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22:27 26.06.2013
Von Markus Holz
Sicherheitstagung Garbsen: Der Kriminologe Christian Pfeiffer im Referat. Quelle: Markus Holz
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Garbsen

Der Präventionsrat hatte rund 60 Fachleute eingeladen zum Gespräch über die Sicherheitslage am Sperberhorst.

Pfeiffers Mitarbeiter vom Kriminologischen Forschungsinstitut hatten seit 2005 Daten ausgewertet und mit der Lage in der Stadt und Region Hannover, im Land und im Bundesgebiet verglichen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

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Die Gewaltkriminalität sinkt gegen den Trend seit 2011 rapide. Die Aufklärungsquote der Polizei bei Gewaltstraftaten liegt um zehn Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt, auch das seit 2010 gegen den Trend. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren als Tatverdächtige gibt es natürlich, aber ihre Zahl sinkt auf ein Fünftel des Wertes von 2006. Im Vergleich zu Bund, Land, Stadt und Region Hannover fällt die Kurve nirgends so steil wie in Garbsen. „Das hat auch seine Ursache in den Familien“, sagte Pfeiffer. Gewalt als Mittel der Erziehung werde immer weniger akzeptiert. Kinder ohne familiäre Gewalterfahrung setzten viel seltener Gewalt als Mittel ein, um Konflikte zu lösen oder persönliche Defizite auszugleichen, sagte Pfeiffer, „das schlägt sich auch in diesen Zahlen nieder.“ Um die Gruppe der Jugendlichen vom Sperberhorst gehöre sich intensiv gekümmert, „aber die Vorfälle seien nicht ungewöhnlich und vor allem kein Drama.“

Auf die Spannungen am Sperberhorst ging der Kriminologe Christian Pfeiffer eher am Rande ein, obwohl die meisten im 60-köpfigen Publikum, allesamt Fachleute aus der täglichen Arbeit vor Ort, auf Tipps des Experten gehofft hatten. Nachfragen brachten ihn auf diesen Punkt. Pfeiffer wertet die Beschädigungen, die Randale und die brennenden Container als Kompensationshandlungen junger Menschen, denen spannendere Angebote fehlen für einen Kick und deren Selbstwertgefühl erheblich angeschlagen ist. Pfeiffer forderte die Staatsanwaltschaft Hannover eindringlich auf, Straftaten aus diesem Umfeld vordringlich zu bearbeiten, um Verfahren zügig abzuschließen. Und er riet der Stadt: „Suchen Sie einen kommunikativ begabten Menschen, der beide Seiten – Jugendliche und Anlieger – wieder an einen Tisch holen kann.“ In dem Moment, in dem sich beide Seiten wieder zuhören, löse sich der Konflikt. Die Übergriffe seien „ärgerlich“, aber nicht dramatisch und überall auf der Welt zu finden. Sein grundsätzliches Plädoyer: „Machen Sie den jungen Leuten – egal wo – Lust auf Leben. Daran kann jeder mitarbeiten.“ Lale Cakan-Zengin, Leiterin des Pro Aktiv Centers (Pace) und vor Ort mit einem Teil der Jugendlichen im Gespräch, regte an, gelungene Beispiele für Integration in den Vordergrund zu holen, „damit die jungen Leute sehen, dass sie sehr wohl eine Chance haben, etwas aus ihrem Leben zu machen.“

Kommentar

„In Kiew ist es viel schlimmer“ – ja, Herr Pfeiffer, in Brasilien und Südafrika auch. Solche Vergleiche mögen belegen: Wir jammern auf hohem Niveau. Aber solche Allgemeinplätze helfen nicht weiter. Ich hätte mehr erwartet aus dem reichen Erfahrungsschatz des Kriminologen, damit die Sozialarbeiter, Lehrer und Polizisten am Sperberhorst weiterkommen. Zu viel erwartet. Pfeiffers Auftritt war dennoch wertvoll: Es tut sehr gut zu hören, dass Garbsens schlechter Ruf kein Fundament hat und dass die intensive Präventionsarbeit fruchtet.

Sven Sokoll 26.06.2013
Sven Sokoll 25.06.2013