Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten „Nicht Zerstörung hat das letzte Wort“
Umland Garbsen Nachrichten „Nicht Zerstörung hat das letzte Wort“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:38 05.08.2013
Von Rüdiger Meise
Rund 600 Gläubige haben in Garbsen den ersten Gottesdienst nach dem Brand der Willehadi-Kirche in der Nachbargemeinde St. Raphael gefeiert. Quelle: Hagemann
Garbsen

 Als wollten sie gegen einen Sturm ansingen – so kräftig und trotzig erhoben die Gläubigen im ersten Sonntagsgottesdienst seit dem Brand der Willehadi-Kirche in Garbsen ihre Stimmen: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit“. Rund 600 Menschen waren in die katholische St. Raphael-Kirche gekommen. Viele fanden keinen Sitzplatz, manche standen vor dem Eingang und hörten den Gottesdienst von draußen an. Hier konnte man den Ruß der zerstörten evangelischen Kirche nebenan noch riechen, wenn der Wind von dort wehte.

Landessuperintendentin Ingrid Spiekermann führte mit viel Sensibilität durch die Andacht. „Heute gedenken wir der Brände der Synagogen im Nationalsozialismus und der Kirchen, auf die im Krieg Bomben fielen – aber wir dachten doch alle, das sei vorbei.“ Wie weh so etwas tut, hätten viele erst jetzt erfahren. Nun sei wichtig, nicht nur nach den Urhebern, sondern auch nach den Ursachen der Brandstiftung zu suchen. „Ist es richtig, ganze Quartiere so zu gestalten, dass sie nur schwer zueinander finden? Was können wir tun, um Aussteigern zu helfen, neu anzufangen?“

Rund 600 Gläubige haben am Sonntag in Garbsen den ersten Gottesdienst nach dem Brand der evangelischen Willehadi-Kirche mit Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann gefeiert.

Die christliche Botschaft entfaltet gerade in schwierigen Situationen wie der gegenwärtigen ihre Kraft. „Es sind zugleich Tage des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe. Nicht die Zerstörung hat das letzte Wort, sondern Jesus Christus, der spricht: ,Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch.‘“ Immer wieder erzählte die Landessuperintendentin von der Kraft des Bildes, das sich in der zerstörten Kirche bietet: Die bronzene Christusfigur trägt einen verkohlten Balken auf ihren Schultern.

Spiekermann dankte für die große Welle der Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, die die Gemeinde in diesen Tagen erfährt. So hätten alle beteiligten Stellen zugesichert, dass die Kirche wieder aufgebaut werde. Ein Zeichen setzten auch die muslimischen Gemeinden in Garbsen am Sonntagabend: Sie hielten eine Gedenkkundgebung am Zaun vor der zerstörten Kirche ab – unter dem Motto: „Nein zu Gewalt in Garbsen“. Als die abendliche Kundgebung im Gottesdienst angekündigt wurde, brandete spontaner Applaus auf. Inzwischen zeugen zahlreiche bunte Bänder am Zaun von der Solidarität der Bevölkerung.

Viele Garbsener können den Brand der Willehadi-Kirche im Stadtteil Auf der Horst immer noch nicht fassen. Brandstifter hatten das Gotteshaus in der Nacht zu Dienstag angezündet.

Auch Jürgen Jackowski brachte dort nach dem Gottesdienst eine Schleife an. Er sagt, wenn eine Kirche brenne, dann zeige das, wie groß die gesellschaftlichen Verwerfungen inzwischen seien. „Offenbar ist der Kontakt zu Teilen der Bevölkerung abgerissen.“ Bereits in den Tagen nach der Brandstiftung war der Verdacht auf Jugendbanden gefallen, die auch für viele kleinere Brandstiftungen im Vorfeld verantwortlich gemacht werden. Wichtig sei nun, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn erst jetzt Streetworker im Stadtteil eingesetzt würden, dann sei wohl am falschen Ende gespart worden.

Mehr zum Thema

Nach dem Brand der Willehadi-Kirche in Garbsen wollen viele Bürger helfen. Hinweise auf die Täter gibt es noch immer nicht. Für Sonntag lädt die Gemeinde zu einem Gottesdienst ein.

Gunnar Menkens 02.08.2013

Garbsen rückt nach den erschreckenden Vorfällen der letzten Tage zusammen. Das ist gut. Zugleich zeigt sich, dass im Problemstadtteil Auf der Horst über Jahre hinweg Fehler gemacht wurden. Manchmal wünscht man sich, dass öffentliche Stellen früher reagieren, meint HAZ-Lokalredakteur Conrad von Meding.

Conrad von Meding 02.08.2013

Unzählige blaue Bänder als Zeichen der Solidarität mit der Willehadi-Gemeinde: Etwas mehr als 600 Skater sind Freitag Abend um 20 Uhr mit diesen Bändern in die sechste Skate Night Garbsen gestartet.

Markus Holz 05.08.2013

Unzählige blaue Bänder als Zeichen der Solidarität mit der Willehadi-Gemeinde: Etwas mehr als 600 Skater sind Freitag Abend um 20 Uhr mit diesen Bändern in die sechste Skate Night Garbsen gestartet.

Markus Holz 05.08.2013

Welchen Aufgaben stellt sich Garbsens Politik nach dem Brand bei Willehadi am Dienstag? Einige Gruppen formulieren erste Einschätzungen. Die beiden größten Parteien, SPD und CDU, haben bisher nichts veröffentlicht.

Markus Holz 05.08.2013

Die ersten Gutachter haben die Willehadi-Kirche untersucht. Ihr vorläufiges Fazit: Große Teile der Kirche können voraussichtlich erhalten bleiben. Der Gemeindevorstand hat Donnerstag den Wiederaufbau beschlossen.

Markus Holz 01.08.2013