, lautet: Es gibt immer einen Weg.

Manfred Dick: Einen hohen Beratungsbedarf gibt es auch zum Älterwerden, zu Betreuung und Pflege – auch Migranten werden älter. Die Menschen, die wir beraten, spüren: Da kümmert sich ­jemand.

Wer sind Kooperationspartner?

Silvia Kessler: Wir sind sehr stark vernetzt. In Garbsen sind das Jugendhilfestation, Volkshochschule, Jobcenter und Kirchengemeinden. Wir sind Mitglieder im Integrationsbeirat. Enge Kontakte bestehen zu fachlichen Netzwerken in der Region.

An welchen Projekten sind Sie beteiligt?

Manfred Dick: An vielen. Eines der bekanntesten sind die Internationalen Gärten in der Silvanus-Gemeinde. Menschen ganz verschiedener Nationalität bewirtschaften 17 Kleingartenparzellen. Das Besondere ist, dass pro Herkunftsland jeweils maximal zwei Familien vertreten sind. Es ist ein Ort der Begegnung vieler Kulturen. Wir kooperieren mit dem Schulbiologiezentrum Hannover.

Sind die Beratungen kostenlos?

Silvia Kessler: Sie sind vertraulich und kostenlos. Unsere Hilfe ist unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Es gibt offene ­Beratungstage dienstags und donnerstags von 10 bis 13 Uhr – ohne Anmeldung. Termine können ­unter (0 51 37) 16 34 vereinbart werden.

Wer finanziert die Sozial- und ­Migrationsberatung?

Silvia Kessler: Träger ist der Stadtkirchenverband Hannover, gefördert wird unsere Arbeit vom Land.

Von Jutta Grätz

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